Neustadt Nix verschlabbert, nix verschütt’

„Bitteschön, Ihr Glühwein.“ Jennifer Back (links, im Hintergrund Iris Pfingstgräf) hat Notizblock und Stift zur Seite gelegt, um
»Bitteschön, Ihr Glühwein.« Jennifer Back (links, im Hintergrund Iris Pfingstgräf) hat Notizblock und Stift zur Seite gelegt, um Besucher des Deidesheimer Advents mit Glühwein zu versorgen.

Als Erstes bekomme ich ein Geweih auf den Kopf. Es ist rot, mit weißem Plüsch und glitzernden Eisblumen. Schön kitschig. „Das gehört bei uns zur Grundausstattung“, klärt Petra Bundo aus Bad Dürkheim auf. Genau wie die dicke Fleecejacke. Aber die bräuchte es an diesem Abend eigentlich gar nicht. Vor der Glühweinhütte am Deidesheimer Stadtplatz stürmt es zwar ganz schön, aber die Temperaturen sind sehr mild. Die Oberlichter in dem kleinen Häuschen vor der Tourist-Information wärmen ebenso wie Glühwein und Punsch, die bereits seit gut zwei Stunden in Tassen über die Theke gereicht werden. Für Iris Pfingstgräf aus Wachenheim ist es noch mal wärmer: Vor ihren Beinen steht ein kleiner Heizkörper, auf dem einige Tassen liegen. „Das sind die Ersatztassen, falls die frisch aus der Spülmaschine gekommenen zwischenzeitlich zu sehr abkühlen.“ Kühle Tassen sind nicht gut, wie die 41-Jährige erklärt, da der Glühwein dann schneller kalt wird. Nur Kinder bekommen ihren Punsch in nicht gewärmten Tassen, damit sie ihn schneller trinken können. Fürs Kassieren sind Iris und Petra zuständig. Soll mir ganz recht sein, bleibt mir das Rechnen erspart. Stattdessen bin ich an der Station für die Punschsorten Weihnachtsapfel und Roter Feger sowie für Kirschglühwein und die „harten Sachen“ eingesetzt. Das heißt, dass ich zum Beispiel ein Schnapsglas voll Gin oder Rum in die Tassen fülle, bevor ich Letztere an meine Kolleginnen weitergebe, die dann mit weißem oder rotem Glühwein auffüllen. „Ich hätte gerne einen Roten Feger“, bestellt ein Mann mittleren Alters die Mischung aus roten Fruchtsäften. Mein erster Einsatz! Tasse unter den Ausgießer halten, Hebel nach unten ziehen, und schon läuft das heiße Gebräu. „So einen hätte ich auch gerne: für daheim zum Putzen“, scherzt die Frau neben ihm. Eine andere möchte hingegen einen „heißen Feger“. Aber damit können wir drei Mädels leider nicht dienen ... Weil viele den Abend lieber im Warmen verbringen, ist der Hüttendienst relativ entspannt. Das ist aber schlecht fürs Geschäft. „Ich hab’ heute Morgen im Radio gehört, dass Standbetreiber auf Weihnachtsmärkten bei so einem Wetter bis zu 20 Prozent Umsatz einbüßen. Das könnte hinkommen“, sagt Iris. „Es kann aber nun mal nicht jedes Jahr bergauf gehen.“ Die Wachenheimerin muss es wissen, denn sie steht schon viele Jahre in der Hütte – an den vier Adventswochenenden sowie im Sommer zum Weinfest. Ihre Eltern hatten den Stand 1990 zum ersten Mal aufgebaut. „Mein Vater arbeitete bei einem Glühweinvertrieb. Da sind wir dann irgendwie reingerutscht“, erzählt Iris. Zwei junge Männer stehen vor uns. „Erst mal Finanzen checken“, sagt einer und greift in seine Hosentasche, offensichtlich auf der Suche nach Bargeld. „Reicht es noch für einen?“, fragt Petra, der der Wind fast das Geweih vom Kopf fegt. „Falls nicht, beantrage ich einen Kredit bei euch“, erwidert der Mann. „Oder Sie spülen“, schlage ich vor. „Nein, das mache ich nicht gerne.“ Dabei wäre Spüldienst in der Hütte ganz einfach: Tassen auf ein Tablett, ab in die Maschine, Knopf drücken, und eine Minute später ist das Geschirr sauber. „Mitarbeiter des Monats“ nennt Iris das Gerät und streicht liebevoll über seine silberne Front. Zwar bleibt mir der Titel damit verwehrt, aber ganz dumm scheine ich mich auch nicht anzustellen. „Ist ja Wahnsinn, wie sauber dein Arbeitsplatz ist. Da sind ja gar keine Tropfen“, lobt mich Iris. Wäre ja auch zu schade, das Gebräu neben statt in die Tassen zu schütten. Apropos: Für Mitarbeiter ist die Flüssignahrung hier natürlich gratis. Aber wir halten uns alle zurück. Ich vor allem, weil ich noch fahren muss. Den weißen Glühwein mit Gin gibt’s erst am Samstag. Meine beiden Kolleginnen verzichten aus ganz anderen Gründen: „Wir müssen ja noch rechnen können. Außerdem sind wir nicht so die großen Glühweintrinker“, gesteht Iris. „Aber wir müssen ihn ja auch nur verkaufen.“ Das tun die beiden – samstags und sonntags unterstützt von einem Springer – bereits seit über 18 Jahren gemeinsam. Auf dem Wurstmarkt in Bad Dürkheim haben sie sich über gemeinsame Freunde kennen gelernt. Übrigens werden benutzte Tassen nie aufgefüllt. „Wir verwenden immer neue Tassen, auch wenn die Leute darauf bestehen, dass wir ihre noch mal füllen“, erklärt Iris. Und Petra betont: „Hygiene wird bei uns groß geschrieben.“ So werden die Schläuche, durch die der Wein aus den 100, 150 und 300 Liter fassenden Kanistern in die Durchlauferhitzer fließen, jeden Tag gereinigt. Der Wein – am häufigsten wird Dornfelder ausgeschenkt – kommt aus der Verbandsgemeinde. Das ist Vorschrift. Eine Neustadter Kellerei wandelt ihn um in Glühwein. Und der kommt an bei den Gästen, von denen viele aus dem Saarland kommen. Ein Paar ist mit einer Busgruppe aus dem Spessart angereist. Ruck, zuck sind zweieinhalb Stunden vorbei. Um kurz vor 21 Uhr hilft der Mann einer Kollegin von Petra und Iris, die Deko in die Hütte zu holen. „So zieht man sich seine Gäste“, witzelt Petra. „Brav machst du das, Gerry“, lobt Iris. Für mich heißt das Feierabend. Die Kolleginnen machen sauber, haben noch einen Tag Dienst vor sich. „Dann merken wir aber auch, dass wir die letzten vier Wochenenden immer hier waren“, so Petra. „Das könnten wir nicht, wenn es uns nicht so großen Spaß machen würde“, sagt Iris, die sich mit den Worten von mir verabschiedet: „Bis nächstes Jahr.“ Ich höre mich nicht Nein sagen.

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