Neustadt
Pfälzer Kurzfilmfestival steigt im August im Schöntal
Von 25. bis 29. August steigt das Event am Rande der ehemaligen Papierfabrik Hoffmann & Engelmann, für das Bettina Höchel quasi erst in letzter Minute noch eine Förderung durch das vom Bund finanzierte und von der Neustadter Kulturabteilung verwaltete Förderprogramm „Neustart Kultur in Neustadt“ loseisen konnte. Deshalb sind auch noch nicht alle Details festgezurrt, stehen noch nicht alle Filme fest, die letztlich auf der Leinwand im tropisch anmutenden Café-Garten zu sehen sein werden. „Wahrscheinlich werden es am Ende so viele sein, dass wir keinen zweimal zeigen müssen“, zeigt sich die Hambacher Filmemacherin optimistisch, dass sich auf den letzten Drücker noch einiges an Zuwachs einstellen wird. Schon jetzt hat sie 25 Kurzfilme von fünf verschiedenen Akteuren sicher – darunter natürlich auch etliche eigene.
Filme von hier und von Leuten von hier
Das Besondere dabei: die meisten der Filme stammen nicht nur von Machern aus der Region, sondern sind in der Mehrzahl auch direkt hier vor Ort entstanden. So zeigen Höchel und Javier de la Poza natürlich auch jene Arbeiten, die erst unlängst während des Kulturlockdowns in Neustadt gedreht wurden: Höchel ihre schrägen „Kurzfilme aus Coronien“, die auf ziemlich vergnügliche Weise vor Augen führen, wie komisch die Welt der ritualisierten AHA-Regeln eigentlich ist, wenn man sie mal ein wenig aus der Distanz betrachtet, de la Poza verschiedene Kunst-Videos, die im Zusammenhang mit der von Tine Duffing angestoßenen „Die Kunst muss an die frische Luft“-Aktion stehen. Mit von der Partie sind mit der heute in Köln lebenden Neustadterin Lilly Vogt und dem Kurpfälzer Roger Kleiber noch zwei weitere alte Kollegen, mit denen Höchel in den 1990er Jahren an der damals neu gegründeten Filmhochschule in Köln studierte. Und auch der Deidesheimer Fotograf Bernd Stoll wird mit einigen filmischen Frühwerken mit im Boot sein.
Ein Film wurde erst in dieser Woche gedreht
Er zeigt, wie Höchel berichtet, drei noch auf 16 Millimeter gedrehte und erst kürzlich digitalisierte Filme, die in den 90er Jahren in Zusammenarbeit mit der Neustadter Schauspieler-Familie Sommer entstanden, darunter „Close to the edge“, einen unheimlichen Streifen im Stil der expressionistischen Filmkunst der 1920er Jahre, und „Yvonne“, der von der Begegnung einer alleinstehenden Dame mit einem Handwerker und einem Kosmetikvertreter handelt. Ganz so narrativ werden die Filme von Lilly Vogt sicher nicht ausfallen, denn die Künstlerin ist eher durch Videoinstallationen bekannt, die sie an Hauswände projiziert. Sie war 2014 auch bei der Video- und Klanginstallation mit dabei, die Bettina Höchel im Weingut Müller-Catoir realisierte. Zu den Kurzfilmtagen jetzt werde sie unter anderem einen von japanischen Mangas inspirierten Animationsfilm mitbringen, so Höchel.
Auch die Filmemacherin selbst hat noch einige ältere Produktionen in petto, darunter „Die Fahrt aufs Hambacher Schloss“, einen rund vierminütigen Film aus ihrer Studienzeit, und „Der Mitläufer“, der von einem jungen Nazi und einer Lehrerin beim Kirchgang handelt. Ein weiterer Film ist dagegen sogar gerade erst in dieser Woche im Roxy-Kino unter Dach und Fach gebracht worden: In der Parodie „Zaster Eaten und Misses Ungunst“ spielt Javier de la Poza einen Filmemacher am Rande des Existenzminimums, der versucht, eine Miss Gunst von der Filmförderung für seine aktuelle Produktion zu begeistern. Wie schon bei ihren „Kurzfilmen aus Coronien“ hat Bettina Höchel auch hier wieder interessante Laiendarsteller aufgetan – neben ihrem auch als Künstler, Musiker („Mardi Gras B.B.“) und Autor hervorgetretenen Festivalmitorganisator auch die St. Martiner Winzerin Adriane Moll in der Rolle der missgünstigen Filmfördererin.
Selbstausbeutung gehört bei Kurzfilmen quasi dazu
Der Film steht dabei exemplarisch für den Anspruch des Festivals, eben nicht nur zu unterhalten, sondern auch auf die Lage der pfälzischen Filmkreativen aufmerksam zu machen. Deshalb soll es im Anschluss an die Vorführungen immer auch Gelegenheit geben, mit den Akteuren ins Gespräch zu kommen, die Filmemacher hautnah zu erleben und Einblick in ihre Arbeitsweise zu gewinnen. „Fast schon traditionell werden Kurzfilme in Deutschland ohne oder mit zu wenig Geld produziert“, unterstreicht Höchel. Diese Selbst- und Fremdausbeutung scheine vielen selbstverständlich – nicht nur den Filmschaffenden selbst, sondern auch Förderern, Fernsehsendern und Veranstaltern, deren finanzielle Beteiligung im Normalfall gerade mal ausreiche, um die Kosten für Technik, Locations und Ausstattung zu decken. „Auch dafür sollen die Filmgespräche ein Bewusstsein schaffen.“
Dabei ist das Festival in gewisser Weise selbst ein Beispiel für diese Selbstausbeutung: Zwar wird es durch das Programm „Neustart Kultur in Neustadt“ mit 6000 Euro gefördert, aber die gehen fast vollständig drauf für die Technik und Posten wie Haftpflichtversicherung, Künstlersozialkasse oder Gema. „Der bürokratische Aufwand ist unglaublich“, stöhnt Höchel und lacht: „Man ist verwöhnt. Sonst steht immer eine Produktionsfirma hintendran, die sich um so etwas kümmert.“ Immerhin: die Technik verheißt Gutes. Sie stammt von der Neustadter Firma Südwestsound.
Losgehen wird es mit den Filmen an den fünf Tagen jeweils gegen 20.30 Uhr mit Einbruch der Dämmerung. Davor gibt es etwa ab 20 Uhr eine offene Bühne für junge Talente aus dem Bereich Musik, Performance und natürlich auch Film. Auch hier ist die Teilnehmerliste noch nicht geschlossen. Und sollte sich das neue Format als Erfolg erweisen, will Höchel es im nächsten Jahr gerne wiederholen – dann vielleicht als Teil des rheinland-pfälzischen Kultursommers.
Noch Fragen?
Die „Filmpower zur Happy Hour“ findet vom Mittwoch bis Sonntag, 25.-29. August, jeweils ab 20 Uhr open-air im Palmengarten des Artcafés, Talstraße 276, im Neustadter Westen statt. Der Eintritt ist frei.