Neustadt Paradies mit kleinen Schönheitsfehlern

Die Hambacher Straße wird nicht selten als Raserstrecke bezeichnet und ist vielen ein Dorn im Auge. Dass am Rand jede Menge Auto
Die Hambacher Straße wird nicht selten als Raserstrecke bezeichnet und ist vielen ein Dorn im Auge. Dass am Rand jede Menge Autos parken, macht die Sache nicht gerade übersichtlicher.

„Zu Fuß über die Hambacher Straße zu kommen – das ist ein Problem“, sagt Kurt Fiedler. Seit knapp 20 Jahren wohnt er auf der Hambacher Höhe und fühlt sich dort sehr wohl. Aber der Verkehr bereitet ihm regelmäßig Sorgen. Es gebe einen Motorradfahrer, der immer wieder „mit locker 100 Sachen“ die Straße entlang brettere. Er habe schon versucht, sich dessen Kennzeichen zu merken, sei dafür aber leider nicht schnell genug. Besonders haarig sei die Lage an der Ecke Hambacher Straße, Waldstraße und Kiesstraße. Viele ältere Menschen gingen zu Fuß zum Alten Viehberg, um in die Stadt und zurück zu gelangen, aber die Kreuzung sei breit, schwer zu überblicken und somit sehr gefährlich. Aber auch der Übergang an der Sparkassenfiliale sei nicht ohne. Noch etwas will Fiedler zum Viehberg loswerden: Der sei sehr ungepflegt, das Moos wachse die Wände hoch. Er habe die Stadtverwaltung schon darauf aufmerksam gemacht, passiert sei aber nichts. Seit etwas mehr als zehn Jahren lebt Doris Müller auf der Hambacher Höhe, und auch sie klagt über zu schnelles Fahren auf der Hambacher Straße: „Das ist eine Rennstrecke.“ Dazu komme, dass viele Autos am Rand parkten, dadurch werde alles unübersichtlich und somit noch gefährlicher. Sie wohnt in der Nähe der Bedarfsampel in Höhe des Lochackerwegs, den viele Grundschüler auf ihrem Weg zur Hans-Geiger-Schule nutzen. „Ich habe schon oft erlebt, dass Autos dort bei Rot einfach fahren“, berichtet Müller. Von den Verkehrsärgernissen abgesehen, biete die Hambacher Höhe den Menschen sehr viel Lebensqualität und eine tolle Infrastruktur. Was sie sich dazu noch wünschen würde: Ein Café oder eine Weinstube mit Öffnungszeiten am Abend, damit man rausgehen und sich auch treffen könne: „Das wäre doch nett.“ Werner Korb, ebenfalls Anwohner der „Rennstrecke Hambacher Straße“, fordert schlicht mehr Kontrollen. Er wohne seit über 40 Jahren hier und habe schon drei tödliche Unfälle vor seiner Haustür mitbekommen. Er habe einmal eine Bodenschwelle vorgeschlagen, um so das Tempo zu drosseln, was schon der frühere Oberbürgermeister Weiler aber abgelehnt habe. Stattdessen seien farbliche Markierungen auf die Fahrbahn aufgebracht worden – „die sind aber schon lange verblasst“, so Korb. Seine Ehefrau Hanne Korb bedauert außerdem, dass von der einstiegen Baumallee in der Hambacher Straße heute nichts mehr übrig sei: „Das war traumhaft schön damals.“ Dann aber seien die Bäume zugunsten des Straßenverkehrs gefällt worden. Andreas Böhringer, Mitglied der SPD-Stadtratsfraktion, des Innenstadtbeirats und des Willkomm-Vorstands und wohnhaft auf der Hambacher Höhe, ist, wie er sagt, nicht gekommen, um auf Missstände hinzuweisen. Vielmehr will er Lob loswerden. Auf der Hambacher Höhe seien einige Gehwege saniert beziehungsweise ausgebessert worden, er habe befürchtet, dass dabei Bäume gefällt würden – das sei aber nicht der Fall gewesen. Der Vorschlag des Innenstadtbeirats, Abstellplätze für Fahrräder zu schaffen, sei am Treppenweg umgesetzt worden. Jetzt fehlten nur noch Plätze am Viehberg. Ebenfalls positiv aus seiner Sicht: Die Fahrradquerung in der Dr.-Siebenpfeiffer-Straße, eine weitere Idee des Innenstadtbeirats, sei eine gute Sache. Ein paar Verbesserungsvorschläge hat der Wahl-Neustadter aber doch: zum Beispiel eine Bank zum Ausruhen vor allem für ältere Menschen am Viehberg, eine Querungshilfe für Fußgänger über die Hambacher Straße beim Viehberg, eine Sporthalle in unmittelbarer Nähe für die Hans-Geiger-Schule, ein zentraler Platz für die Hambacher Höhe und Verbesserungen am Verkehrsschwerpunkt bei der Sparkassenfiliale. „Mehr Radwege“ wünscht sich Inge Haman, die im Jahr gut 4000 Kilometer per E-Bike zurücklegt. Von der Hambacher Straße aus sei sie zum Beispiel oft zum Einkaufen oder zum Freibad unterwegs. Sie fühle sich allerdings erst sicher, wenn sie die Wirtschaftswege in den Weinbergen erreicht habe. „Vielleicht wäre ein kombinierter Geh-und Radweg eine Lösung?“, schlägt sie etwa für die Hambacher Straße und im weiteren Verlauf für die Weinstraße vor. Die Baumallee in der Maxburgstraße – oder besser gesagt: Bäume, die dort verschwunden sind – beschäftigt Marta May-Wagner. Sie habe schon mit mehreren Verantwortlichen der Stadtverwaltung darüber gesprochen, aber passiert sei nichts: Von den teils 100 Jahre alten Bäumen seien in den vergangenen Jahren mehrere gefällt worden – Nachpflanzungen habe es aber nicht gegeben. Wenn ein solcher Baum kaputt sei, müsse er aus Sicherheitsgründen gefällt werden, das sei ihr klar, sagt May-Wagner, die seit über 40 Jahren auf der Hambacher Höhe lebt. Aber auch mit Blick auf das Klima und die Tiere, für die die Bäume sehr wichtig seien, solle man doch dann für Ersatz sorgen. Um den Hambacher Treppenweg sorgt sich derweil Gerlinde Woll. Im Bereich der Stufen sprieße das Unkraut, wogegen die Stadt dringend etwas tun müsse. Bei Brombeersträuchern und Co., die über die Grundstücksmauern wucherten, müssten zudem die Eigentümer in die Verantwortung genommen werden. Aus der Physiotherapie-Praxis „Medicivital“ kommen Steffi Kirst und Dirk Brokmann. Vor allem Kirst, die auch auf der Hambacher Höhe wohnt, ist voll des Lobes: Man könne hier Geld abheben und auch gleich einkaufen, es gebe eine gute Busverbindung, man sei ruck zuck im Wald, aber auch ganz schnell in der Stadt. Ihr Kollege Brokmann lebt noch in Schifferstadt und arbeitet nur auf der Hambacher Höhe, spielt aber mit dem Gedanken, ebenfalls herzuziehen: „Es ist ein Zirkel, in dem jeder jeden kennt, alles ist eng zusammen, das ist super.“ „Es gibt nicht viel zu meckern“, betonen Rita und Karl-Heinz Oberländer, die seit über 20 Jahren auf der Hambacher Höhe leben: „Wir sagen immer, es ist ein kleines Paradies.“ Wünschen würden sie sich allerdings einen Zebrastreifen über die Hambacher Straße in Höhe des Viehbergs, denn diese Stelle werde von vielen Menschen überquert, sei aber wegen des hohen Verkehrsaufkommens sehr gefährlich. Karl-Heinz Oberländer lobt ausdrücklich den neuen Oberbürgermeister Marc Weigel, weil er sich dafür einsetzen wolle, dass ein Steg von der Schillerstraße zum Hauptbahnhof gebaut werde: „Das ist sehr gut und auch notwendig.“ Nicht hinnehmen will Ragnhild Lenz die vertröstenden Worte der Stadtverwaltung hinsichtlich der Hans-Geiger-Straße: Letztes Jahr sei hier eine große Robinie gefällt worden, allerdings kämen jetzt zig mit Dornen versehene Schösslinge nach, sodass man auf die Fahrbahn ausweichen müsse. Sie habe sich deswegen schon bei der Stadtverwaltung gemeldet, die ihr aber gesagt habe, die Hans-Geiger-Straße werde in drei bis vier Jahren ohnehin saniert. „Mir ist aber wichtig, dass hier schon vorher etwas passiert“, verdeutlicht Lenz. „Überwucherndes Grünzeug“ empfinden auch Regina und Jürgen Koopmann als störend. Konkret geht es beiden um den Haltweg, wo der Gehweg derzeit so zugewachsen sei, dass er kaum noch genutzt werden könne. Etwas weniger rabiat hätte man dagegen bei den Rodungs- und Rückschneidearbeiten im Umfeld der Hambacher Mühle vorgehen können, findet Regina Koopmann. Die großen Maschinen hätten das Landschaftsbild hier regelrecht „zerfranst“. „Wahrscheinlich, dass die Winzer ihre Weinberge bewirtschaften können“, mutmaßt Koopmann. Ihre Befürchtung: „Bis das wieder nachwächst, dauert es ewig.“ Von einer Rattenplage in der Winterbergstraße berichten Uschi und Ludwig Weygand: „Die kommen aus dem Kanal, das sind Riesenbrocken und echt eklig.“ Sie hätten auch schon beim Ordnungsamt angerufen, dort aber lediglich die Auskunft erhalten, man sei dafür nicht zuständig, berichtet das Ehepaar und fordert: „Das muss unbedingt was passieren.“ Eine Anwohnerin, die anonym bleiben will, ärgert sich über die Busfahrer. Diese würden einem manchmal einfach vor der Nase wegfahren: „Das ist unverschämt.“ Ein weiteres Ärgernis: In der Hambacher Straße hätten sich an einigen Stellen Gehwegplatte gelöst, das sei problematisch. Die maroden Gehwege in der Kiesstraße sind gleich mehreren Anwohnern ein Dorn im Auge. Sie müsse sich richtig konzentrieren, um auf der „Stolperpiste“ nicht zu stürzen, berichtet Inge Göbel. Sie wohnt in der benachbarten Weinbergstraße und unternimmt gerne einen abendlichen Spaziergang: „Auf der Hambacher Höhe ist das auch bei Dunkelheit kein Problem, hier fühlt man sich noch sicher.“ Die Kiesstraße aber meide sei aus dem genannten Grund. „Viele Bürgersteige sind hier in katastrophalem Zustand“, sagt auch Anwohnerin Karin Kupka. Das gelte nicht nur für die Kies-, sondern auch für die Stephan- und die Waldstraße. Ebenso berge der Viehberg, Kupkas nahezu täglicher Weg in Richtung Innenstadt, für Fußgänger wie auch Radfahrer eine Gefahr: „Da ist ein tiefer Graben im Asphalt.“ Laut Kupka ebenfalls störend am Alten Viehberg: Die Büsche und Sträucher, die von den Grundstücken über die Begrenzungsmauern wucherten, „die schlagen einem ja ins Gesicht“. In der Pflicht sieht Kupka hier sowohl die Grundstücksbesitzer als auch die Stadt. Trotzdem wohne sie „schon immer“ und gerne auf der Hambacher Höhe, weil es hier gerade für ältere Leute alles gebe, was man brauche. Für eine alt eingesessene Hambacherin, die nicht namentlich genannt werden will, war die gute Infrastruktur sogar der Grund, vom Ortskern in die Hambacher Straße umzusiedeln: Apotheke, Bankfiliale, zwei Bäckereien, ein kleiner Frischemarkt und die Bushaltestelle nicht zu vergessen, hier habe sie alles vor der Tür. Die Gegend sei zudem sehr sauber, ergänzt Stefan Abstein. Als er vor sieben Jahren von Mainz auf die Hambacher Höhe umzogen sei, sei ihm das direkt aufgefallen. Er hält es allerdings für problematisch, dass die erlaubte Höchstgeschwindigkeit in der Hambacher Straße von Lärmmessungen abhängig gemacht werde. Gerade im Kurvenbereich kurz vor der Einmündung Waldstraße werde viel zu schnell gefahren. Das Tempolimit könne man da nicht vom Lärmpegel abhängig machen: „Es gibt einfach Stellen, die gefährlich sind.“ Und immerhin seien hier auch viele Schulkinder und Touristen unterwegs, die zur Jugendherberge wollten. Einen falschen Ansatz in Sachen Geschwindigkeitsdrosselung sieht auch eine Anwohnerin der Falkensteinstraße verfolgt: Die Stadt habe eine ihrer Geschwindigkeitsmesstafeln hier schlichtweg in der falschen Fahrtrichtung aufgehängt. Auf ihren Hinweis hin, man möge das doch bitte korrigieren, sei die Tafel aber nicht einfach umgedreht, sondern vor einigen Tagen ganz entfernt worden. Einen weiteren Aspekt greift Isabel Zorn auf, deren Sohn im Rollstuhl sitzt. Viele Bordsteine seien so hoch, dass sie diese nur sehr schwer bis überhaupt nicht bewältigen könne. Gleiches gelte für ältere Menschen mit Rollator oder diejenigen mit Kinderwagen. Nur ein Beispiel: die Querung der Stephanstraße. Zorn würde sich daher wünschen, dass mit einfachen Mitteln Abhilfe geschaffen wird, beispielsweise indem etwas Asphalt aufgeschüttet wird, um die Bordsteine abzuflachen. Toll finde sie hingegen den kleinen Frischemarkt, der wichtig für die Lebensqualität auf der Hambacher Höhe sei. „Wir müssten dort alle viel mehr Geld hintragen, statt vielleicht mal nur Milch zu kaufen“, appelliert Zorn. Lobende Worte findet Michael Gragert für die Hambacher Höhe: „Das ist eine gute Adresse hier“, sagt der Zugezogene aus Ludwigshafen. Die Nachbarschaft sei sehr nett und die Lage strategisch eine sehr gute. „Die Bushaltestelle vor der Tür, den Bahnhof in geringer Entfernung, und man ist schnell auf der Autobahn“, fasst Gragert zusammen. Außerdem toll: „Nachts ist es schön ruhig hier.“ Mit seinem Roller kommt der zehnjährige Matteo angebraust. Er wohne schon sein ganzes Leben lang auf der Hambacher Höhe und finde es ganz toll hier. Jeder kenne jeden, man könne mit dem Roller oder dem Fahrrad in den Wingert gehen „und auch mal ein paar Trauben stibitzen“. Außerdem sei man schnell im Stadionbad oder im Hambacher Schwimmbad, freut er sich. Was er sich wünscht, ist ein Bolzplatz: „Dann könnte man sich mit seinen Freunden treffen und Fußball spielen.“ Es gebe zwar einen oben am Wald, doch da dürften viele nicht hin. Und der am Krankenhaus sei leider in keinem guten Zustand.

Gefährliche Stelle: Über die Waldstraße zum Alten Viehberg gibt es zwar einen Zebrastreifen, über die Hambacher Straße aber nich
Gefährliche Stelle: Über die Waldstraße zum Alten Viehberg gibt es zwar einen Zebrastreifen, über die Hambacher Straße aber nicht.
Nicht mehr vollständig: Baumallee in der Maxburgstraße.
Nicht mehr vollständig: Baumallee in der Maxburgstraße.
Gesprächsbedarf: Es herrschte reger Betrieb am RHEINPFALZ-Stand bei der „Redaktion vor Ort“ auf der Hambacher Höhe.
Gesprächsbedarf: Es herrschte reger Betrieb am RHEINPFALZ-Stand bei der »Redaktion vor Ort« auf der Hambacher Höhe.
Viele Bewohner der Hambacher Höhe nutzen den Alten Viehberg, um zu Fuß oder mit dem Rad in die Stadt zu kommen. Allerdings sei d
Viele Bewohner der Hambacher Höhe nutzen den Alten Viehberg, um zu Fuß oder mit dem Rad in die Stadt zu kommen. Allerdings sei der Weg in keinem guten Zustand, kritisieren einige.
Manche Bürgersteige, wie hier in der Kiesstraße, sind marode.
Manche Bürgersteige, wie hier in der Kiesstraße, sind marode.
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