Neustadt RHEINPFALZ Plus Artikel Rätselhaftes aus dem Vormärz – was Lutz Frisch über die „Hambacher Musikstücke“ herausgefunden hat

Zwei der vier „Hambacher Musikstücke“, die im Nachgang zum Hambacher Fest entstanden – der „Hambacher Favorit-Marsch“
Zwei der vier »Hambacher Musikstücke«, die im Nachgang zum Hambacher Fest entstanden – der »Hambacher Favorit-Marsch«

Es eröffnen sich interessante Blicke auf die Rezeption des Hambacher Fests und auf eine Neustadter Familie mit ihrer Vernetzung im Bürgertum der Zeit.

Lutz Frisch, von 1999 bis 2009 Neustadter Kulturdezernent, von 1995 bis 2005 Abgeordneter im rheinland-pfälzischen Landtag, hat sie bei Recherchen im Neustadter Stadtarchiv entdeckt: vier Klavierkompositionen, komplett erhalten als jeweils zweiseitige Partituren mit illustriertem Titelblatt. Alle weisen einen Bezug zu Hambach auf. Gedruckt wurden sie direkt im Anschluss an das Hambacher Fest von 1832. Doch wer hat sie komponiert?

Die Spur führt, so hat Lutz Frisch ermittelt, in das Umfeld des illustren Neustadter Unternehmers Ludwig (genannt Louis) Dacqué. Dacqué entstammte einer Hugenottenfamilie, die im 18. Jahrhundert das Bürgerrecht in Neustadt erwarb. Zu seinen Nachkommen gehören der berühmte Paläontologe Edgar Dacqué und der Bankier Adolf Dacqué, für den 1886 die Villa Böhm (ursprünglich „Villa Dacqué“) errichtet wurde, in der heute das Neustadter Stadtmuseum seinen Sitz hat. Während des Hambacher Fests vom 27. bis 30. Mai 1832 sei er in seiner Funktion als Neustadter Bürgermeister mit der Einhaltung von Sicherheit und Ordnung betraut gewesen, weiß Frisch. Damit schuf er die Bedingungen, unter welchen der Stadtrat relativ kurzfristig die Genehmigung des Deutschen Bundes erhielt.

„Souvenirs“ erinnern an demokratischen Aufbruch

Bis zu 30.000 Menschen sollen dann an dem Zug auf die Schlossruine teilgenommen haben – zu nennenswerten Ausschreitungen kam es offenbar nicht. Sein Bekenntnis zu der demokratischen Bewegung habe das Bürgertum mit verschiedenen „Souvenirs“ zur Schau getragen, berichtet Frisch – beispielsweise mit dem „Hambacher Tuch“, das die Porträts von 16 „Schirmherren“ zeigt, mit Pfeifenköpfen oder Schürzen mit dem Motiv des Festzugs.

In diesem Zusammenhang müssen auch die vier Kompositionen für Klavier entstanden sein. Sie sind also nicht auf dem Hambacher Schloss erklungen, sondern waren Teil der Erinnerungskultur im häuslichen Milieu. Es handelt sich um Genrestücke von unterschiedlichem Schwierigkeitsgrad. Alle vier erschienen im Verlag „B. Schott’s Söhne“ in Mainz. Über das einheitliche Format hinaus verbindet sie ein Hang zur revolutionären Hymnik aus Frankreich – ein „militärischer“ Stil, der bisweilen Trompeten und Pauken zu imitieren scheint. Lutz Frisch hat sie vor einiger Zeit im Rahmen eines Vortrags aufführen lassen. Digital seien sie in mehreren Bibliotheken zugänglich.

Musikstücke mit einem hohen Maß an „Schrägheit“

Aus musikalischer Perspektive geben die vier Stücke durchaus Rätsel auf: Alle sind von einer uneinheitlichen Stimmführung, teils bizarren Registerwechseln und mitunter sperrigen Akkorden geprägt. Der „Hambacher Walzer“, in der Partitur als „Walse“ bezeichnet, erschien gleich im Juni 1832. Die „Hambacher Galoppade“, spieltechnisch schwerer und mit mehr Details versehen, wartet mit einer anspruchsvollen, für das Tempo beinahe zu volltönenden Begleitung auf. Der „Hambacher Favorit Marsch“ (erschienen zum Jahreswechsel 1832/33) steht – kurios für einen Marsch – im 6/8-Takt. Sein „Trio“, also der für gewöhnlich zurückhaltendere Mittelteil, erscheint für die Vortragsbezeichnung „piano“ („leise“) zu wuchtig. Im Hinblick auf dieses Maß an „Schrägheit“ lassen sich die vier „Hambacher Musikstücke“ mit gewissem Recht einem gebildeten Amateur zuschreiben.

Es sei, sagt Lutz Frisch, im Schott-Verlag seinerzeit nicht üblich gewesen, unbekannte Komponisten namentlich zu erwähnen. Dementsprechend ist in den Druckbüchern des Verlags kein Autor verzeichnet. Am vierten Stück, dem „Zweiten Hambacher Favorit Walzer“ über ein Thema von Gioachino Rossini (erschienen 1833 zum ersten Jahrestag des Hambacher Fests), fällt auf, dass es zwar in der Textur und im Druck dem „Hambacher Walzer“ ähnelt, aber anscheinend nicht für dasselbe Klavier gedacht war: Schon in der Einleitung wurde die Oktavverdopplung im Bass bei den untersten Tönen einfach ausgelassen. Hat der Komponist antizipiert, dass dieses Register auf einem bestimmten Instrument (gar im eigenen häuslichen Rahmen) fehlte, oder wollte er schlichtweg garantieren, dass sich auch Liebhaber mit kleineren Instrumenten für das Stück interessierten?

Eine plausible Hypothese zum Urheber

Lutz Frisch hat die vier „Hambacher Stücke“ bereits in seinem 2012 erschienen Buch „Deutschlands Wiedergeburt – Neustadter Bürger und das Hambacher Fest“ (erschienen im Neustadter Verlag Bezirksgruppe Neustadt im Historischen Verein der Pfalz) erfasst. Dank seiner Kenntnis der Sozialgeschichte und profunder Quellenforschung ist es dem 81-Jährigen nun gelungen, die Suche nach dem Komponisten (oder der Komponistin) mit einer plausiblen Hypothese einzugrenzen: Sein „Kandidat“ heißt Johann Ludwig (genannt Jean Louis) Dacqué – Ludwig Dacqués Sohn und Gründer des Neustadter Cäcilienvereins. Geboren 1807, ist er als „J. L. Dacqué“ in Chorlieder-Sammlungen der Zeit vertreten.

Nach seinem Tod 1858 hat seine Enkelin seine Tätigkeit in einem überlieferten Nachruf bestätigt. Der Musikwissenschaftler Oliver Weyrauch ordnet ihn in seiner Dissertation „Die Geschichte des Männerchorwesens der Pfalz von seinen Anfängen bis zur Gründung des Deutschen Reiches (1871) im Spiegel politisch-gesellschaftlicher Entwicklungen“ (Universität Koblenz-Landau, 2011) den Freimaurern zu. Auf dem Hambacher Fest, so Lutz Frisch, diente Johann Ludwig Dacqué als freiwilliger Aufseher. Als Unterstützer der freiheitlichen Gesinnung habe er sich einem schriftlichen Protest gegen die Kritik der Regierung angeschlossen.

Ein „heißer Draht“ zum Verlag in Mainz

Die damals von seinem Vater und ihm selbst geführte Papierfabrik im Schöntal unterhielt direkte Beziehungen zum Verlagshaus Schott. 94 archivierte Rechnungen dokumentieren eine Zusammenarbeit von 1829 bis 1841: Aus den Begleitbriefen hat Frisch herausgefunden, dass die Familie Dacqué zuzüglich zur Vergütung von geliefertem Notenpapier regelmäßig neue Literatur für Klavier bestellte. Dass die Illustrationen auf den Titelseiten der „Hambacher Stücke“ auf den nahezu gleichaltrigen Neustadter Grafiker Mathias Johann Carl Thum (1810–1899) zurückgehen, hat der Neustadter Künstler Gerhard Hofmann schon früher nachgewiesen, eine Entdeckung, über die die RHEINPFALZ am 22. Juli 2023 berichtete. Im Hinblick auf diesen „heißen Draht“ nach Mainz ist es gut vorstellbar, wie die „Hambacher Stücke“ so schnell in das Sortiment dieses angesehenen Verlags gelangt sind. So eröffnen sie einen Blick auf den sozialen Kontext und die Rezeption des Hambacher Fests und auf die Neustadter Familie Dacqué mit ihrer Vernetzung im Bürgertum der Zeit.

... und die „Hambacher Galoppade“ (Ausschnitte der Deckblätter).
... und die »Hambacher Galoppade« (Ausschnitte der Deckblätter).
Lutz Frisch mit seinem Buch zum Hambacher Fest.
Lutz Frisch mit seinem Buch zum Hambacher Fest.
x