Neustadt Nicht geschenkt, sondern hart erkämpft

Spannende Geschichtsstunde: Gerd Becht zeigte auf, wo die Französische Revolution in der Pfalz auf fruchtbaren Boden fiel und wo
Spannende Geschichtsstunde: Gerd Becht zeigte auf, wo die Französische Revolution in der Pfalz auf fruchtbaren Boden fiel und wo sie auf erbitterten Widerstand stieß.

«NEUSTADT-GimmelDingen.» Diesmal schlüpfte der Initiator der „Pälzer Owende“ in „Baums kleinem Weincafé“ selbst in die Rolle des Referenten: Gerd Becht, der unermüdliche Kämpfer und Forscher zur pfälzischen Geschichte, überraschte seine treuen Fans am Mittwoch im vollbesetzten Lokal in Gimmeldingen mit seinem Vortrag „Wie die Demokratie uns überfiel und wieder verschwand“. Musikalisch wurde er dabei von Heiner Pfaff unterstützt, der mit eine Reihe von Freiheitsliedern an die Morgenröte der Demokratie ab 1789 erinnerte.

Man hätte eine Stecknadel fallen hören können, so sehr waren die rund drei Dutzend Besucher auf die Ausführungen des einstigen Pädagogen aus Edenkoben gespannt, der sich seit seiner Pensionierung vor über zehn Jahren mit besonderer Vorliebe mit den Ursprüngen der Demokratie in der Region beschäftigt. Gleich zu Beginn überraschte der 75-Jährige mit einem Zitat des Liedermachers Wolf Biermann, der anmerkte: „Die Leute nehmen die Vorzüge der Demokratie hin, wie Luftholen, werden laut, hochmütig, anmaßend und geben sich dann keine Mühe mehr. Die Demokratie geht kaputt. Dann fangen sie an zu jammern“. Ausgehend von der hier angedeuteten Entwicklung zur Trägheit, machte Becht deutlich, dass die Staatsform Demokratie einst mühsam erkämpft wurde – was schon für sich betrachtet jedes Engagements zu ihrer Erhaltung rechtfertigen würde. Er zitierte zugleich den Ex-Bundespräsidenten Joachim Gauck: „Demokratie wurde einst um einen hohen Preis gewonnen, und sie ist wie alle kulturellen Errungenschaften verlierbar“. Becht rief den Zuhörern in Erinnerung, dass die Pfalz und besonders die Südpfalz zu den Geburtsorten der Demokratie in Deutschland gehört. Dazu trugen wesentlich die Franzosen bei, die mit ihrer Revolution den neuen Ideen in Europa den Weg bahnten. Becht ging dabei oft akribisch bis ins Detail, achtete aber auch stets darauf, dass der „rote Faden“ nicht verloren ging. So kam keine Langweile auf, dafür war das Thema zu spannend. Die Zitate von bekannten Persönlichkeiten ließ Becht von Zuhörern aus dem Publikum vorlesen, und er unterbrach seinen Vortrag auch immer wieder, um dem Landauer Liedermacher Heiner Pfaff Raum für seine musikalischen Beiträge zu geben. Der Mix stimmte, das Publikum sang bei Liedern wie „Die deutsche Republik“, „Die Gedanken sind frei“ oder „Hinauf zum Schloss“, das an die Ereignisse 1832 auf dem Hambacher Schloss erinnerte, sogar aus voller Brust mit. Becht zeigte am Beispiel von Orten wie Essingen und Edesheim, wie die damals neue Staatsform der Demokratie in der Region im Gefolge der französischen Revolutionsarmee zumindest für kurze Zeit konkrete Gestalt annahm. Der Gedanke der Volkssouveränität ging von Jean-Jacques Rousseau aus, der glaubte, „dass das Volk klüger und beständiger ist und ein besseres und weiseres Urteilsvermögen hat als ein Fürst“. Becht übersetzte das so, dass alle Menschen von Geburt an gleich seien, aber zu Streit und Vorteilsannahme neigten, weswegen sie Schutz bei einem vom Volk selbst gewählten Stärkeren finden müssten. Motoren der Revolution in der Südpfalz waren dabei, wie Becht aufzeigte, die protestantischen Pfarrer. Der Umsturz erfolgte auch deshalb so schnell und so leicht, so seine These, weil in den protestantischen Gemeinden bereits ein Element der politischen Teilhabe angelegt gewesen sei. So gelang zum Beispiel im protestantischen Essingen die Revolution von unten. Ganz anders im katholischen Edesheim: Hier wollten die Franzosen und ihre deutschen Parteigänger die Revolution von „oben“ aufzwingen und bissen dabei auf Granit, denn der Bischof in Speyer pochte auf das althergebrachte Recht, und die Edesheimer folgten ihrem Fürsten, wie es sich für treue Untertanen gehört. So endete alles in Gewalt, und die rücksichtslose Art, wie die Revolution hier durchgesetzt werden sollte, erzeugte Widerstand und schadete letztlich dem an sich noblen Vorhaben. Becht beeindruckte mit seinem historischen Bilderbogen aus der Zeit vor rund 200 Jahren und zeigte auf, wie unterschiedlich die Entwicklung selbst in benachbarten Dörfern verlief. Die Parallelen zu aktuellen poltischen Geschehnissen konnte sich jeder selbstzusammenreimen.

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