Neustadt / Bad Dürkheim / Grünstadt
Russlands Krieg beeinflusst auch die Bestseller im Februar – zumindest ein bisschen
Anders als im Januar gibt es diesmal keinen einsamen Überflieger, denn Michel Houellebecqs Roman „Vernichten“ kam nur noch in drei Läden unter die Top 3. Mit ebenfalls drei Platzierungen trat ihm Yasmina Rezas soeben in deutscher Übersetzung erschienener Roman „Serge“ an die Seite. Auf die Frage, wie der Buchhandel im Februar verlief, kamen die Antworten ziemlich übereinstimmend. Es sei wie im Januar nicht zuletzt wegen des stürmischen Wetters eher ruhig gewesen. Frank Schwarz von Quodlibet in Neustadt: „Wir sind recht zufrieden. Außerdem waren wir wegen unserer neuen Aufgabe als RHEINPFALZ-Servicepunkt sehr im Einsatz.“ Bei Quodlibet eroberte sich übrigens mit dem autobiografischen Roman „Beatkeller und Pastaschuta“ des Neustadter Autors Jürgen Hammann über eine Jugend in den 70ern auch ein regionaler Titel einen Listenplatz. Uta Jung von der Buchhandlung Frank in Eisenberg bilanziert: „An den Sturmtagen war bei uns wenig los, da viele Leute aus den umliegenden Dörfern nicht zu uns kommen konnten. Jetzt freuen sie und wir uns auf den Frühling. Auch Kinderbücher in Richtung Frühling sind jetzt gefragt. Spiele laufen ebenfalls gut, so etwa das Spiel des Jahres ,Micro-Macro’.“
Verdammt gefährlich: Putins „mystisch-religiöse Rhetorik“
Der Einmarsch russischer Truppen in die Ukraine ist das derzeit verhängnisvollste Ereignis, das die Menschen umtreibt. Sachbücher darüber kann es natürlich noch nicht geben. Dennoch sei hier der bereits 2019 erschienene Titel „Die Wahrheit ist der Feind“ der Fernsehjournalistin Golineh Atai vorgestellt und empfohlen, für das sich im Buchmarkt in Bad Dürkheim zahlreiche Leser interessierten. Die Autorin war von 2013 bis 2018 ARD-Korrespondentin in Moskau und erhielt dort aufschlussreiche Einblicke in den russischen Neo-Imperialismus, dessen Zeugen wir jetzt gerade werden, und den damit verbundenen höchst zweifelhaften Umgang mit der Wahrheit. Bei ihren zahlreichen Begegnungen und Recherchen gelangte sie zu der Erkenntnis, dass Russland seit dem „Anschluss“ der Krim eine Großmacht ist, die „chauvinistisch spricht und aggressiv handelt“. Bereits damals habe Präsident Putin sich im Krieg gesehen. Atai hebt die Gefährlichkeit seiner „mystisch-religiösen Rhetorik“ sowie sein Um-Schreiben der Geschichte im Sinne der Macht hervor – und sie beleuchtet, warum sein gefährliches Machtspiel im Westen entweder verdrängt oder nicht rechtzeitig wahrgenommen wurde. Eine folgenschwere Entwicklung, die jetzt zur Katastrophe führte.
Ein Familienausflug nach Auschwitz
Hervorgehoben sei außerdem Yasmina Rezas neuer Roman „Serge“. Darin erzählt die französische Erfolgsautorin und -dramatikerin eine hintergründige jüdische Familiengeschichte und fängt zugleich das Lebensgefühl zweier europäischer Generationen ein. Die Geschwister der in Paris lebenden Familie Popper könnten unterschiedlicher kaum sein: Serge, die Titelfigur, ist ein verkrachtes Genie und Frauenheld. Sein Bruder Jean, Ich-Erzähler des Romans, gibt sich als Vermittler. Nana, die Jüngste, ist verwöhnt und mit einem „unpassenden“ Spanier zusammen. Nach dem Tod ihrer Mutter entfremden sich die Geschwister zunehmend. Niemand von ihnen hatte sie zu ihren Lebzeiten je nach der Shoah und nach dem Schicksal ihrer ungarischen Verwandten gefragt. Doch jetzt schlägt Serges Tochter Joséphine ausgerechnet eine Reise nach Auschwitz vor. Reza, 1959 als Tochter eines iranischen Vaters und einer ungarischen Mutter in Paris geboren, verarbeitet in diesem subtilen Roman eigene Erfahrungen ihrer weitverzweigten Familie. „Darin, das Grauen und die Absurdität der irdischen Existenz in Unterhaltung zu verwandeln, kann es kaum eine Autorin mit Reza aufnehmen“, lobte die „Süddeutsche Zeitung“. Der Kritiker von „Deutschlandfunk-Kultur“ beschrieb das Buch dagegen als „zwar handwerklich gekonntes, aber zielloses Geplänkel“.
Ein Auftragskiller auf Wangerooge?
Bei den Lesern sind auch Kriminalromane nach wie vor beliebt. Erfolgreich lief diesmal Klaus Peter Wolfs „Ostfriesensturm“ bei Osiander in Neustadt und Frank in Bad Dürkheim. Es ist der 16. Fall für Ostfrieslands Top-Ermittlerin Kathrin Klaasen, die es hier mit der Leiche eines Mannes zu tun hat, die in einer Ferienwohnung auf Wangerooge gefunden wird. Der Verdacht fällt schnell auf das organisierte Verbrechen. Als ein zweiter Mord geschieht, müssen alle Touristen die Insel verlassen. Wo versteckt sich der Mörder, der ein eiskalter Auftragskiller, aber auch ein psychopathischer Serientäter sein kann.
Buchtipp: Maxim Leos Medien- und Hochstapler-Posse „Der Held vom Bahnhof Friedrichstraße“
Den druckfrischen Roman „Der Held vom Bahnhof Friedrichstraße“ (Kiepenheuer & Witsch, gebunden, 295 Seiten, 22 Euro) von Maxim Leo, eine Berliner Hochstapler-Posse mit medienkritischen Seitenhieben, hat Jannis Mewes von der Buchhandlung Frank in Bad Dürkheim höchst amüsiert gelesen und empfiehlt ihn als Buch des Monats:
„Der Videoverleih-Inhaber Michael Hartung findet sich stets auf der falschen Seite des technischen Fortschritts wieder. So verkaufte er in der DDR noch Satellitenschüsseln kurz bevor das Kabelfernsehen eingeführt wurde, und auch tragbare C-Netz-Telefone, bevor das Handy seinen Siegeszug antrat. Auch wenn VHS-Videokassetten in Hartungs Laden mittlerweile durch DVDs ersetzt wurden, bleibt ihm im Zeitalter von Netflix nichts anderes mehr, als sich in seiner zu einer Wohnung umfunktionierten Erotik-Ecke in die Zeit zurück zu träumen, als Fernseher mit dem Geruch verbrannten Staubes ansprangen.
Diese statische Ruhe wird jäh unterbrochen von Alexander Landmann, Reporter des Hamburger Blattes ,Fakt’, der auf der Suche nach der großen Story ist, die seinem Blatt und vor allem ihm selbst wieder die verdiente Aufmerksamkeit beschert. Kurz vor dem nahenden Jahrestag des Mauerfalls scheint die spektakuläre (leider fiktive) Flucht von 127 Menschen in einer S-Bahn über den Bahnhof Friedrichstraße im Juli 1983 genau das richtige Thema. Hartung war damals im Stellwerk beschäftigt und und wurde kurz danach von der Stasi verhört. War es Zufall oder fahrlässiges Unterlassen? Ausdruck von Opposition oder ein Missgeschick? Da Landmann es mit der Wahrheit nicht so genau nimmt und Hartung das angebotene Geld dringend braucht, willigt er ein, seine Version der Geschichte zu erzählen.
Dies ist der Anfang einer amüsanten Hochstapler-Posse, in deren Verlauf der glücklose Hartung an die Spitze der medialen Aufmerksamkeit gespült wird. Zeitungen, Fernsehsender, sogar der Bundespräsident – sie alle wollen die Geschichte des ,ostdeutschen Oskar Schindler’ hören, des Mannes, der für die Freiheit anderer auf seine eigene verzichtete. Erst als Hartung sich in Paula verliebt, eine lebensfrohe Frau, die als Kind selbst in der fraglichen S-Bahn Richtung Westen saß, beginnt die Welle Hartung langsam zu überrollen ...
Maxim Leo, 1970 in Ostberlin geboren, erzählt dieses Versteckspiel flott und humorig, ohne flach zu werden. Die Medienkritik ist subtil, aber deutlich, und dem Autor gelingt es immer wieder, eine dem Thema ,Erinnerungskultur’ angemessene Ernsthaftigkeit zu erschaffen. So konterkariert er zum Beispiel gekonnt die stereotypen Plattitüden des ,Besserwessis’ Landmann mit der erlebten Realität Hartungs in Deutschlands letzter Diktatur. Ist Hartung nun ein tragischer Held, dem die Umstände keine Wahl ließen, oder ein Hochstapler, der ein aus den Fugen geratenes Medienkarussell zu seinem Vorteil zu bedienen weiß? Lesen Sie das Ende, es lohnt sich!“
Die Bestseller im Februar
Bahnhofsbuchhandlung (Neustadt)
1. Janosch: Wondrak für alle Lebenslagen
2. Michel Houellebecq: Vernichten
3. Florian Illies: Liebe in Zeiten des Hasses
Buchmarkt (Bad Dürkheim)
1. Yasmina Reza: Serge
2. Golineh Atai: Die Wahrheit ist der Feind – Warum Russland so anders ist
3. Sarah Sprinz: Dunbridge Academy
Bücherstube (Neustadt)
1. Barbara Honigmann: Unverschämt jüdisch
2. Anthony Doerr: Wolkenkuckucksland
3. Bernhard Schlink: Die Enkelin
Frank (Bad Dürkheim)
1. Michel Houellebecq: Vernichten
2. Klaus Peter Wolf: Ostfriesensturm
3. Marianne Koch: Alt werde ich später
Frank (Eisenberg)
1. Martin Suter: Einer von euch
2. Delia Owen: Der Gesang der Flusskrebse
3. David Safier: Miss Merkel – Mord in der Uckermark
Frank (Grünstadt)
1. Bernhard Schlink: Die Enkelin
2. Yasmina Reza: Serge
3. Navid Kermani: Jeder soll von da, wo er ist, einen Schritt näher kommen
Hofmann (Neustadt)
1. Yasmina Reza: Serge
2. Michel Houellebecq: Vernichten
3. Jürgen von der Lippe: Sex ist wie Mehl – Geschichten und Glossen
Osiander (Neustadt)
1. Edgar Selge: Hast du uns endlich gefunden
2. Klaus Peter Wolf: Ostfriesensturm
3. Hans-Erdmann Schönbek / Tim Pröse: ... und nie kann ich vergessen
Quodlibet (Neustadt)
1. Anne Weber: Annette, ein Heldinnenepos
2. Jürgen Hammann: Beatkeller und Pastaschuta – Highlife im Jugendwohnheim
3. Louise Penny: Totes Laub – Der elfte Fall für Gamache