Neustadt
Orgelsommer: Aus Italien kommt die Musik
Die drei italienischen Abende in der Stiftskirche starteten facetten- und farbenreich am Freitagabend in der Stiftskirche mit einem Zweiergastspiel der beiden aus Norditalien angereisten Organisten Manuel Tomadin, Triest, und Nicolò Sari aus Venedig. Und einmal mehr verbeugte man sich innerlich vor dem herrlichen Motto, das der Kultursommer Rheinland-Pfalz natürlich auch dem Neustadter Orgelsommer kategorisch verordnet hatte. Denn bislang, so auch an diesem Abend, funkelten die klingenden „Sterne des Südens“ hell und gleißend.
Toccata, Passacaglia, Partita, Sonata oder Concerto – das musikalische Vokabular, auch im germanischen Kontext, klingt nicht von ungefähr mit italienischem Zungenschlag. Denn was sich in Renaissance und Barock jenseits der Alpen an unvergleichlich üppiger tonaler Schöpferkraft entfaltete, schwappte über, inspirierte Komponisten hierzulande und beflügelte sie, die zuweilen strengen Strukturen in „teutschen Landen“ mutig zu überlisten. Und selbst wer nicht, wie Heinrich Schütz etwa, den Vorzug eines Italien-Aufenthalts genießen konnte, griff beherzt nach den Errungenschaften der Tondichtungen aus „Welschland“.
Kernige Prachtklänge
Der 1666 geborene Johann Heinrich Buttstett beispielsweise, dessen turbulentes „Präludium und Capriccio in d“ Manuel Tomadin wie ein grandioses Bühnenstück in Szene setzte – mit fleißigen Registerzügen, die den leicht improvisatorischen Charakter, das lustvoll mit Echospielen und Klangspiegelungen operierende Wechselspiel auf beiden Manualen, in immer neuen Farben aufleuchten ließ, mal geschwätzig heiter, mal in kernigen Prachtklängen.
Zuvor hatte der Künstler an der kleinen Schiegnitz-Orgel mit ihrem ungemein pastosen Klang Platz bezogen und mit Michelangelo Rossi und Bernardo Storace zwei aus der zahlreichen Väter-Schar jenes Stile Italiano zitiert und in sorgsam feinsinniger Manier über die Rampe geschickt. Schließlich durfte auch das Dulcken-Cembalo zum Einsatz kommen. Zunächst mit einer Sonata von Baldassarre Galuppi und sodann – da haben wir sie wieder, die Italien-Liebe auch des berühmten Sachsen – eine der zahlreichen Transkriptionen Vivaldi’scher Violinkonzerte durch Johann Sebastian Bach, als Concerto C-Dur unter BWV 976 gelistet. Und Tomadin inszenierte die Ecksätze in stupend sportlichem Tempo und einem schwindelerregend rasanten Fingerspiel als wahren Sinnenrausch. Tauchte den Mittelsatz dagegen in eine tiefe, sehr anrührende Form des Innehaltens. Großartig.
Anarchisches Variationengespinst
Mehr noch als Tomadin rückte Nocolò Sari die kostbare italienische Portabel-Orgel in den Fokus. Eigentlich traktiert man sie im Stehen; will man sitzen, braucht es eine Bank mit Podest, so wie sie die Künstler diesmal bespielten. Die feingliedrige „Fantasia Allegra“ des Andrea Gabrieli, eine meditative „Toccata IV per l’Elevatione“ von Girolamo Frescobaldi, die im liturgischen Kontext wohl die Kommunion begleitete, und Bernardo Pasquinis „Partite diverse di Follia“, ein herrlich anarchisches Variationengespinst voller chromatischer Kühnheiten, schließlich das fröhliche Rondo des Gaetano Valerj, das einen überraschenden Ausflug in frühromantisches Empfinden bescherte – Nocolò Sadi zelebrierte all dies mit klarem Gestaltungswillen und sehr individuellem Zugriff. Jeder Moment war neu und zum Niedersinken schön.
Auch er schloss seine Darbietung mit Johann Sebastian Bach, ließ der kontemplativen Choralbearbeitung „Allein Gott in der Höh“ (BWV 662) das kraftvoll aufschäumende Präludium nebst Fuge G-Dur (BWV 541) folgen und die Edkes-Orgel mit virtuosem und beherzt klangopulentem Zugriff in hinreißender Schönheit erstrahlen.
Ein echtes Schmankerl hielt die Zugabe bereit – die Sonata für zwei Orgeln von Gaetano Piazza vereinte beide Solisten in einem herrlich heiteren und brillant gemeisterten Tastendialog.