Maikammer / Neustadt RHEINPFALZ Plus Artikel Radsport: Wie Georg Weigenand die Bergwertung am Viehberg in Neustadt gewann

Georg Weigenand 1985 bei der Weinstraßen-Tour in Führung liegend am Viehberg.
Georg Weigenand 1985 bei der Weinstraßen-Tour in Führung liegend am Viehberg.

Eine Foto und seine Geschichte: „Der ganz große Aufstieg des kleinen Schorschel“ – so lautete die Überschrift am 9. Mai 1985 in der RHEINPFALZ, als der seinerzeit nur 61 Kilogramm schwere und 1,69 Meter große Neustadter Radsportler seit dem Tag zuvor für die deutsche Nationalmannschaft im Sattel saß. „Der Schorschel war einmal, jetzt bin ich der Schorsch“, sagt Weigenand heute lachend und klopft sich auf seinen Bauch.

„1984 und 1985 waren meine Topjahre“, sagt der 56-jährige Georg Weigenand, der seit zehn Jahren ein Radsportgeschäft in Maikammer betreibt. Zuvor hatte er ab 1996 einen Radladen in Kirrweiler. 1985 durfte er für die BRD, die Bundesrepublik Deutschland, an der 38. internationalen Friedensfahrt teilnehmen. Es war bis zur Wende das bedeutendste Amateurrennen und führte damals von Prag über Moskau und Warschau nach Berlin. Zwölf Etappen, 1689 Kilometer. „Die Friedensfahrt war mein größtes Erlebnis als Sportler“, erzählt der Maikammerer Geschäftsmann. „Es war brutal zu sehen, was im Osten abgegangen ist“, blickt er zurück auf „lange Schlangen vor den Geschäften“ in den einstigen Ostblock-Staaten. Das sei derzeit fast ein bisschen ähnlich, „nur tragen heute alle Masken“, spielt er schmunzelnd auf die Corona-Krise an.

Der Einstieg in die Friedensfahrt missglückte Weigenand aber total. „Beim Start von der Rampe ist mir das Schaltwerk komplett durchgebrochen“, sagt er. Die Zeit für den Prolog sei unerbittlich weitergelaufen. „Ich durfte nicht neu starten.“ Schnell war das Ersatzrad zur Stelle, fix wurde der Sattel vom alten aufs neue Rad gewechselt. „Ich wäre in die Top Ten gefahren, hätte man die reine Fahrzeit genommen“, weiß Weigenand noch. Seine Stärke zeigte er auch auf der 199 Kilometer langen Etappe in Polen von Rozprza nach Warschau. „Vier Mann waren vorne weg. An der letzten Verpflegung attackierte ich mit meinem Ersatzrad. Die vier habe ich an der Zehn-Kilometer-Marke gekriegt“, erzählt der ehemalige Rennfahrer mit leuchtenden Augen. Dann seien noch drei Zielrunden zu absolvieren gewesen. „Ich hatte schon im Kopf, ich bin der dritte Deutsche, der bei der Friedensfahrt eine Etappe gewinnt“, erinnert sich Schorsch Weigenand lachend. „Der Sieg war zu 1000 Prozent sicher.“ Er hätte nur seinen Rhythmus weiterfahren müssen. Hätte. Wäre. Weigenand heute: „Ich hatte nicht registriert, dass ich immer langsamer geworden bin.“ Es gab schließlich ein Fotofinish: Auf den letzten Zentimetern seien noch drei Fahrer an ihm vorbeigehuscht.

Weibels Standpauke

Der damalige Bundestrainer Peter Weibel – übrigens 1975 der erste Westdeutsche, der während der Friedensfahrt eine Etappe gewonnen hat – habe ihm dermaßen eine Standpauke gehalten, dass „ich nachts meine Eltern angerufen habe: Vater, hol mich heim“. Im Osten habe man seinerzeit das Gespräch in den Westen anmelden müssen. In der Nacht sei der Portier zu ihm gekommen: „Herr Weigenand, Ihr Telefonat.“

Georg Weigenand ist weitergefahren, beendete die Friedensfahrt auf Platz 45. „Ich hatte nur noch 56 Kilogramm, als ich von der Friedensfahrt heimgekommen bin“, berichtet er, gibt aber auch zu „auf dem Rad immer essfaul gewesen zu sein“. 1985 habe er die Trikotgröße XS getragen und habe noch vorne einen Knoten hineinmachen müssen, damit es nicht geflattert habe.

1985 hatte es auch noch die Weinstraßen-Tour gegeben. „Das war ein Traumereignis in der Pfalz“, schwärmt „Schorsch“ noch heute von dem Tagesrennen, das meist zwischen 170 und 190 Kilometer lang war und dessen Start- und Ziellinie Jahr für Jahr woanders gewesen sind. „Die Tour gab es seit Mitte der 1950er- oder 1960er-Jahre“, weiß Weigenand. „Dann von 1984 bis 1987, 1988 oder 1989, ein Jahr war Pause. Und dann war nichts mehr.“

Schorschels Ortskenntnisse

Auf jeden Fall hat „Schorschel“ damals seine Ortskenntnisse gnadenlos ausgenutzt. „Ich habe immer geguckt, wo in den Orten die Prämien abgenommen worden sind“, verrät er. „Damals gab’s in jeder Ortschaft hoch dotierte Geldprämien oder Weinpräsente.“ In der Grünstadter Gegend habe er 1985 versucht, das Feld zu dezimieren. „Am Viehberg in Neustadt standen die Leute Spalier“, erzählt Weigenand weiter. „Ich war in Führung, ich war wie Sau motiviert.“ Von der Zwockelsbrücke bis zum Viehberg hoch sowie hinauf nach Haardt sei es eine Kulisse „wie bei einem großen Profiradrennen gewesen“.

Am Viehberg seien die Stangen herausgenommen worden, um den Rennfahrern freie Fahrt zu ermöglichen. Der Neustadter gewann hier die Bergwertung. Auch zuvor an der Althart hatte er den Anstieg als Erster gemeistert. „Wir sind von Bad Dürkheim über Mußbach nach Gimmeldingen und über die Althart nach Neustadt“, kennt „Schorsch“ noch immer genau den Streckenkurs. Im weiteren Verlauf sei es in Leinsweiler zum Slevogthof hinaufgegangen. „Das tut dort richtig weh über die Wirtschaftswege“, betont er. „Meine Streckenkenntnisse waren ein riesiger Vorteil“, gibt er zu. Am Etappenziel in Landau mussten noch fünf Zielrunden absolviert werden. Mit Bernd Gröne, Michael Schenk, Wolfgang Watty, Hartmut Bölz, Peter Gänsler, Stefan Stöhr und Frank Plambeck sei er in der Spitzengruppe gefahren, sei am Ende Vierter geworden. „Ich war kein Sprinter – meine Fahrweise war ,auf die Plätze, fertig, Schorsch’“, sagt der 56-Jährige und lacht laut.

Nicht für WM nominiert

So erfolgreich das Jahr 1985 für ihn auch verlaufen war, seine Erfolge durfte der damals 23-jährige Neustadter nicht mit der Teilnahme an der Weltmeisterschaft in Italien krönen. Er wurde nicht nominiert, „obwohl ich in der Bundesliga weit vorne gelegen habe“. Und auch das Gelände am WM-Ort Bassano del Grappa sei auf ihn zugeschnitten gewesen. In einem Restaurant habe er schließlich den Bundestrainer Peter Weibel zur Rede gestellt, wollte wissen, warum sein Name nicht auf der WM-Liste stehe. Die Antwort Weibels: „Ei Bu, Du bischd noch zu jung.“ Weigenand verrät heute, dass „ich damals schon aufhören wollte“.

Er hörte nicht auf, genoss unter anderem 1987 noch einmal die Weinstraßen-Tour. „In Flemlingen ging’s beim Weinfest durchs Weinzelt – es war Wahnsinn, es war eine geile Zeit.“ 1995 war er zum letzten Mal bei der Rheinland-Pfalz-Rundfahrt dabei. Zwischendurch ist er noch drei Jahre mit dem Mountainbike aktiv gewesen. Nach der Taiwan-Rundfahrt im März 1996 fuhr er schließlich im August 1996 in Schaidt sein letztes Rennen, gewann es auch. Und weiß noch genau, was er auf der Zielgeraden gerufen hat: „Das war’s vom Schorsch.“

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