Neustadt Rußiges Küsschen
Am Sonntag ist es wieder so weit: In der Forster Dorfstraße und vor der Felix-Christoph-Traberger-Halle wird das Hanselfingerhut-Spiel aufgeführt. Damit soll beim ersten Frühlingsfest in der Verbandsgemeinde Deidesheim der Winter endgültig vertrieben werden.
Das Forster Hanselfingerhut-Spiel wurde 2016 von der Unesco in die Liste des immateriellen Kulturerbes in Deutschland aufgenommen. Das erste Mal soll es der Überlieferung nach 1721 aufgeführt geworden sein. Seine Ursprünge liegen wahrscheinlich noch weiter zurück. Das Spiel stellt im Wesentlichen den Kampf des Winters (als Strohfigur dargestellt von Aaron Steinrock) gegen den Sommer in seinem grünen Blätterkleid (gespielt von Manuel Reuther) dar, der natürlich den Sieg davonträgt. In dieses jahrhundertealte Motiv mischen sich im Forster Spiel Elemente aus dem alemannischen Raum. So erinnert das bunte Flickenkleid des schwarz geschminkten übermütigen Hanselfingerhut (Noah Steinrock) an die Verkleidungen aus der alemannischen „Fasnet“. Tatsächlich sollen es auch Zuwanderer aus der Schweiz und Südbaden gewesen sein, die das Spiel nach Forst gebracht haben, als sie vor rund 350 Jahren auf Einladung der Landesherren in die Kurpfalz in die nach dem 30-jährigen Krieg in weiten Gebieten entvölkerte Pfalz gekommen sind. Auch die Figur der „Nudelgret“ (Eliah Steinrock) soll auf diesem Weg in Forst gelandet sein, und zwar aus Italien. Im Hanselfingerhut-Spiel steht sie dem Winter zur Seite und verteilt süße Brezeln. Die Uniform des Henrich-Fähnrich (Tim Schuster) steht für die Kriege des 16. und 17. Jahrhunderts, und der Scherer (Jonathan Steinrock) stammt aus dem regionalen Umfeld: Er erinnert an die betreffende Innung Neustadt-Mußbach. Im Spiel entscheidet der Henrich-Fähnrich über den Ausgang des Streits zwischen Winter und Sommer. Der Scherer soll den Hanselfingerhut zur Ader lassen, um ihn von seinem wilden Übermut zu befreien. So bunt wie die Figuren ist auch der Spielverlauf. In der Auseinandersetzung zwischen Winter und Sommer läuft der liebenswerte Hallodri Hanselfingerhut den beiden Kontrahenten den Rang ab und ist vor allem der Liebling der Frauen; denn mit seinem (immer wieder nachgeschminkten) schwarzen Mund drückt er ihnen gut sichtbare Küsschen auf die Wange. Sofern sie es wünschen. Auch darin steckt ein uraltes Motiv: dass der Sommer die totgeglaubte Natur (in der mittelalterlichen Literatur oft dargestellt von einer alten Frau) wieder zum Leben erweckt und verjüngt. „Die Spieler sind mit Herzblut dabei“, sagt Cornelia Thomé, Vorsitzende des Vereins für Brauchtum und Dorfverschönerung Forst. Dieser organisiert das Hanselfingerhut-Spiel als Gemeindefest. Vereinsmitglieder bieten in der Dorfstraße gegen eine Spende Buttons zum Hanselfingerhut-Spiel an. Auch bunte Sommertagsstecken werden gegen eine Spende ausgegeben. Beginn ist um 14 Uhr am Ortseingang von Forst Richtung Wachenheim. Entlang der Dorfstraße wird das Spiel mehrmals aufgeführt, zum Abschluss um 15.30 Uhr an der Traberger-Halle. Im Anschluss werden die schönsten Sommertagsstecken prämiert. An der Halle ist ein Festplatz aufgebaut. Auch die Forster Gastronomiebetriebe haben geöffnet.