Neustadt Oscars und Bären en masse
Neustadt. Jede Menge mit Oscar- und Festival-Preisen dekorierte Filme bietet die neue Staffel der Kunstfilmreihe „Arthouse“, die am kommenden Montag mit dem Transgender-Drama „The Danish Girl“ an den Start geht. Besonders viel Spaß bereiten aber einmal mehr die Beiträge aus Frankreich.
Die Oscars sind vergeben und auch die Berlinale-Bären haben ihre Abnehmer gefunden. Ungewöhnlich ist in diesem Jahr, dass die Oscar-Gewinner politischer als die in Berlin prämierten Werke waren. So wurde mit dem Film „Spotlight“, der am 9. Mai in der „Arthouse“-Reihe läuft, ein nüchtern-differenziertes Zeitungsdrama über den größten Missbrauchsskandals in der jüngeren amerikanischen Geschichte mit einem Academy Award als „Bester Film“ ausgezeichnet. Der Film schildert, wie Reporter des „Boston Globe“ 2001 die Vertuschung der Verbrechen pädophiler Priester durch die katholische Kirche aufdecken. Das opulent ausgestattete Drama „The Danish Girl“, das am Montag die neue Zwei-Monatsstaffel der Kunstfilmreihe im Roxy-Kino eröffnet, befasst sich ganz zeitgeistig mit der Verwandlung des dänischen Malers Einar Wegener in die intersexuelle Malerin Lili Elbe, einer Pionierin der Transsexuellen-Bewegung. Doch nicht Lili-Darsteller Eddie Redmayne, sondern Alicia Vikander als Lilis Ehefrau Gerda Wegener heimste – in der Kategorie „Beste Nebendarstellerin“ - den Oscar ein. Leer ging in Los Angeles leider das nominierte Drama „Mustang“ (23. Mai) aus, das von fünf türkischen Schwestern, die zwangsverheiratet werden sollen, handelt. Anders als es das Thema verheißt, handelt es sich nicht um düsteres Betroffenheitskino. Stattdessen beleuchtet die französisch-türkische Regisseurin Deniz Gamze Ergüven die Ereignisse im luftigen Stil der „Nouvelle Vague“ und feiert die rebellische Lebenslust der fünf Teenager. Auch in dem auf der diesjährigen Berlinale mit einem Sonderpreis ausgezeichneten Drama „Ixcanul – Träume am Fuße des Vulkans“ (am 13. Juni im „Arthouse“) geht es ums Heiraten. Ein Maya-Mädchen soll einen solventen Mann ehelichen, um die Existenz ihrer Familie zu sichern. Der Film porträtiert den armseligen Alltag einer Indiofamilie, die in der guatemaltekischen Vulkanlandschaft auf einer Kaffeeplantage arbeitet und ist faszinierendes Weltkino, das man nicht so schnell vergisst. Wer sich zuletzt fragte, was Regisseurin Doris Dörrie eigentlich so macht, wird von ihrer Komödie „Grüße aus Fukushima“ (30. Mai) überrascht, in der die Folgen der Havarie des Kernkraftwerks in Fukushima und die Freundschaft zwischen einer alten Japanerin und einer im übertragenen Sinne total verstrahlten jungen Deutschen miteinander verwoben werden. Für ihren schwarz-weißen Film, der mit seinem in Dörries Œuvre nicht eben oft anzutreffenden selbstironischen Humor bezaubert, bekam die Regisseurin auf der „Berlinale“ zwei Nebenpreise verliehen. Etwas fußlahm ist dagegen die dänische Tragikomödie „Die Kommune“ (20. Juni), in der eine Truppe alternativ denkender Bürger in den 70ern in einer riesigen Villa eine Kommune gründet. Statt um die Alltagsprobleme bei der Verwirklichung einer Utopie geht es in dem Film von „Das Fest“-Regisseur Thomas Vinterberg letztlich doch nur um eine konventionelle Ehekrise – für die Hauptdarstellerin Trine Dyrholm als Schmerzensfrau einen silbernen Bären verliehen bekam. Wer von kaputten Beziehungen nicht genug hat, kann sich daneben den Dokumentarfilm „Ein letzter Tango“ anschauen, der am 27. Juni, die aktuelle „Arthouse“-Staffel abschließt. Darin wird ein weltberühmtes argentinisches Tangopaar vorgestellt, das neben der Bühne lange Jahre das Bett teilte. Anhand der Lebens- und Liebesgeschichte der beiden über 80-jährigen Tangotänzer, die von jungen Tänzern in musicalartigen Szenen dargestellt wird, erscheint Tango weniger als gefühlvoller Tanz denn als getanztes Gefühl. Jenseits selbstquälerischer Dramen besticht dagegen die französische Komödie „Birnenkuchen mit Lavendel“, die schon in dieser Woche zu sehen war und am 6. Juni noch einmal im „Arthouse“ läuft, einerseits durch die melancholisch-witzige Begegnung einer bankrotten Bäuerin mit einem Sonderling und andererseits durch die bildschöne Provence-Kulisse. Am Ende sind es doch immer die französischen Filme (wie auch „Mustang“, der für Frankreich ins Oscar-Rennen ging), die am meisten Spaß machen. Termine Die Filme der Kunstfilmreihe „Arthouse“ laufen jeweils montags um 17.30 und 20 Uhr im Neustadter Roxy-Kino. Am Pfingstmontag gibt es keinen „Arthouse“-Film .