Bad Dürkheim RHEINPFALZ Plus Artikel Optimismus durch Musik: Stargeiger Nigel Kennedy im Interview

Popstar der Klassik seit den 1980er-Jahren: Nigel Kennedy ist inzwischen zwar 68 Jahre alt, aber klare Worte und Grenzgänge zwis
Popstar der Klassik seit den 1980er-Jahren: Nigel Kennedy ist inzwischen zwar 68 Jahre alt, aber klare Worte und Grenzgänge zwischen den musikalischen Welten schätzt er immer noch.

Der für seine Nonkonformität bekannte Musiker kommt zum „Limburg Sommer“ nach Bad Dürkheim.

Er ist vom Promi-Status her der Top-Künstler beim diesjährigen „Limburg-Sommer“: Der britische „Punk-Geiger“ Nigel Kennedy, der mit seiner Einspielung von Vivaldis „Vier Jahreszeiten“ im Jahr 1989 bis heute den Rekord für das meistverkaufte Klassikalbum hält, präsentiert am Samstag in Bad Dürkheim mit der Cellistin Beata Urbanek ein Duo-Repertoire aus Lieblingsstücken. Stefan Pohlit hat sich mit ihm unterhalten.

Mister Kennedy, „Heart And Soul“ heißt das Programm, das Sie in Bad Dürkheim spielen werden. Wie zu lesen ist, werden Sie dabei auch am Klavier zu erleben sein. Auf welche Art von Musik darf man sich freuen?
Im Zentrum steht Johann Sebastian Bach, umgeben von einem Mix aus Werken, die ich besonders schätze – von Ludwig van Beethoven bis Jimi Hendrix. Besonders möchte ich den polnischen Jazz-Komponisten Krzysztof Komeda und den Japaner Ryuichi Sakamoto hervorheben.

Was schätzen Sie an diesen Stücken und Komponisten?
Ich finde es großartig, wenn es Komponisten gelingt, etwas Wesentliches auszudrücken, und wenn sie dabei ihre Intelligenz nicht zu egozentrisch zur Schau stellen. Krzysztof Komeda zum Beispiel hat solche Musik geschaffen: Sie ist berührend und inhaltlich tiefgründig, dabei aber nicht unnötig komplex. An meinem Programm „Heart And Soul“ ist außerdem kurios, dass alle Komponisten der Auswahl Tastenspieler waren. Ein gewisser Schwerpunkt liegt also auf harmonischer und klanglicher Fülle.

Sakamotos Musik zu dem Antikriegsfilm „Furyo – Merry Christmas, Mr. Lawrence“ haben Sie 2022 für die Initiative „Violins Not Violence“ neu eingespielt – als Friedensappell inmitten der ukrainischen Flüchtlingskrise ...
Von Sakamoto haben wir eine ganze Reihe von Stücken erarbeitet. Zum Beispiel „Firecracker“ aus dem Repertoire von Sakamotos Elektropop-Band „Yellow Magic Orchestra“. Sakamoto hat sich durchaus kritisch mit dem nationalistischen Romancier Yukio Mishima auseinandergesetzt. Sein Klavierstück „A Flower Is Not A Flower“ lässt sich als Kommentar auf Chauvinismus verstehen – etwa im Bezug auf die Rechte der Frauen nach 1945, an der Schwelle vom traditionellen Kaiserreich in die Demokratie. Es stellt die Frage, wer das Recht besitzt, über andere zu bestimmen, andere Menschen auf eine eindeutige Funktion festzulegen.

Das Programm enthüllt also unterschwellige Bedeutungsebenen?
Als Student haben mich musikalische Genies wie der Cellist Pablo Casals und der kürzlich verstorbene Pianist Alfred Brendel fasziniert. In ihrem Spiel wurde keine Note verschwendet – alles hat einen Sinn und eine tiefe Kraft. Als Brite in einem Land mit schleichender Rezession bin ich mir der Dimension solcher „Ökonomie“ in verschiedener Hinsicht bewusst. Es geht um Intimität, um feine Zwischentöne – die Energie des Lebens. In meinen Konzerten möchte ich, dass wir diese Energie spüren, sie als Gemeinschaft erfahren können. Musiker, finde ich, bringen vom Beruf her einen Respekt für die menschliche Existenz mit.

Sehen Sie „Heart And Soul“ im Zusammenhang mit Ihrem sozialen und politischen Engagement?
Einen solchen Bezug habe ich nicht ausdrücklich vorgesehen. Zugegeben, wir haben unsere Welt in ein ganz schönes Chaos verwandelt. Nun fühlen sich einige Künstler sogar im Westen von Zensur bedroht, weil man unserer Urteilskraft misstraut. Wenn Propaganda an die Stelle der Freiheit tritt, stehen wir im Vergleich zu den Ländern, deren Staatsformen wir verurteilen, nicht viel besser da. Beispielsweise beobachte ich aufmerksam, wie man die Menschen in Palästina um ihre Zukunft beraubt. Wer nur ums Überleben kämpft, hat keine Zeit für Erziehung, Bildung, Kultur. Natürlich wäre es absurd, mir nachzusagen, dass ich mich – im Hinblick auf meine jüdische Abstammung, auf meine enge Beziehung zu meinem Lehrer Yehudi Menuhin – dafür vom gesamten Judentum „distanzieren“ würde. Ich wünsche mir einfach einen Dialog aus Liebe und Respekt. Eben das leistet die Musik: Unserem Krieg zwischen „Gut“ und „Böse“, der uns täglich beschäftigt, setzt sie optimistischere Töne entgegen. Wenn wir für einen Moment die entsetzliche Gräuel vergessen und erinnern, wer wir wirklich sind, hat sie viel erreicht.

Termin

Nigel Kennedy und die polnische Violoncellistin Beata Urbanek-Kalinowska spielen am Samstag, 12. Juli, ab 20 Uhr beim „Limburg-Sommer“ in der Klosterruine oberhalb Bad Dürkheims. Karten (61,50/43,90 Euro) unter www.reservix.de oder bei allen Reservix-Vorverkaufsstellen, in Bad Dürkheim zum Beispiel der Tourist-Info. Dort sind auch vergünstigte Tickets für sozial Benachteiligte erhältlich. Für alle Besucher ist ein kostenloser Buspendelverkehr von Wurstmarktplatz und Bahnhof aus eingerichtet.

Zur Person: Nigel Kennedy

Nigel Kennedy wurde 1956 im südenglischen Brighton in eine Musikerfamilie hineingeboren und erhielt frühe Impulse von Yehudi Menuhin (klassische Violine), aber auch dem Jazzgeiger Stéphane Grappelli. Sein Solo-Debüt gab er 1977 mit dem Philharmonia Orchestra unter Riccardo Muti in London. Es folgten Einladungen zu allen großen Orchestern der Welt.

Durch sein unkonventionelles Auftreten, sein legeres Outfit, seine rebellische Haltung gegenüber den Traditionen der klassischen Musik und seine Offenheit für andere Musikstile wie Jazz, Rock oder Klezmer erwarb er sich schnell den Ruf eines Exzentrikers. Mit seiner Punk-Frisur avancierte er zum Popstar der Klassik der 1980er Jahre. Seine Einspielung von Vivaldis „Vier Jahreszeiten“ am Ende dieses Jahrzehnts gilt bis heute als das meistverkaufte Klassikalbum aller Zeiten.

Durch seine Ehefrau Agnieszka entwickelte Kennedy eine besondere Beziehung zu Polen. 2002 übernahm er die Leitung des Polish Chamber Orchestra, eine Position, die einst auch sein Lehrer und Mentor Yehudi Menuhin innehatte. Seit fast 20 Jahren pendelt er mit seiner Familie zwischen England und einem Bergdorf in der Nähe von Krakau.

Eine erste CD mit eigenen Kompositionen erschien 2016 unter dem Titel „My World“. In einigen seiner Projekte äußerte er sich dezidiert zur internationalen Politik, etwa zur Politik Israels. Er engagiert(e) sich auch für palästinensische und ukrainische Flüchtlinge.

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