Neustadt Nichts für zarte Gemüter

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«Neustadt». Ermittlerin Targa Hendricks arbeitet fürs Bundeskriminalamt (BKA), ist überaus tough und furchtlos, dabei aber trotzdem sensibel. Das österreichische Schriftstellerehepaar Barbara und Christian Schiller hat mit ihr in der Hauptrolle einen Psychokrimi verfasst, der bis zum Schluss fesselt.

Der Klappentext verrät bereits, dass der Thriller nichts für sensible Naturen ist, die kein Blut sehen (oder darüber lesen) können. Alle Kapitel sind mit wenigen Seiten sehr kurz gehalten, stellen in packenden Szenenwechseln die Protagonisten vor und bauen Spannung auf, indem Hintergründe und Querbezüge nach und nach aufgedeckt werden. Ermittlerin Targa Hendricks ist eine überaus interessante Figur, sie lebt mit ihrem Hund in einem zum Wohnmobil umgebauten alten VW-Bus, ist Einzelgängerin mit autistischen Zügen. Ihre kriminalistischen Fähigkeiten gelten hingegen als genial. Eingangs muss Targa untertauchen, da sie eines Mordes verdächtigt wird. Bald aber, entlastet von ihrem Chef Lundt beim BKA, wird sie für die Ermittlungen im aktuellen Schlachthaus-Mord engagiert. Die erste Begegnung des Lesers mit Künstlerin Freya von Rittberg ist in einem fensterlosen Club mitten in Berlin. Hier ist sie auf der Suche nach Models, die möglichst nordisch aussehen sollen: helle Haut, blondes Haar, blaue Augen. Auch an anderen Orten sammelt sie mit Akribie, begleitet und unterstützt von ihrem Manager Zac, junge Menschen, die diesem Ideal entsprechen. Dabei ist es keinesfalls so, dass es an Bewerbern für diese Modeljobs mangelt, Freya darf also sehr wählerisch sein. Ihre Bilder malt die Künstlerin mit einer Mischung aus Blut und Farbe. „Bei uns stirbt niemand. Ich will nur einen Schwall aus deinem Blut. Einen Vulkanausbruch. Wie Lava soll dein Blut über die Leinwand spritzen“, betont sie und schafft es mit psychologischer Raffinesse, junge Leute in ihren Bann zu ziehen. Freya genießt auch in höchsten gesellschaftlichen Kreisen besondere Anerkennung, verschafft sie der High Society doch mit ihren gewagten „Challenges“ den besonderen Kick. Eine der beschriebenen Kunstinstallationen ist eine blutige Inszenierung in ihrer Galerie: Zwei junge Menschen sitzen mit kalkweißen Gesichtern nebeneinander auf Stühlen, sind mit Mullbinden umwickelt, Schläuche, in denen der Lebenssaft fließt, verbinden beide Personen. „Sind die Menschen echt?“, fragt das Publikum und bekennt andächtig: „Freya ist eine große Künstlerin“. Kurz darauf werden beide jungen Leute, bis auf den letzten Blutstropfen ausgeblutet, auf dem Dach eines Hochhauses tot aufgefunden, arrangiert als Liebespaar in einer Midnight-Dinner-Szene. Für die Polizei ist Freya die Hauptverdächtige, aber selbige hat dank ihres Agenten Zac sowohl für die Morde im Schlachthaus als auch für die auf dem Hochhausdach ein Alibi. Ermittlerin Targa wird auf den Fall angesetzt, als Bodyguard schleust man sie ins private Umfeld der Künstlerin ein. Das Autoren-Duo entwickelt aus der Ausgangssituation einen spannenden Krimi, bei dem die Beziehungen der Hauptpersonen wie bei einem Spinnennetz miteinander verknüpft werden. Ermittlerin Targa ist die Überlebende von Zwillingsschwestern, die an einem kalten Wintertag vor 30 Jahren vor einem Berliner Krankenhaus ausgesetzt wurden. Mit ihrer Schwester Yella, welche die kalte Nacht nicht überstand, verbindet sie ein imaginäres Band: Targa findet in ihren fiktiven Dialogen immer wieder Problemlösungen. In das damalige Geschehen eingebunden ist ihre Adoptivmama Margarethe, die sowohl Targas leibliche Mutter, die nach Aktenlage Selbstmord beging, als auch ihren seither verschollenen Vater gekannt haben muss. Targa gelingt es bei ihrer Arbeit als Bodyguard, den Unterstützerkreis von Freya zu entlarven. Es handelt sich um einen Geheimbund ehemaliger Kinder der Nazi-Einrichtung „Lebensborn“, in der arischer Nachwuchs gezeugt wurde. Die verbohrten alten Herren huldigen Freyas totgesagtem Großvater Thorwald von Rittberg, der bei Hammerfest in Norwegen eine dieser SS-Einrichtungen geleitet hatte. Auch scheinen Mitglieder des Geheimbundes mehr über Targas Eltern zu wissen, so dass sich ein weiterer Kreis schließen könnte. Stück für Stück, einem Puzzle gleich, setzen die Autoren aktuelle Ereignisse, Vergangenheit und persönliche Tragödien zu einem überraschend stimmigen Bild zusammen. Das Autorenehepaar Barbara und Christian Schiller gehört zu den erfolgreichsten Thrillerautoren im deutschsprachigen Raum. Seine Geschichten handeln oft von Polizisten, die bis zu den Grenzen der Legalität vorstoßen, um dem Bösen ein Ende zu bereiten. Lesezeichen B. C. Schiller: Immer wenn du tötest, Penguin Verlag München 2018, Taschenbuch, 400 Seiten, 10 Euro.

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