Fragen und Antworten RHEINPFALZ Plus Artikel Neustadts Fahrplan für die Energiewende

Auf möglichst allen Dächern in Neustadt soll es Solaranlagen geben.
Auf möglichst allen Dächern in Neustadt soll es Solaranlagen geben.

Wie steht es mit dem Klimaschutzkonzept? Und wie will die Stadt ihre Defizite bei der Kohlenstoffdioxid-Einsparung aufholen? Das wollten Grüne und SPD wissen. Die Antwort: Umsteuern ist möglich, wird aber extrem anstrengend und teuer.

Wie ist die Ausgangslage?
Klimaschutzmanager Marcel Schwill erläuterte den Stadtratsmitgliedern am Dienstagabend, dass Neustadt bis 2035 klimaneutral sein müsse mit Blick auf sein CO2-Budget, um seinen Beitrag für das Pariser Klimaschutzabkommen zu leisten. Dieses hat das Ziel, die Erderwärmung auf 1,5 Grad zu begrenzen. Doch das Zwischenzeugnis für Neustadt fällt nicht gut aus: „Wir haben mehr CO2 ausgestoßen, als es vorgesehen war.“ Die Stadt müsse sich demnach sputen und rein rechnerisch schon 2032 klimaneutral sein, um das 1,5-Grad-Ziel noch erreichen zu können, so Schwill.

Was ist in Sachen Kohlenstoffdioxid-Einsparung geplant?
Schwill spricht von „ambitioniert formulierten Zielen“. Um sie erreichen zu können, soll bis 2032 der städtische Fuhrpark komplett auf E-Autos umgestellt sein. Der Wärmebedarf in städtischen Gebäuden soll dann nur noch über erneuerbare Energie gedeckt werden. Mit Blick auf den Strom soll es auf allen Dächern städtischer Gebäude Photovoltaik-Anlagen geben. Zudem sollen alte Elektrogeräte gegen effizientere ausgetauscht werden. Die Verwaltung will ihren eigenen Bedarf an Strom und Wärme bis 2030 um jeweils 20 Prozent reduzieren. Für die gesamte Stadt sei das Ziel, zwei Drittel des benötigten Stroms und 35 Prozent der erforderlichen Wärmeenergie regenerativ in Neustadt zu produzieren.

Wie sieht es bei der Energieversorgung aus?
Stadtwerke-Geschäftsführer Holger Mück berichtete von einer extrem hohen Nachfrage. So stünden derzeit 200 Interessenten auf der Warteliste für eine Photovoltaik-Anlage. Laut Mück werden vom aktuellen Verbrauch 10,4 Prozent des Stroms, zwölf Prozent der Wärmeenergie und 1,32 Prozent des Verkehrsverbrauchs über regenerative Quellen gedeckt. Somit sei die Aufgabe bis 2045 klar, denn bis dahin solle die Versorgung in ganz Deutschland über regenerative Energieformen erfolgen.

Aktuell liege der Strombedarf in Neustadt bei 160 Gigawattstunden pro Jahr. Die Wärme teile sich auf in Gas (405 Gigawattstunden pro Jahr) und Öl (9,7 Millionen Liter pro Jahr). Da immer mehr Haushalte zum Heizen auf eine Wärmepumpe umstellen und auch zunehmend E-Autos versorgt werden müssen, werde der Strombedarf bis 2045 auf 242 Gigawattstunden pro Jahr steigen.

Laut Mück können bis dahin 128 Gigawattstunden Strom pro Jahr produziert werden, wenn auf jedes in Neustadt verfügbare Dach eine Photovoltaikanlage gebaut wird. „Jeder Private muss dabei mitziehen“, betonte Mück. Dennoch blieben 114 Gigawattstunden pro Jahr übrig, die noch abgedeckt werden müssten. Um hier vorwärts zu kommen, wollen die Stadtwerke eine etwa 60 Hektar große Photovoltaik-Anlage auf einer Freifläche errichten. Mit dieser könnten jährlich 60 Gigawattstunden Strom produziert werden. Da Flächen entlang der A65 eine zu hohe landwirtschaftliche Bedeutung hätten, werde nun das Gelände am Diakonissen-Mutterhaus in Lachen-Speyerdorf geprüft. Von dort müsste aber eine sechs, sieben Kilometer lange Trasse bis zum Umspannwerk gebaut werden.

Laut Mück sind zudem zwei Windräder erforderlich (16 Gigawattstunden pro Jahr) – und Photovoltaik-Anlagen auf großen Parkplätzen. „30 Gigawattstunden pro Jahr fehlen Stand jetziger Berechnung noch, aber es ist machbar, wir dürfen keine Flächen ausschließen“. Um Netzverluste zu vermeiden, seien auch dort Investitionen nötig – etwa in ein neues Umspannwerk.

Laut Mück wird der Wärmebedarf bis 2045 sinken. Die Herausforderung sei, Ersatz für Öl und Gas zu finden – 155 Gigawattstunden pro Jahr. Um den Bedarf für Wärmepumpen zu decken, seien 170 Gigawattstunden pro Jahr an Strom erforderlich. Keine Option seien Holzhackschnitzel, so Mück: „Selbst wenn wir den ganzen Ordenswald abholzen würden, würde das Holz gerade mal für ein Jahr reichen, um den gesamten Wärmebedarf zu decken.“

Mück zufolge wird an der Tiefengeothermie kein Weg vorbeiführen. Zwei Bohrungen seien möglichen und ergäben genau jene 155 Gigawattstunden pro Jahr, um den nach Abzug der Wärmepumpen verbleibenden Neustadter Wärmebedarf zu decken. „Der Stadtrat wird diese Entscheidungen treffen müssen, technisch ist der Umstieg möglich“, betonte Mück und bilanzierte: „Für den Klimaschutz sind riesige Investitionen nötig. Das können die Stadtwerke nicht alleine stemmen.“

Was sagt der Gesetzgeber?
Martina Annawald von der Stadtentwicklung erläuterte, dass der Gesetzgeber zwar immer mehr Regelungen zugunsten der erneuerbaren Energien treffe – etwa eine Verpflichtung, in neuen Gewerbegebieten in bestimmten Umfängen Photovoltaikanlagen zu bauen. Dennoch gebe es speziell gegenüber Privateigentümern kaum Möglichkeiten, verpflichtende Vorgaben zu machen. Die „größte Herausforderung“ sei daher, bei Bestandsgebäuden zu Fortschritten mit Blick auf Photovoltaikanlagen zu kommen. In Neubaugebieten seien Regelungen über den Bebauungsplan denkbar.

Wo geht die Stadt voran?
Laut Baudezernent Bernhard Adams muss im Gebäudemanagement noch eine Stelle besetzt werden, die sich primär ums Thema Energieverbrauch kümmert. Bei Kitaneubauten seien einige Photovoltaikanlagen geplant. „Das sollen Pilotvorhaben sein, um Erfahrungen zu sammeln.“ Bürgermeister Stefan Ulrich ergänzte: „Wir arbeiten in allen Bereichen am Thema, müssen uns aber auch mit Blick auf die Vorgaben der Kommunalaufsicht im Bereich des finanziell Machbaren bewegen.“

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