Neustadt Orient und Okzident
Neustadt. Spanien, Skandinavien, der Balkan, der keltische Rand Europas und die Musik der Sepharden, der aus Spanien vertriebenen Juden – die musikalischen Traditionen, die Ana Alcaide in ihren Stücken verbindet, wirken auf den ersten Blick fast unvereinbar, doch die Klangwelten, die die Sängerin und Nyckelharpa-Spielerin als Toledo aus diesem bunten Mix entstehen lässt, sind ausgesprochen intensiv und entfalten eine geradezu suggestive Wirkung, wie ihr Konzert am Samstag beim Kulturverein Wespennest bewies.
Am Anfang tritt die Künstlerin ganz allein auf die Bühne: Zu einem eingespielten Sound, der an Meeresrauschen oder fernes Gewitter erinnert, singt sie eine getragene Ballade, die wie ein Lied aus längst vergangenen Tagen erscheint – allerdings mit einer Stimme, die fast den Raum sprengt. Glasklar ist sie. Intensiv. Dazu streicht die 39-Jährige mit dem Bogen über die Saiten ihrer Nyckelharpa, deren klagender Klang den melancholischen Eindruck noch verstärkt. Dass es auch lebendiger geht, zeigt sich dann beim zweiten Stück, zu dem ihre Mitmusiker auf die Bühne kommen, der Gitarrist Rainer Seiferth und der New Yorker Bill Cooley. der wechselnd Psalterium, Laute und Trommeln bedient. Es ist eine Komposition aus dem 2012 erschienenen Album „La Cantiga Del Fuego“, in dem die Musik der Sepharden den Ausgangspunkt bildet. Bei dem Konzert in Neustadt mischt Alcaide diese älteren Stücke immer wieder mit ganz neuen, die erst im Mai auf ihrer neuen CD „Leyenda“ erscheinen werden und bei denen vor allem weibliche Sagenwesen im Mittelpunkt stehen. Eine davon ist Blanca, die die Ballade „La Mujer Muerta“ behandelt: eine Frau aus Segovia zwischen zwei Liebhabern, die umkommt und in einen Berg verwandelt wird. Wie weit Alcaides weltmusikalischer Kosmos reicht, zeigt sich noch stärker nach der Pause, wo sie unter anderem die schottischen Selkies, halb Frau, halb Robbe, ins Zentrum eines ihrer Stücke stellt. So geht die Reise beständig hin und her zwischen Orient und Okzident, Melancholie und Lebensfreude – woraus etwas beieindruckend Neues entsteht. Das findet auch das Publikum und erklatscht sich zwei Zugaben: einen Flamenco, der durch die Nyckelharpa ein ganz eigenes Gepräge erhält, und die Ballade von der tragischen Liebe der Jüdin Raquel und des Christen Fernando im mittelalterlichen Toledo, bei der Ana Alcaide noch einmal eindrucksvoll beweist, was für eine tolle Stimme sie hat. (hpö)