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Neustadter Segelflugpilot qualifiziert sich für WM
„An guten Tagen ist Frank kaum vom Fliegen abzuhalten, zumal wir an den Wochenenden gerade für die Segelflug-Bundesliga kämpfen“, erzählt Bernd Schwehm, der sich im FSV Neustadt um die Öffentlichkeitsarbeit kümmert. Jetzt hat sich Frank Schwerdtfeger, einer der erfolgreichsten Segelflugpiloten des FSV Neustadt, für die Weltmeisterschaften qualifiziert, ohne tatsächlich dafür in die Luft gegangen zu sein. Er hat sich für die Finalrunde der „Virtual-Soaring“-Weltmeisterschaft einen Platz gesichert.
Wie im realen Wettflug müssen auch virtuell die Piloten in der WM-Qualifikation am Simulator, am Computer, Aufgaben erledigen, „von A nach B nach C fliegen“, erzählt Frank Schwerdtfeger. „Die Wetterbedingungen werden dabei vom Ausrichter vorgegeben“, sagt er und spricht damit die Höhe der Wolken, Steigwerte, Windstärke sowie Windrichtung an. Er gesteht allerdings, dass „das Wetter in echt viel komplexer ist“, dass das Wettermodell nicht ganz der Realität entspreche. Zunächst hat sich der Neustadter in einer Grundqualifikation durchgesetzt, „da durften alle mitmachen“. In der nächsten Qualifikation der besten 30 haben sich die sechs Besten einen WM-Startplatz gesichert.
2025 Europameisterschaft
„Seit etwa zehn Jahren entwickelt sich eine neue Disziplin des Segelflug-Wettkampfs, nachdem ein sehr gutes PC-Simulatorprogramm, Condor II, von einer Gruppe Idealisten entwickelt worden ist“, erzählt Bernd Schwehm. Für 2024 habe der Fachverband für die Luftsportarten FAI, Federation Internationale Aeronautique, eine Weltmeisterschaft ausgeschrieben und für 2025 dann die Kontinentalwettbewerbe für Europa, Nordamerika, Südamerika und Ozeanien. Die Qualifikationsrunden für die Weltmeisterschaft haben laut Schwehm schon im Januar begonnen. Im Mai seien nun die letzten Zwischenrunden-Wettbewerbe zu Ende gegangen. Mit dem Erfolg des Neustadters Frank Schwerdtfeger, der insgesamt drittbester Pilot nach sechs Rennen in der Qualifikation geworden ist.
Er sei virtuell seit 2007 dabei, erzählt Schwerdtfeger, „aber zunächst nicht so erfolgreich“. Im Sommer sei er eher seltener am Simulator. Im Winter verbringt er dafür mehr Zeit am Computer, „da kann man kein Segelflugprogramm draußen machen“. Das Fliegen am Simulator sei sein Methadonprogramm, sagt er und lacht. „Es ist mein Ersatz.“
Flüge am Abend
Die Qualifikationsflüge dauerten im Schnitt zwei Stunden, meist zwischen 20 und 22 Uhr. Schwerdtfeger: „Man fliegt nach Feierabend eine kleinere Strecke.“ Alle Piloten seien gleichzeitig am Simulator unterwegs, jeder für sich vor dem eigenen Computer. „Man ist aber über den Server miteinander verbunden und fliegt gegeneinander“, beschreibt Schwerdtfeger den virtuellen Wettbewerb. Obwohl alle Konkurrenten sind, sprechen sie im Wettkampf miteinander. „Wir sind im Teamspeak auf einem deutschen Channel“, erzählt der Neustadter. „Man gibt sich schon gegenseitig Tipps, man gönnt den anderen den Erfolg.“ Er selbst habe „sehr gute Steigewerte“ von seinem Teamkollegen Uwe Melzer aus Speyer erhalten. Schwerdtfeger: „Am Schluss habe ich vorneraus gemacht, da war er nicht mehr da.“ Doch auch Melzer habe sich für die WM qualifiziert.
Obwohl ein Rennen am Simulator spät am Abend endet, Frank Schwerdtfeger kann nicht sofort ins Bett gehen. „Ich setze mich schon noch eine Stunde hin – es ist ja auch aufregend. Man ärgert sich ja, wenn’s mal nicht klappt.“
WM in Karlsruhe
Die WM wird übrigens auf einer Messe in Karlsruhe ausgetragen. Im Gegensatz zur Qualifikation werden dann die Piloten gemeinsam auf einer Bühne sein. Schwehm: „Mit Rücksicht auf die vielen lizenzierten Segelflieger, die gleichzeitig im echten Segelflugzeug sitzen und daneben noch an dieser neuen Wettkampfform teilnehmen, wird die Finalrunde erst im Winterhalbjahr stattfinden.“ Man hat sich für eine Präsenzveranstaltung auf der „Interglide Expo“ am 10. und 11. November in Karlsruhe entschieden.
Am Simulator ist Frank Schwerdtfeger in der Qualifikation übrigens in einer Region geflogen, in der er selbst noch nie gewesen ist: in den Bergen von Montenegro. Etwa 200 Kilometer habe er virtuell zurücklegen müssen. „Der Reiz ist, dass man gleichzeitig mit anderen fliegt, die man auch im richtigen Leben gut kennt“, erzählt der Neustadter. Und ein Gebirgsflug sei ohnehin eine tolle Sache. „Es gibt auch Leute, die das Fliegen am Simulator als Vorbereitung nutzen“, weiß der FSV-Pilot, der sich 2007 für die „echten“ Europameisterschaften qualifiziert, aber aus Zeitgründen auf die Teilnahme verzichtet hatte. Der heute 42-Jährige hat von 2005 bis 2007 der Junioren-Nationalmannschaft angehört, von 2007 bis 2009 dem deutschen B-Kader.
Ausdauer ist wichtig
Mit zunehmenden Alter sei das Segelfliegen weiterhin möglich, betont Schwerdtfeger. „Man baut mit dem Alter körperlich ab, aber man gewinnt an Erfahrungen hinzu.“ Wichtig sei eine gute Ausdauer. „Man muss sich während eines Segelflugs vier, fünf Stunden lang konzentrieren. Man ist ständig auf Draht“, erklärt er die Herausforderung. „Man muss ständig Entscheidungen fällen, sonst verliert man gegenüber den anderen an Boden.“
Bernd Schwehm findet „dieses Verschmelzen von realem Fliegen und der virtuellen Segelflug-Szenerie im Internet hochinteressant“. „Die Tatsache, dass einige Mitglieder der deutschen und anderer Segelflug-Nationalmannschaften sich auch an den PC setzen und virtuell mitfliegen, bestätigt das“, betont er.
Frank Schwerdtfeger hat sich ebenfalls für die realen deutschen Meisterschaften qualifiziert. Doch wird er auf einen Start in Zwickau verzichten. Der Aufwand, dorthin zu fahren, sei ihm zu groß. Dass er künftig mehr am Simulator statt im echten Cockpit sitzen wird, kann sich Frank Schwerdtfeger indes in der warmen Jahreszeit nicht vorstellen. Mit einer Ausnahme: „Wenn’s noch ein paar Wochen so weiter regnet wie jetzt, dann vielleicht ...“