Neustadt „Nicht mit Bußgeldern lenken“
Schnell erreichbare und kostenlose Parkplätze sowie eine Ansiedlungspolitik, die rigoros verhindert, dass Produkte, die es in der Innenstadt gibt, in Gewerbegebieten angeboten werden. Das ist nach Aussagen von Experten das Erfolgsrezept von Kommunen, die eine lebendige Innenstadt haben – vorgetragen beim Willkomm-Forum zur Stadtentwicklung am Dienstagabend im Casimirianum.
„Wir wollen von anderen lernen“, sagte Dieter Gust, Sprecher des Arbeitskreises Stadtentwicklung bei dem Gewerbeverein. Auf der „Schulbank“ lauschten unter anderem Oberbürgermeister Hans Georg Löffler (CDU), die Beigeordneten Waltraud Blarr (Grüne) und Georg Krist (FWG) sowie SPD-OB-Kandidat Pascal Bender. Vom Raumordnungsverband Neckar-Alb kam Heike Bartenbach, Sachgebietsleiterin Wirtschaft. Sie versuchte, das Phänomen Balingen zu erklären. Die Kreisstadt 70 Kilometer südlich von Stuttgart kommt im Bezug auf die Kaufkraft auf eine Einzelhandelszentralität von 160 Prozent. Übersetzt heißt dies: Die Umsätze übertreffen die Kaufkraft der eigenen Bevölkerung für Einzelhandelsausgaben um 60 Prozent. Neustadt hat eine Zentralität von 126 Prozent. Die Leerstandsquote in Balingen beträgt zwei Prozent, der Schnitt bei Mittelzentren in Deutschland liegt bei zehn Prozent. Balingens Erfolgsfaktoren sind laut Bartenbach eine sehr restriktive Sortimentspolitik. Wer nicht in der Innenstadt ansässig sei, dürfe nur auf fünf Prozent seiner Verkaufsfläche Produkte anbieten, die es auch in der Innenstadt gäbe. Eine Ausnahme werde für Unternehmensgründer gemacht: Die dürften in den ersten zwei Jahren auch andere Artikel führen, müssten sich aber verpflichten, danach umzuziehen. Unternehmern sei Planungssicherheit wichtig: „Es investiert keiner, wenn er befürchten muss, dass zwei Jahre später ein Konkurrent auf der grünen Wiese baut.“ Zweiter Erfolgsfaktor aus Bartenbachs Sicht sind 2500 kostenlose Parkplätze in fußläufiger Entfernung. Damit habe Balingen dem benachbarten Tübingen den Rang als Einkaufsstadt abgerungen: „In Tübingen wird seit Jahren über das Parkplatzangebot gestritten, das überhaupt nicht so schlecht ist. Irgendwann nehmen Kunden dies als gefühlte Wahrheit an. Dann hat die Einkaufsstadt ein Imageproblem.“ Die Zentralität von Tübingen liege nur noch bei 87 Prozent. Ein Fachmann ist auch Peter Anklam aus dem Landkreis Calw. Der Betriebswirt ist Dozent an der Fachschule für Textil in Nagold und der Berufsakademie Stuttgart, Berater für Firmen und Kommungen für Einzelhandelsgutachten und auch Praktiker als Betreiber von Geschäften der Marken Esprit und Cecil. „Wer Autofahrer schlachtet, der schlachtet Innenstädte“, erklärte Anklam, der auch für Neustadt Gutachten anfertigte, unter anderem zur Ansiedlung des Wasgau-Marktes in Geinsheim. Der Kunde akzeptiere maximal zwei Minuten Laufweg und lehne unterirdische Parkhäuser ab. „Da muss man bei einer schwierigen Topographie halt auch mal ein Haus abreißen oder eine Baulücke finden, auf der man Parkplätze anbietet“, so Anklam. Fatal sei die Methode, mit Bußgeldern den Verkehr zu lenken: „Es gibt Untersuchungen, dass gerade Vip-Kunden, die über 8000 Euro im Jahr in der Innenstadt ausgeben, sich über ein Zehn-Euro-Protokoll so ärgern, dass sie künftig wo anders kaufen.“ Mit dem geplanten Parkhaus am Bahnhof und der Reaktivierung des Hertie-Parkhauses sei Neustadt auf dem richtigen Weg. Wichtig sei aber auch, nicht an der Preisschraube zu drehen und die Festwiese unbebaut zu lassen. Anklam rät Kommunen, die mit Unternehmen über eine Ansiedlung verhandeln, nur schriftliche Vereinbarungen zu treffen und sich auf mündliche Zusagen nicht zu verlassen: „Ich kenne Beispiele, wo Filialisten versprochen haben, trotz einer Ansiedlung im Gewerbegebiet in der Innenstadt nicht zu schließen und es dann doch getan haben.“ Anklam glaubt nicht, dass zu hohe Mieten generell der Grund für Leerstände in Innenstädten sind. Der Einzelhandel beklage bundesweit einen Rückgang der Besucherfrequenz von 25 Prozent in den vergangenen zehn Jahren. Das führe er unter anderem auf den Online-Handel zurück. In einer solchen Situation müssten auch Immobilienbesitzer nachgeben und Abstriche machen. Das gelte nicht für Vorzeigestädte wie Balingen, wo für den Quadratmeter bis zu 30 Euro Miete im Monat gezahlt werde. „Das macht deutlich, dass Handel und Hauseigentümer in einem Boot sitzen und zusammenarbeiten sollten“, so Anklam. Das bestätigte Ralf Schönfeld, Direktor des Landesverbandes von Haus & Grund, der in Neustadt 700 Mitglieder hat: „Nur in belebten Innenstädten lassen sich Renditen erzielen, die es erlauben, in die Objekte zu investieren und damit zur Aufwertung beizutragen.“ |wkr