Hassloch
Pfälzer Schülerin startet mit eigenem Kosmetik-Business durch
Es könnte eine Szene aus einem Film sein: In einem Kinderzimmer sitzt eine Schülerin zwischen Reagenzgläsern, Rohstoffen und Notizen, arbeitet sich in chemische Zusammenhänge ein, bestellt Zutaten über das Internet, testet, verwirft und beginnt immer wieder von vorn – bis sie Schritt für Schritt ihr eigenes Nagelpflegeprodukt entwickelt. Was nach der Dramaturgie eines Drehbuchs klingt, ist die Geschichte der Haßlocherin Elisabeth Nguyen.
Zwei Jahre sind seit den ersten Experimenten vergangen. Ihr Nagelöl produziert die 19-Jährige mittlerweile nicht mehr in ihrem Kinderzimmer, sondern in den Räumlichkeiten ihres Unternehmens Eli’s Maquillage in Haßloch. Wenn Nguyen von ihrer Geschichte erzählt, spricht nicht mehr nur die Schülerin, die in wenigen Wochen ihr Abitur schreibt, sondern eine junge Gründerin, die sich souverän in der Sprache der Unternehmenswelt bewegt.
Persönlich schwierige Phase
Begonnen hat ihrer Reise jedoch nicht mit einer ausgefeilten Strategie, sondern mit einem persönlichen Problem. „Es war eine schwierige Zeit in meinem Leben“, blickt Nguyen zurück. Mentale Belastungen hätten sich nicht nur auf ihren Alltag, sondern auch auf ihren Körper ausgewirkt. „Meine Nägel waren brüchig, dünn und so kurz, dass ich mich fast schämte, sie zu zeigen. Es fühlte sich an, als würden meine Nägel den Zustand meiner inneren Welt spiegeln.“
Auf der Suche nach Hilfe griff die Schülerin zunächst zu Produkten aus der Drogerie. Doch keines überzeugte sie nachhaltig, weder in der Wirkung noch mit Blick auf Inhaltsstoffe, Produktionsbedingungen und Preis. Sie suchte ein Nagelöl, das vegan, fair gedacht, möglichst frei von problematischen Stoffen und zugleich auch für junge Menschen bezahlbar ist.
Um die teils kryptischen Angaben auf den Verpackungen überhaupt einordnen zu können, arbeitete sie sich tief in das Thema ein, recherchierte zu Inhaltsstoffen, Formulierungen, Qualitätsmerkmalen und blickte mit jedem neuen Wissensschritt kritischer auf den Markt. Als sie dort keine Lösung fand, nutzte sie ihr Wissen, um ihr eigenes Nagelöl zu mischen. „Weil es mir geholfen hat, wollte ich das gerne auch an andere weitergeben“, sagt die Abiturientin.
Von der persönlichen Lösung zur Marktlücke
Aus der persönlichen Lösung entwickelte sich nach und nach ein unternehmerischer Blick. Wirtschaftliche Themen hätten sie schon früh interessiert, sagt Nguyen. Neben der Schule hat sie bereits Vorlesungen im Bereich Wirtschaftspsychologie an der Universität in Mannheim besucht und will dort nach dem Abitur auch studieren. „Die Schule ist eine gute Grundlage, aber im Businessbereich ist meine Leidenschaft“, sagt sie. „Ich liebe es, mir neues Wissen selbst anzueignen und es dann in die Praxis umzusetzen.“
Genau das tat sie und richtete den Blick auf die Praxis. Um herauszufinden, ob es für ihr Produkt überhaupt einen Bedarf gibt, sprach sie mit Menschen aus der Branche, hörte in Nagelstudios zu und stieß immer wieder auf dasselbe Thema: trockene, angegriffene Nägel. Gerade bei Modellagen könne Trockenheit dazu führen, dass sich der Kunstnagel vom Naturnagel löst, sogenannte „Liftings“. „Es gibt eine Lücke im Nagelpflegebereich“, sagt die Haßlocherin. Viele Produkte seien teuer und stark über Marketing, Duft und Ästhetik aufgeladen, im Alltag aber nicht immer so funktional wie sie versprechen.
Weniger Inhaltsstoffe, mehr Funktion
Um diese Lücke zu schließen, entwickelte Nguyen ihr Öl weiter und arbeitete an einem Prototypen. Unterstützung erhielt sie dabei von ihrem Chemielehrer sowie von Startup Teens, einer Initiative zur Förderung junger Gründerinnen und Gründer. Bei der Zusammensetzung des Öls folgte sie einem klaren Prinzip: weniger Inhaltsstoffe, mehr Funktion. Das Produkt sollte Feuchtigkeit spenden, schnell einziehen, nicht fetten, nicht aufdringlich riechen und den Nagelbereich so pflegen, dass Brüchigkeit verringert werden kann.
Auch bei der Verpackung dachte sie von der Anwendung her. Klassische Glasfläschchen erschienen ihr für unterwegs unpraktisch. Deshalb habe sie sich für einen Stift mit Applikationspinsel entschieden.
Erst testen, dann investieren
Im September 2024 war der Prototyp fertig. Bevor Nguyen jedoch größere Summen in Laboruntersuchungen investierte, testete sie zunächst den Markt: Sie sprach mit potenziellen Kunden, verkaufte erste Exemplare in kleinem Rahmen über Freunde und Bekannte und sammelte Rückmeldungen aus der Praxis. Diese Validierungsphase war für sie entscheidend, um den nächsten großen Schritt zu gehen, die externe Prüfung ihres Produkts. Die Laboruntersuchungen habe sie bewusst eigenfinanziert, „statt einfach ein Gütesiegel zu kaufen“. Unabhängigkeit sei ihr wichtig. „Ich bin kein ängstlicher Mensch, aber ich wäge gründlich ab und begegne Risiken mit gesunder Skepsis“, sagt sie.
Denn die Laboruntersuchungen kosten einen hohen vierstelligen Betrag – Geld, das einer Schülerin nicht ohne Weiteres zur Verfügung steht. Nguyen sparte sich die Summe nach und nach zusammen, bis sie die Untersuchungen in Auftrag geben konnte. Geprüft wurde das Produkt vom SGS Institut Fresenius im Bereich Dermatologie sowie vom BAV-Institut in den Bereichen Stabilität, Sicherheit und Mikrobiologie. Das Resultat war eine sehr gute Bewertung. „Das Ergebnis war schon überwältigend. Es gab auch Zeiten der Unsicherheit und Angst.“
Kunden in ganz Deutschland
Bis heute stellt die 19-Jährige ihr Produkt selbst her. Einmal pro Woche widmet sie der Produktion einen ganzen Tag und arbeitet unter strengen Hygiene- und Sicherheitsstandards in ihrer Produktionsstätte in Haßloch. Parallel dazu bereitet sie sich auf das Abitur vor.
Ihr Nagelöl verkauft sie inzwischen nicht nur über ihre Webseite an Privatkunden, sondern auch an Nagelstudios in ganz Deutschland. Weitere Produkte könne sie sich grundsätzlich vorstellen, etwa eine Handcreme oder ergänzendes Equipment. Im Moment liege der Fokus jedoch darauf, das Nagelöl weiter im Markt zu etablieren und stärker in Studios sowie bei Nail Artists zu platzieren.