Neustadt RHEINPFALZ Plus Artikel Perfekter Theaterabend mit „Das perfekte Geheimnis“

Da macht das Handy noch Spaß: die Freunde (von links) Cosimo (Sven Schöcker), Bianca (Nikola Norgauer), Peppe (Armin H. Köstler)
Da macht das Handy noch Spaß: die Freunde (von links) Cosimo (Sven Schöcker), Bianca (Nikola Norgauer), Peppe (Armin H. Köstler), Eva (Saskia Valencia), Rocco( Ralf Komorr), Lele (Paul Kaiser) und Carlotta (Lara Joy Körner) beim ausgelassenen Gruppenselfie.

„Das perfekte Geheimnis“ wollte das Agon-Theater München am Donnerstagabend bei seinem gefeierten Auftritt im Neustadter Saalbau lüften. Doch wieder einmal zeigt das Bühnenstück von Paolo Genovese nach seinem Erfolgsfilm „Perfetti Sconosciuti“, dass jeder sein kleines Stück Privatsphäre braucht.

Sieben Handys, dreieinhalb Paare und ein Spiel – mehr braucht es nicht, um einen vergnüglichen Theaterabend zu füllen und dem sehr begeisterten Publikum auch noch ein paar elektrisierend psychologisierende Denkzettel mit nach Hause zu geben. Denn bei diesem Erfolgsstück des Italieners Paolo Genovese geht es eigentlich um nichts Anderes als um die Privatsphäre als Insel für ein nicht tadelloses Selbst in einem Meer von ewig tadelnden Freunden. Die sind nämlich schnell beleidigt, wenn sie nicht eingeweiht werden in die innersten Geheimnisse des anderen. „Es stört mich, dass ich dich ein ganzes Leben lang kenne und nicht weiß, wer du bist“, brüllt der möchte-gern-coole Allesüberblicker Cosimo (Sven Schöcker) seinem auf witzig getrimmten Freund Lele (Paul Kaiser) mitten ins Gesicht, was Bianca (Nikola Norgauer) wie alles andere an ihrem Mann kräftig abnicken kann.

Da ist der Abend aber schon weit fortgeschritten, das Kartenhaus der gutbürgerlichen Fassaden längst eingestürzt, viele Schieflagen, auch existentielle Abgründe erstaunlich tief aufgebrochen. Dabei begann doch alles so leicht und locker, mit dem Eintrudeln der Freunde zum gemeinsamen Abendessen anlässlich einer Mondfinsternis. Eva (Saskia Valencia) und Rocco (Ralf Komorr) haben da zwar noch ihre liebe Not mit Teenie-Tochter Sofia (Johanna Bogner), aber sich selbst noch gut im Griff. Die Gäste werden begrüßt, das moderne, sterile Wohnzimmer füllt sich mit Leben (Bühnenbild: Steven Koop), es wird klug gewitzelt und gestichelt, launig parodiert und parliert.

Die große Frage: Hat wirklich keiner etwas zu verbergen?

Ganz nebenbei schälen sich bei diesem Warm-Up schon sehr markant die singulären Charaktere heraus, auch wenn sich nicht alle so entblößen wie Carlotta (Lara Joy Körner), die tatsächlich ihren Slip fallen lässt. Kaum sind die leichten Waffen gewetzt, geht’s an die psychologische Kampfkeule. Hat wirklich niemand etwas zu verbergen? Hat jeder hundertprozentiges Vertrauen in seinen Partner? Den Freundeskreis? Wer wagt die Probe aufs Exempel?

Niemand, auch nicht der bis dahin unerkannt schwule Peppe (Armin H. Köstler), wagen sich dem Experiment zu entziehen, und flugs liegen alle Handys mit Display nach oben auf dem Tisch. Denn dieses Ding ist schließlich „die Blackbox unseres Lebens“. Hier wird alles gespeichert, was wir so treiben und was uns so umtreibt. Die Spielregel also lautet: Jeder Anruf, jede Sprachnachricht, jedes eingehende Video wird an diesem Abend öffentlich gemacht. Schon klar, dass es da nicht nur um nervende Schwiegermütter und geplante Schönheitsoperationen, Ex-Partner und Fitness-Apps geht. Mit jedem Klingelton steigt die Alarmstufe rot. Die Bandbreite reicht von Peinlichkeiten über Unverschämtheiten, vom virtuellen Flirt bis zum handfesten Seitensprung. Und dementsprechend wandelt sich die Stimmung von delikat, über skandalös bis schockierend und die Gefühlslage von verblüfft über verletzt bis hin zu schweren Verletzungen. Was darf, soll, muss man akzeptieren, tolerieren, ignorieren? Und wie kommt man aus der Nummer wieder raus?

Jede Rolle hat eine Seele – und die Wortgefechte Esprit und Schärfe

Regisseur Johannes Pfeifer vertraut ganz auf die minimalistische Originalvorgabe von Zeit und Raum. Den Makrokosmos der Gefühle zwingt er in den Mikrokosmos der Wohnzimmeratmosphäre, erweitert, gibt ihm mit einem Teleskop zum Betrachten der Mondfinsternis auf dem Dach einen übergeordneten, aber nicht ins mystische abdriftenden Blickwinkel und sorgt mit wenigen klaren Schnitten für einen Handlungsversatz, der die Komödie nicht in eine Tragödie driften lässt. Dabei kann er auf ein starkes, spielfreudiges Schauspielensemble setzen, das jedem Typen eine Seele und den spitzfindigen Wortgefechten Esprit und Schärfe gibt. Dafür – und vielleicht auch für die Erkenntnis, dass auch das Spiel mit offenen Karten nicht immer nur Asse bereit hält – gab es reichlich Applaus.

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