Hintergrund RHEINPFALZ Plus Artikel „Nicht mit dem Kopf durch die Wand gehen“: Wie Sportler Krisen überstehen

Disqualifiziert: Bei den Spielen 1988 muss Zehnkämpfer Jürgen Hingsen nach drei Fehlstarts über 100 Meter die Bahn verlassen.
Disqualifiziert: Bei den Spielen 1988 muss Zehnkämpfer Jürgen Hingsen nach drei Fehlstarts über 100 Meter die Bahn verlassen.

Am Wettkampftag X fit zu sein, das versuchen Sportler stets. Nicht immer klappt’s: Sportler aus der Region wissen, wie man nicht in Panik gerät, wenn’s mal nicht gut läuft.

20. Juni 1976. Fußball-EM-Finale in Belgrad. Nach Verlängerung steht es zwischen Deutschland und der Tschechoslowakei 2:2. Die Entscheidung fällt im Elfmeterschießen. Uli Hoeneß ist der vierte deutsche Schütze – zuvor haben Rainer Bonhof, Heinz Flohe und Hannes Bongartz ihre Elfer verwandelt. Und dann schießt Hoeneß den Ball in den Nachthimmel von Belgrad. Die deutsche Elf unterliegt schließlich mit 3:5. Selbst Jahre später kursieren Witze über Hoeneß’ Fehlschuss: Der Ball sei noch immer nicht gefunden worden. Oder der Ball sei bei Bauarbeiten entdeckt worden.

Elfmeter an den Pfosten

Auch Bastian Schweinsteiger, Fußball-Weltmeister von 2014, hat ein traumatisches Erlebnis, was Elfmeter betrifft: Im Champions-League-Finale am 19. Mai 2012 in München steht es nach 120 Minuten 1:1 zwischen Schweinsteigers FC Bayern München und dem FC Chelsea. Hier fällt die Entscheidung ebenfalls im Elfmeterschießen. Schweinsteiger ist letzter Schütze der Bayern. Und schießt den Ball an den Pfosten. Chelsea siegt schließlich mit 4:3.

In anderen Sportarten haben Athleten in entscheidenden Momenten ebenso Nerven gezeigt: zum Beispiel Zehnkämpfer Jürgen Hingsen. Er will seine Karriere bei den Olympischen Spielen 1988 in Seoul mit Gold krönen. Und erlebt einen der schwärzesten Momente seiner Laufbahn im 100-Meter-Lauf, der ersten Disziplin der Zehnkämpfer. Ihm unterlaufen drei Fehlstarts. Er wird disqualifiziert, scheidet aus. Nennt sich selbst „Depp der Nation“.

3000-Meter-Hindernis-Läuferin Gesa Krause hat ebenfalls auf einem großen Wettkampf einen dunklen Moment erlebt, aber auch gemeistert: Auf der Leichtathletik-WM 2017 in London will sie eine Medaille holen. 60.000 Zuschauer sehen dann im Stadion, wie die Deutsche stürzt. Aber statt aufzugeben, rappelt sie sich auf, läuft auf dem letzten Platz liegend weiter. Sie überholt sogar noch einige Konkurrentinnen, wird am Ende Neunte. Und zeigt gar Mitgefühl für Beatrice Chepkoech aus Kenia, die den Sturz verursacht hat. „Solche Dinge passieren im Hindernislauf, auch daraus zieht der Sport seinen Reiz“, schreibt sie später in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. In ersten Interviews im Ziel zeigt sie unter Tränen Größe, sagt, dass sie nicht ein ganzes Jahr lang trainiert habe, um ein wichtiges Rennen nach so kurzer Zeit aufzugeben.

Wenn’s im Kopf rattert

Zwei erfolgreiche Leichtathleten aus der Region sind zwar bislang noch nie vor 60.000 Zuschauern angetreten. Kleine Krisen haben aber auch sie schon bewältigen müssen: Linus Valnion (TSG Deidesheim), im Juli 2023 deutscher U16-Meister über 300 Meter Hürden geworden, und Lars Urich (2023 noch LC Haßloch), 2023 deutscher U18-Meister im Stabhochsprung. „Ich hatte 2022 eine Krise – da lief’s nicht so gut“, blickt der 16-jährige Valnion zurück, spricht davon, dass sein Abstand zu den Hürden nicht gestimmt habe, und dann ebenfalls der Übergang über die Hürden. „Dann fängt’s im Kopf an zu rattern: Woran liegt’s?“, erzählt er von seinem Tiefpunkt.

Sein Ratschlag, wenn’s mal nicht klappt: „Nicht mit dem Kopf durch die Wand gehen.“ Er habe sich seinen Bewegungsablauf mit seinem Trainer gemeinsam in Ruhe angeschaut, habe im Training „eine Stufe runtergeschaltet“. „Klein anfangen“, nennt der Deidesheimer es. Es komme auch darauf an, „ob’s eine Blockade ist oder nur ein schlechter Tag“.

Lars Urich hat im Stabhochsprung drei Versuche. Ist er vor dem dritten Versuch besonders nervös, wenn es in den ersten beiden Sprüngen nicht gut gelaufen ist? „Es gibt aus gutem Grund drei Versuche“, sagt er. „Man sollte den dritten Versuch mit frischem Wind angehen, als wäre es der erste.“ Er probiere grundsätzlich, jeden Versuch einzeln zu sehen. Auf Wettkämpfen meditiere er gerne, verrät der 17-Jährige, der inzwischen für das LAZ Zweibrücken antritt: „Wie fühlt sich mein Körper an?“ Er gehe im Geist seinen Bewegungsablauf Schritt für Schritt durch, denke einzeln an den Anlauf, dann an den Absprung. Urich: „Das gibt Sicherheit.“ Sein Tipp: „Ich denke immer ans Nächste, das wichtig ist.“ Während eines Wettkampf sei er noch nie in Panik geraten. „Spannung ja, das gehört dazu“, sagt er. „Aber es ist wichtig, konzentriert zu sein.“ Während der deutschen Meisterschaft 2023 habe sein Wettbewerb rund zwei Stunden gedauert. Urich: „Ich hatte keinen Moment, in dem ich nicht an den Stabhochsprung gedacht habe.“

Der Haßlocher ist gestärkt aus einer schwierigen Situation gekommen: Er hatte in der Wintersaison zuvor wegen einer Rückenverletzung keinen Wettkampf absolviert. „Da fragt man sich schon zwischendurch, ob das wieder wird“, gibt Lars Urich Einblicke in seine Gedanken seinerzeit. Er habe weder Sprint noch Absprünge trainieren können, habe aber ein Ausgleichstraining absolviert gegen die Schmerzen. Mit Erfolg. „Technisch hat mich das weitergebracht“, erzählt Lars Urich. „Ich bin anschließend so gesprungen, dass ich keine Schmerzen mehr habe.“

Konzentration das A und O

Konzentration ist auch das A und O für Langstrecken-Radsportler Lucas Becker. Wenn er ein Rennen absolviert, ist er meist mehrere Tage und Nächte unterwegs und dabei komplett auf sich alleine gestellt, kümmert sich um seine Verpflegung, Schlafplätze und gegebenenfalls um Reparaturen am Rad. 2023 und 2022 hat er das über 1000 Kilometer und mit fast 23.000 Höhenmetern gespickte Radrennen „Mittelgebirge Classique“ mit Start und Ziel in Neustadt gewonnen.

„In meinen Rennen bin ich bisher noch nie so wirklich in einer Krise gewesen“, sagt der Berliner, der in Nantes lebt. Vielleicht habe es aber doch eine brenzlige Situation in seinem Rennen Ende September/Anfang Oktober 2023 gegeben: Das „Transpyrenées“ ist 1050 Kilometer lang, hat 25.000 Höhenmeter. Becker hat es gewonnen, war vier Tage, 20 Stunden und 51 Minuten in den Pyrenäen unterwegs.

Rad auf dem Rücken

„Um von einem Kontrollpunkt zum nächsten zu kommen, musste ich einen Wanderpfad nehmen, auf dem es unmöglich ist zu fahren. Ich musste also mein Rad auf dem Rücken tragen. Habe dies dummerweise nicht zu Hause trainieren können“, erzählt der 28-Jährige. Besonders der Abstieg sei „ziemlich technisch“ gewesen. Er habe das Rad auf dem Rücken balanciert, dieses irgendwie so positioniert, dass es nicht irgendwelche Schmerzen verursache. Und habe aufgepasst, dass er nicht ausrutsche.

Becker erinnert sich an eine aufregende Zeit: „Mein Konkurrent, den ich mit dieser Abkürzung überholen wollte, hat einen anderen, viel längeren Weg über eine Straße in Andorra genommen. Zeitdruck kam also auch noch hinzu.“ Er habe gewusst, dass sein Konkurrent stärker sei. „Die Abkürzung war zwar riskant, aber eine große Chance, um Zeit gutzumachen“, erklärt Becker seine Wegwahl. Umzudrehen hätte ihn viele Plätze gekostet. Becker: „Also einfach stumpf immer weiter. Ich war voll konzentriert, einen Schritt nach dem anderen zu machen und bis zur nächsten fahrbaren Schotterstraße zu kommen.“ Dort angekommen, folgt der nächste Schock: „Diese ist nur schwer fahrbar.“ Und es kommt noch schlimmer: Auf der Abfahrt schleudert ein Stein hoch, verkantet sich zwischen der Gabel und den Speichen. „Ich fliege elegant über den Lenker“, erinnert sich der Radsportler. Er habe kurz liegen bleiben müssen, um sich zu sammeln. Die kurze Analyse des Körpers habe ergeben: „Nichts Schlimmes.“ Aber er sieht, dass der Stein eine Speiche gebrochen hat, stellt aber nach einer Kontrolle fest, dass er ohne Probleme weiter fahren kann. „Endlich wieder auf dem Asphalt angekommen, atme ich erst einmal tief durch“, erinnert er sich. „Ich denke, dass ich ordentlich unter Adrenalin war. Die ganze Tragepassage war ich unglaublich konzentriert, wie im Tunnel.“

Trainieren, bei Stress cool zu bleiben

Lucas Becker ist überzeugt davon, dass es sich trainieren lässt, in stressigen Situationen cool zu bleiben. „Zumindest habe ich mich auch im Training häufiger schon in Situationen gefunden, in denen ich einfach weiter gehen musste, da umzukehren keine Option war.“ Er erinnert sich an einem Schneesturm auf dem Brocken. Becker betont: „Ich begebe mich natürlich nicht freiwillig in diese Situation, gehe aber doch immer wieder etwas weiter an meine Grenzen. Denn dann weiß ich das nächste Mal, dass ich eine ähnliche Situation schon überstanden habe.“

Der Wahl-Franzose hat viel alleine trainiert. Inzwischen macht er dies weniger. Um die eigenen Grenzen zu kennen, habe er diese erst einmal finden müssen. Becker: „Was die reine Performance auf dem Rennrad angeht, bin ich heute an einem Punkt angekommen, an dem das Training alleine nicht mehr so fruchtbar ist. Es ist besser, mit Leuten zu fahren, die stärker sind als ich.“

Im Berufsleben begegnet der Ingenieur Problemen eher anderer Natur: Häufig sei es aber auch hier der Zeitdruck, der eine Aufgabe zum Problem mache. Becker überlegt: „Vielleicht hilft mir dabei meine strukturierte Herangehensweise, die ich auch im Rennen anwenden kann. Sich vor dem Besuch im Supermarkt zu überlegen, was ich brauche. Eine Liste im Kopf machen, anhalten, alles besorgen, auf dem Rad verstauen und weiter fahren.“

EM-Finale 1976: Uli Hoeneß kickt im entscheidenden Elfmeterschießen seinen Elfer in den Nachthimmel von Belgrad.
EM-Finale 1976: Uli Hoeneß kickt im entscheidenden Elfmeterschießen seinen Elfer in den Nachthimmel von Belgrad.
Weil dieser Weg unbefahrbar ist, muss Lucas Becker sein Rennrad im Rennen durch die Pyrenäen tragen.
Weil dieser Weg unbefahrbar ist, muss Lucas Becker sein Rennrad im Rennen durch die Pyrenäen tragen.
Linus Valnion
Linus Valnion
Lars Urich
Lars Urich
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