Neustadt Petersburger Schlittenfahrt aufs Weinbiet

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Neustadt. Gute-Laune-Musik aus der Zeit unserer Großeltern, teils europäisch, teils amerikanisch: Das war das Neujahrskonzert der „Stuttgarter Saloniker“ im vollbesetzten Scheffelsaal des Neustadter Saalbaus am Samstag.

„Stuttgarter Saloniker“ ist fast irreführend, denn Patrick Siben, der „Herr Kapellmeister“ und Gründer der Truppe, ist waschechter Pfälzer aus Deidesheim. Entsprechend familiär ging es zu im Scheffelsaal, als ob man sich im Salon eines Weinguts zur Abendunterhaltung getroffen hätte. Die Conference besorgte Siben im schönsten Pfälzer Dialekt und voller Anekdoten. Ohne es richtig gemerkt zu haben, war man danach viel informierter über die Unterhaltungsmusik der „guten alten Zeit“ und ihre Stars diesseits und jenseits des Atlantiks. Die erste Hälfte des Konzerts gehörte der europäischen Musik, speziell „Walzerkönig“ Johann Strauß, von Siben als erster Mega-Star der Unterhaltungsmusik vorgestellt. Das Konzert eröffnete er aber mit dem Marsch „Wien bleibt Wien“, ausnahmsweise von Johann Schrammel und nicht von Strauß. Aber dann kam Johann Strauß: „An der schönen blauen Donau“, der vielleicht bekannteste Walzer, „die Langfassung mitsamt Versickerung“, wie Siben ankündigte, und wessen Seele – wenn auch vielleicht nicht der Körper – da nicht im Walzertakt schwingt, dem ist nicht zu helfen. Die acht „Saloniker“ sind in ihrer Besetzung typisch für dieses Genre, mit einer starken Streichergruppe von zwei Violinen, Cello und Bass, dazu Klarinette, Trompete, Posaune und Klavier, von dem aus Siben das Orchester leitete. Zur großen Zeit dieser Musik gegen Ende des 19. Jahrhunderts musste Musik „live“ gespielt werden, es gab keine Alternative aus der Konserve. Musikverlage und die Musikstars wie Johann Strauß machten gute Geschäfte mit dem Verkauf von Klavierauszügen von Opern- und Operettenmelodien sowie Walzern für kleine Besetzung. Typisch war die komplette „Fledermaus“ von Johann Strauß, eine „Fantasieselektion“ für Salon-Orchester in 16 Minuten, wie die „Saloniker“ als nächstes zeigten. „Alles drin, jede Melodie, der Vorläufer eines Samplers“, erklärte Siben. Nach dem „Champagner-Galopp“ des Dänen Hans Christian Lumbye war dann schon Zeit für die Pause. Von der anderen Seite des Atlantiks kommt der Marsch „Stars ans Stripes forever“ von John Philip Sousa, ein kräftiger Muntermacher. Wem die Melodie nicht sofort einfällt – der Haushaltsreiniger „Der General“ schreitet in Werbeclips damit zur Tat. Wo in Europa Walzer gespielt wurde, war es in den USA eher Ragtime, einer der Vorläufer des Jazz. Scott Joplins „The Entertainer“, ursprünglich ein Klavierstück, klang auch in der Fassung der „Saloniker“ fröhlich und elektrisierend. Noch überraschender war der „Limehouse Blues“ von 1922, in dieser Besetzung mit Streichern. Aber es funktionierte, und auf diese Weise klang ein altbekanntes Stück völlig neu. Und noch einem Jazz-Standard bekam diese Behandlung, dem „King Porter Stomp“ von Jelly Roll Morton von 1923. Zurück in Europa waren die „Saloniker“ mit der „Petersburger Schlittenfahrt“, aber es ging nicht in russische Winter, sondern aufs Weinbiet mit Opas Pferdeschlitten, wie Siben mit viel Körpereinsatz nicht nur erzählte, sondern vorführte: Trab, Galopp, alles drin mit Hü und Hott. Die Glöckchen dazu durften die Zuhörer rhythmisch schütteln – jeder zwei Takte, dann weitergeben. Dazu passte anschließend der Schlittschuhwalzer des Elsässers Emile Waldteufel, und dann war das Konzert nach zwei Stunden viel zu früh vorbei, bis auf die Zugabe. Das konnte natürlich nur der Radetzky-Marsch sein, zu dem die Zuschauer den Takt klatschten, genau wie beim Neujahrskonzert in Wien. Termin Die „Stuttgarter Saloniker“ geben am Mittwoch, 18. Januar, um 20 Uhr in der Deidesheimer Stadthalle ein weiteres Neujahrskonzert. Karten für dieses wie auch die anderen Neujahrskonzerte (25 Euro) bei der RHEINPFALZ, Tabak Weiss, Media-Markt, unter 07192/9366931, 0631/37016618 oder www.saloniker.de.

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