Reportage
Nichts für schwache Nerven: An Weihnachten in der Notaufnahme
Seine Schicht am ersten Weihnachtsfeiertag geht erst wenige Stunden, und Lars Tonne, der diensthabende Arzt in der Zentralen Notaufnahme (ZNA) im Marienhaus Klinikum Hetzelstift, hat bereits die erste Intensivpatientin auf der Trage liegen. Da sie verwaschen spricht, ist sie mit einem ersten Verdacht auf Schlaganfall ins Krankenhaus gekommen. Bisher steht fest: Die Frau ist ausgetrocknet, ihre Blutwerte sind schlecht. Irgendwo in ihrem Körper schlummert eine Entzündung. Mit einer Computertomographie (CT) könnte man sie finden, aber da ihre Nieren versagen, wäre es zunächst zu riskant, das dafür notwendige Kontrastmittel zu spritzen.
Im Wartezimmer sitzen die Angehörigen, die Tonne über den aktuellen Stand aufklärt. Auf dem Rückweg hört er noch schnell die Lunge einer alten, dementen Frau ab, die schwer hustet und nach Hilfe ruft. „Wir kümmern uns um Sie“, versichert er ihr, richtet sie zum Abhusten auf und versucht auch, sie zu trösten: „Ich weiß, es ist nicht so schön, an Weihnachten im Krankenhaus zu sein.“
Ständig priorisieren
Am Computer blendet Tonne den Trubel um sich herum aus. „Ohne Befund punkt“, spricht er in ein Diktiergerät, das direkt in den Arztbrief textet. Dann klingelt wieder das Telefon. Absprache mit dem Oberarzt. Als Knotenpunkt für Notfälle steht die ZNA in ständigem Austausch mit anderen Hetzelstift-Stationen, ambulanten Diensten und anderen Häusern, wenn es um Aufnahmen, Behandlungen oder Verlegungen geht.
„Wir behandeln im Jahr 22.000 Menschen, und jedes Jahr werden es 2000 mehr – und das mit sinkender personellen Ausstattung.“ Tonne muss ständig priorisieren. Gerade sind es sechs Patienten, die er gleichzeitig betreut, „ein ruhiger Dienst“. Vor Heiligabend seien es zeitweise 13 gewesen, darunter mehrere Notfälle. Wer was hat und wie es behandelt wird, muss der Arzt zu jedem Moment im Kopf haben. „Ab acht Personen schreibe auch ich mir dann einen Zettel“, sagt der 51-Jährige. Wenn Behandlungen aufwendiger werden, müssen weniger akute Fälle warten, und es bleibt für die Dokumentation erst mal keine Zeit.
Zum Sterben ins Krankenhaus
Auf zwölf Behandlungsplätze in der ZNA werden Tonne zufolge im Schnitt 50 bis 70 Patienten pro Tag versorgt. Die Verantwortung sei „immer da“, sagt der Assistenzarzt, aber die Notfallmedizin sei das, was ihm Spaß mache. „Es ist praktische, abwechslungsreiche Arbeit, und man sieht viel, weil es ja zum Beispiel nicht den Standard-Herzinfarkt gibt.“ Dann muss es plötzlich schnell gehen. Auf dem Bildschirm in der Ecke ist zu sehen, dass der Rettungsdienst einfährt. Ein Notfall kommt in den Schockraum.
Der Notarzt informiert in einer schnellen Folge aus Zahlen und Abkürzungen über die wichtigsten Eckdaten des hoch betagten Patienten, der nicht mehr reagiert, schlecht ernährt und schwer dement ist. „Präfinal“, so die Beurteilung. Der Mann liegt im Sterben. „Es ist ein Wunder, dass er es lebend hierher geschafft hat“, sagt einer der Sanitäter. Was diesen Mann zum Sterben ins Krankenhaus bringt, ist seine Patientenverfügung. Diese verlangt eine Maximalversorgung, also „alles medizinisch Notwendige und Sinnvolle“ zu tun, im Zweifel auch durch Austausch des Ärzteteams.
Nicht nur Notfälle
„Diese Verfügung verstößt gegen die guten Sitten“, sagt der Sanitäter und blickt auf den Mann, der nur noch ein Schatten seiner selbst ist. Tonne zeigt auf die Kabel und sagt: „Nichts hiervon ist ,sinnvoll’.“ Rechtlich ist die Situation heikel. Gibt es nach einer medizinischen Einschätzung moralische Bedenken bezüglich einer Verfügung, kann ein Bereitschaftsrichter hinzugezogen werden. „Sowas kommt immer an Weihnachten“, sagt Tonne und hängt sich ans Telefon. Der Mann soll friedvoll gehen können.
Es seien eben nicht nur Notfälle, die in der ZNA landeten, sondern auch vorerkrankte Patienten, die sich nicht mehr selbst versorgen könnten oder in der das häusliche Umfeld mit der Pflege überfordert sei. Für Tonne eine Konsequenz aus Hausarzt- und Versorgungsdefizit, die Krankenhäuser nicht nur zusätzlich belasteten, sondern zum Teil auch zu Problemen bei der Abrechnung führten. „Wir sind das Auffangbecken für alles, was da draußen schiefläuft, und müssen in der ZNA jeden Patienten erstversorgen“, sagt Tonne.
Reformen praxisfern
Ihm zufolge brauchte man allein einen Arzt, der den ganzen Tag nur Dokumentationen erledigt. „Aber die Probleme interessieren niemanden“, meint Tonne. Reformen in der medizinischen Versorgung seien zu weit weg von der Praxis. Es habe in den zwei Jahren, die er in der Notaufnahme arbeitet, Tage gegeben, an denen keine Klinik in der Pfalz freie Betten hatte. Dass teilweise nur die Hälfte der Kapazitäten tatsächlich zur Verfügung stehen, habe vorrangig mit Personalmangel zu tun.
Während Tonne sich mit dem Papierkram am Computer beeilt, muss er sich mehrere neue Informationen merken; darunter, dass eine seiner Patientinnen Corona hat und eine andere noch länger in der ZNA liegen muss, bis auf der Station ein Bett frei wird. Dann wartet schon der nächste Patient aus einem Pflegeheim auf ihn. Er ist schwer dement und hat Fieber. „Ein typischer Infekt, Influenza“, sagt Tonne während er Vorerkrankungen und Dauermedikation überprüft.
Fokus im Trubel
Im Flur hat sich indes eine demente Patientin den Zugang aus dem Arm gerissen. Im Nebenraum ruft jemand „Hallo?!“, dazu piepsen überall Monitore gleichzeitig. Der Arzt muss konzentriert bleiben, um am PC eine Röntgenuntersuchung korrekt anzumelden. Weil am Feiertag kein Radiologe im Haus ist, beurteilt ein Berliner Facharzt den Fall online und gibt die Behandlung frei. Bis es soweit ist, geht es schnellen Schrittes nach oben, wo das CT der Intensivpatientin ansteht. Dabei muss ein Arzt anwesend sein. Es gibt Unstimmigkeiten in den Bildern – die Frau könnte ein OP-Kandidat werden. Danach grübelt Tonne einen Moment über die Ausschläge der Herzströme einer anderen Patientin, die anormal verlaufen, und veranlasst weitere Untersuchungen.
Zur Übergabe an den Spätdienst der Pflegekräfte um 13.30 Uhr fasst Tonne zusammen, was bis jetzt in der ZNA schon aufgelaufen ist. Wer wann was zu tun hat, ist genau festgelegt. „Das Team ist in diesem Job alles“, sagt Tonne, der selbst etwa jedes zweite Wochenende in der Klinik verbringt: zwölf Tage arbeiten, zwei Tage frei. Ob er auch mal pünktlich in den Feierabend kommt? Tonne lacht. Auch heute hat er noch einige Stunden vor sich.
E-Akte „ein Traum“
Dass es am Nachmittag kurzzeitig ruhiger wird, nutzt Tonne, um Medikamentenpläne ins Programm einzupflegen. Händisch sei das aufwendig, aber jede Klinik habe eigene Software und Lösungen, sodass die Schnittstellen fehlten. Die elektronische Patientenakte wäre „ein Traum“, dann müsste er nur seine aktuelle Behandlung einfügen. Dass die E-Akte an Datenschutzbedenken scheitern könnte, findet er „lächerlich“. Eine absolute Sicherheit gebe es nicht. „Es sind zu viele Leute in die Entscheidungen eingebunden, und letztlich will keiner die Verantwortung übernehmen.“
Oder politische Entscheidungen erhöhen den Druck in den Notaufnahmen sogar noch. So schließen auf Beschluss der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) zum 1. Januar sieben ärztliche Bereitschaftspraxen im Land. Sie sind Anlaufpunkt, wenn keine notfallmedizinische Versorgung nötig ist, man aber auch so akut leidet, dass man nicht warten kann, bis der Hausarzt wieder da ist. Die verbleibenden 36 Bereitschaftspraxen bieten zudem keine Nachtdienste mehr an und werden montags, dienstags und donnerstags auch tagsüber geschlossen bleiben. Mittwochs und freitags sowie an Wochenenden und Feiertagen werden die Dienstzeiten reduziert. Wer dann akut ärztliche Hilfe braucht, wird in der ZNA landen.
Das bedeutet auch organisatorische Probleme: Zum Beispiel kann das Krankenhaus im Gegensatz zum Bereitschaftsdienst keine Rezepte ausstellen. „Dafür muss ich die Leute dann wieder zum Hausarzt schicken“, sagt Tonne.
„Kann nicht mehr als mein Bestes geben“
Endlich sind die beauftragten Röntgenbilder verfügbar. Sie zeigen: Tonne muss Diagnose und Therapie anpassen. Während er tippt, meldet eine Kollegin: Eine Patientin blutet plötzlich aus der Nase, ihre Werte verschlechtern sich. Wie kann das sein? Tonne bespricht die Symptomatik. Dazwischen eine gute Nachricht: Die Patientin mit den seltsamen Herzströmen hat keinen Herzinfarkt. Wie es mit der Frau in der Kardiologie weitergeht, wird er später in den Akten lesen – auch aus medizinischem Interesse. „Nur so lernt man dazu.“
Jeder Arzt müsse für sich entscheiden, ob er sich die Verantwortung unter den derzeitigen Bedingungen im Gesundheitssektor aufbürde, sagt Tonne, der nach dem Medizinstudium jahrelang in der IT-Branche tätig war, bevor er in die Klinik zurückkehrte. „Man hat hier jeden Tag mit Schicksalen zu tun, muss sich aber bewusst machen, dass man nicht selbst für das Leid um einen herum verantwortlich ist. Sonst gerät man in einen Strudel. Ich kann nicht mehr als mein Bestes geben.“ Man bekomme bei der Arbeit aber auch etwas, „wenn Patienten sich bedanken, wenn sie sagen, man hat einen guten Job gemacht und ihnen geholfen. Es gibt nur wenige Berufe, in denen man Leben retten kann“.