Neustadt Pilotprojekt: Pflegen und Kümmern

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1511 pflegebedürftige Menschen werden in Neustadt derzeit zuhause versorgt. Das sind 75 Prozent aller Betroffenen. „Eine beachtliche Quote“, sagt Sandra Gröschel-Krämer, Abteilungsleiterin Behinderte, Senioren und Betreuung bei der Stadtverwaltung. „Das ist das, was die Menschen wollen“, ergänzt Bürgermeister und Sozialdezernent Ingo Röthlingshöfer. Um angesichts der zunehmenden Anzahl an Senioren auch künftig ein weitgehend selbstbestimmtes Leben ermöglichen zu können, hat die Stadt zusammen mit ihrer Wohnungsbaugesellschaft ein Pilotprojekt entwickelt. Es heißt „Wohnen und Pflege im Alter“ und soll in der zweiten Jahreshälfte in Branchweiler starten. Der Ursprung dieses Projekts liegt in Bielefeld. Dort wurde in den 1990er Jahren eine Idee entwickelt, wie ein Pflegedienstleister und Ehrenamtliche in einem Quartier zugunsten der älteren Bevölkerung zusammenarbeiten können. Wovon alle einen Nutzen haben – so, wie es früher über Familien- und Nachbarschaftsstrukturen gut funktionierte. Das sogenannte Bielefelder Modell stand Pate für viele kommunale Initiativen – die auch das Mainzer Sozialministerium unterstützt. Pirmasens, Kaiserslautern, Mainz und andere haben sich an den Start gemacht – und eben auch Neustadt. Im Geviert zwischen Speyerdorfer Straße, Adolf-Kolping-Straße, Branchweilerhofstraße und Industriestraße liegt das Quartier, in dem das Bielefelder Modell à la Neustadt realisiert werden soll. Dort verfügt die Wohnungsbaugesellschaft (WBG) über viele Häuser mit „etwa 1200 Wohnungen“, wie Michael Kolb erläutert, bei der WBG im Bereich Organisation tätig. Viele davon seien seniorenfreundlich modernisiert worden, der Altersdurchschnitt der Mieter liege bei 53 Jahren, etwa 65 Menschen hätten bereits jetzt Pflegebedarf. Der Dreh- und Angelpunkt des Projekts wäre mittendrin: ein Servicestützpunkt Pflege im Gebäude eines Ex-Drogeriemarkts und ein Wohn-/Nachbarschaftscafé im dahinterliegenden Haus, das die WBG gekauft und in dem der Club Behinderter und ihrer Freunde (CeBeeF) seine Heimstatt hat. Aus dem ganzen Quartier sei dieses Zentrum schnell zu erreichen, auch mit Rollator, so Gröschel-Krämer. Umgekehrt habe der Pflegedienst ebenso kurze Wege, zudem liege das Mieterbüro der WBG direkt gegenüber. Laufen werde ohnehin einen neuen Stellenwert bekommen, meint Röthlingshöfer. Und spricht damit ein Hauptmerkmal des Pilotprojekts an: Indem ein Pflegedienst direkt im Quartier ansiedelt, ist er immer da, fußläufig unterwegs und damit so präsent im Stadtbild, wie es früher beispielsweise die Gemeindeschwester war. Was zwei weitere Aspekte beinhaltet: einen 24-Stunden-Service, der alle Pflegestufen umfasst und heute in Neustadt noch nicht möglich ist, und daneben eine Art Quartiersmanagement. Zehn ambulante Pflegedienste gibt es zurzeit in der Stadt; am 1. Februar sollen sie über das Vorhaben informiert werden, dann läuft die Bewerbungsfrist. Indes: Quartiersbewohner können ihren Pflegedienst natürlich trotzdem frei wählen. Ein Betreuungsbeitrag wie bei betreutem Wohnen würde bei dem Pilotprojekt nicht anfallen. Auch das ist den Initiatoren wichtig. Was allerdings nur funktioniert, wenn es mit dem ehrenamtlichen Engagement klappt. Der Sozialdezernent setzt darauf, dass es in Neustadt so gut läuft wie in Städten, wo das Bielefelder Modell bereits greift. Zum einen also der ambulante Dienstleister als kleiner Quartiersmanager, zum anderen Ehrenamtliche, die sich als Nachbarschaftshilfe verstehen und auch bestimmte Dienstleistungen übernehmen. Wie die Betreuung des Wohncafés als gesellschaftliches „Herzstück“ und Treffpunkt für Mahlzeiten. Ergänzt werden soll das Ganze durch eine Gästewohnung, für Angehörige oder um eine Kurzzeitpflege zu ermöglichen, ohne zuhause alles auf den Kopf stellen zu müssen. Sobald die Weichen beim Pflegedienstleister gestellt sind, wollen WBG und Stadt die Menschen im Quartier gezielt informieren. Im Seniorenbeirat und anderen Gremien wurde das Projekt bereits vorgestellt. Als Blaupause könnte es Röthlingshöfer zufolge noch für andere Gebiete dienen: für die Hambacher Höhe oder den Knappengraben, aber auch für die Ortsteile. (ahb)

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