Bad Dürkheim Parforce-Ritt à la française: Dominik Hambel eröffnet den „Orgelsommer“
Vor einem prächtig besetzten Auditorium eröffnete Bezirkskantor Dominik Hambel am Dienstag den „Bad Dürkheimer Orgelsommer“ in der Schlosskirche mit zwei Großwerken des spätromantischen orgelsinfonischen Repertoires. „G-waltige Symphonik“ lautete die mehrdeutige Überschrift, die sowohl auf die G-Tonarten der beiden Kompositionen – einmal in Dur, einmal in Moll – als auch auf deren Monumentalität anspielte.
Edgar Elgar, der instrumentale Allrounder und geniale kompositorische Autodidakt, hatte seine viersätzige Orgelsonate Nr. 1 in G-Dur 1895 im Auftrag eines amerikanischen Orgelkongresses, der in seiner Heimatstadt Worcester stattfand, geschrieben, angeblich in der Rekordzeit von sieben Tagen, aber vermutlich unter Hinzuziehung vorhandenen Materials. Gleichwohl, das Opus ist spannend, aufregend, emotional vielschichtig und – sehr schwer. Obendrein natürlich der wesentlich opulenter ausgestatteten Orgel in Worcester auf den üppigen Pfeifensatz und mindestens dreimanualigen Corpus geschrieben.
Das andere sinfonische Gipfelwerk, die 6. Orgelsinfonie in g-Moll von Charles-Marie Widor, spiegelt auf ganz signifikante Weise ein Stück französischer Kulturgeschichte. 1878 uraufgeführt und seither fest verankert im Kanon der Genre-Hits lässt das opulente Werk erahnen, in welchen Schaffensrausch die Protagonisten der nach der napoleonischen Ära verkümmerten Orgellandschaft Frankreichs mittels der technischen Innovationen durch den Orgelbauer Aristide Cavallié-Coll gerieten. Die berühmte Französische Orgelschule, bald besetzt mit klangvollen Namen, erblühte. Und ihre Protagonisten erschufen phantastische orchestrale Werke für vier oder fünf Manuale mit breitem Tonumfang und kraftvoll vielzähligem Register-Chor. So etwa wie in der Pariser Église St. Sulpice, wo Charles-Marie Widor einst wirkte.
Die Bad Dürkheimer Schlosskirche freilich mit ihrer zweimanualigen Ott-Orgel erreicht in vielfacher Hinsicht nicht dieses äußere Format und die eine oder andere kleine Einschränkung spricht (länger schon) für eine fällige Generalsanierung des Instruments. Aber: Dominik Hambel hat sich mittlerweile tief in Schwächen und Stärken seiner „Haus-Orgel“ eingefühlt und weiß Erstere mit traumwandlerischem Geschick zu umschiffen und Letztere vorzüglich ins Schaufenster zu stellen.
Die klangliche Opulenz beispielsweise, die gerade bei diesem Programm extrem präsent war. Wie viel Übezeit er für diese beiden technischen Parforce-Ritte investiert haben mag, will man gar nicht wissen. Denn die virtuosen Raffinessen ereigneten sich finger- und fußtechnisch so souverän, so präzise, dass eher darüber sinniert werden könnte, mit welcher Grandezza all die Notenkonvolute so virtuos auf zwei Manuale und ein nicht ganz so üppig ausgestattetes Register-Angebot transferiert werden konnten. Aber Dominik Hamel schaffte das. Packte die zur Verfügung stehende Farbpalette aus, mischte sorgsam, aber mutig und kreativ. Und tauchte zum Beispiel Elgars träumerischen 3. Satz in eine so anmutige, so pastose Stimmung, ließ Holzbläser mit den schärferen Zungenpfeifen in ein wunderbares Bäumchen-wechsel-dich treten. Und schuf mit dem Plenum Kathedralklänge, die tatsächlich ein wenig Seine-Wind wehen und Paris-Flair verströmen ließen.
Hambel gestaltete eindringlich, ließ gerade bei Widor dem Weichen, Kantablen durch klare Konturen und schlichte Diktion Entfaltungsmöglichkeit. Und hatte zuvor bei Elgar dessen unkonventioneller, von Satz zu Satz sich neu erfindender Tonsprache sorgsam-einfühlend nachgespürt. Dass nach Widors 6. Sinfonie dessen markante und hochpopuläre Toccata aus der vorangegangen 5. – beliebter Auszugshit nach Hochzeiten, Taufen, Jubelfeiern - als Zugabe folgte, war fast unvermeidbar. Und erneut Beifallsstürme erzeugend.