Neustadt Neustadter Jugendarbeit: Bauchweh wegen Stadtmissions-Prediger

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Der Jugendhilfeausschuss der Stadt hat einen Zuschussantrag der Evangelischen Stadtmission zurückgestellt. Bevor er die Sanierung von Jugendräumen finanziell unterstützt, will er wissen, wie die Jugendarbeit aufgestellt ist. Denn es gibt Bedenken wegen angeblich antisemitischer und islamfeindlicher Tendenzen ihres Predigers Rainer Wagner.

Für knapp 60.000 Euro will die Evangelische Stadtmission Neustadt Jugendräume im Keller ihres Gebäudes in der Von-der-Tann-Straße sanieren. 20 ehrenamtliche Betreuer kümmern sich dort um über 80 Kinder und Jugendliche aus der Gemeinde. Organisiert ist die Arbeit über die Gemeinschaftsjugend des Evangelischen Gemeinschaftsverbands, die anerkannter Träger der freien Jugendhilfe ist. Deshalb steht eigentlich außer Frage, dass die Stadt einen Zuschuss gewährt. Zehn Prozent sollten es sein, rund 6000 Euro. Trotzdem tat sich der Jugendhilfeausschuss diese Woche schwer, dem zuzustimmen. Hintergrund ist eine öffentliche Debatte um Rainer Wagner, Prediger der Stadtmission, wegen angeblich islamfeindlicher und antisemitischer Äußerungen. Auch wenn es eine kirchliche Einrichtung sei: Wer könne sicher sein, dass die Jugendarbeit gut laufe, so die im Ausschuss geäußerte Sorge. Doch gab es auch andere Stimmen: Wenn sich die Jugendarbeit innerhalb der zulässigen Bandbreite bewege, sollte der Ausschuss nicht Richter spielen, sondern das Ehrenamt unterstützen. Letztlich verständigten sich die Mitglieder darauf, dass Stadtmission und Gemeinschaftsverband ihre Arbeit in der nächsten Sitzung Mitte Juli vorstellen sollen. Danach wird über den Zuschuss entschieden. Ein Beschluss, mit dem sich auch Bürgermeister Ingo Röthlingshöfer als Ausschussvorsitzender zufrieden zeigte. Er warnte aber davor, eine Art Tribunal abhalten zu wollen, nur weil ein Prediger möglicherweise Dinge gesagt habe, „die in einem Bereich liegen, der uns vielleicht nicht gefällt“. Dafür sei der Ausschuss außerdem nicht zuständig. Rainer Wagner sieht sich auf Anfrage zu Unrecht kritisiert. Dass ihm Antisemitismus und Islamfeindlichkeit vorgeworfen würden, liege daran, dass er Opfer einer Intrige rechtsextremer Kräfte sei. Diese hätten einige Aussagen aus früheren Jahren bewusst fehlinterpretiert oder aus dem Zusammenhang gerissen dargestellt, um ihm zu schaden. Zum Hintergrund: Der aus Weißenfels in Sachsen-Anhalt stammende Wagner (64) war bis 2015 Bundesvorsitzender der Union der Opferverbände Kommunistischer Gewaltherrschaft, einer von mehreren solcher Organisationen. Dann trat er zurück, weil ihm vorgeworfen wurde, sich Jahre zuvor in einer Predigt antisemitisch und islamfeindlich geäußert zu haben. Der Vorsitzende der Vereinigung „17. Juni 1953“ habe Stimmung gegen ihn gemacht, so Wagner damals. Eine Anzeige und eine Eigenanzeige aus Selbstschutz ergaben indes noch nicht einmal einen Anfangsverdacht wegen Volksverhetzung. Anfang 2016 wurde Wagner dafür kritisiert, im Neustadter Gemeindebrief der Stadtmission die (zwölf Jahre alte) Predigt eines ehemaligen DDR-Jugendpfarrers veröffentlicht zu haben. Darin war die Rede von einem immer stärker werdenden Islam und weltweiter Christenverfolgung, weswegen Christen in Deutschland „bibeltreu, feuerfest und KZ-fähig“ sein müssten. Ihm Antisemitismus zu unterstellen, laufe angesichts seines Einsatzes für Israel, für den er mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet worden sei, ins Leere, ist Wagner sicher. Feindlich gegenüber Muslimen haber er sich nie geäußert, sondern sich kritisch mit der Geschichte des Islam auseinandergesetzt. Aus Wagners Sicht hat der Jugendhilfeausschusses also keinen Grund beunruhigt zu sein, zumal die Stadtmission Neustadt in der Flüchtlingshilfe sehr engagiert sei. Mit der Kinder- und Jugendarbeit habe er wenig zu tun. Die Sanierung der Kellerräume sei allerdings wichtig, da es sich um ein altes Sandsteingebäude handle. Einer Einladung nach Neustadt, um seine Jugendarbeit vorzustellen, würde der Evangelische Gemeinschaftsverband Pfalz gern nachkommen. Das erklärte gestern Vorsitzender Tilo Brach, Pfarrer in Winterbach, nach einer Verwaltungsratssitzung am Mittwochabend. Zu seinen Angestellten äußere sich der Verband in der Öffentlichkeit aber nicht. Nur so viel wollte Brach sagen: „Wir stehen loyal zu ihnen und können im Fall von Rainer Wagner nicht alles nachvollziehen, was gegen ihn gesagt wird.“ Wichtig sei, so Brach, dass die Kinder- und Jugendarbeit nicht von einem Prediger abhänge, sondern von den vielen Ehrenamtlichen. Zudem laufe sie nach klaren Leitlinien ab, die einer internen Kontrolle unterlägen. Der Gemeinschaftsverband warne nicht vor Menschen anderen Glaubens, anderer Religion oder Kultur, stellte Brach zudem fest. Eine erhebliche Anzahl seiner Mitglieder seien in der Flüchtlingshilfe engagiert. Daher stelle er sich auch ausdrücklich gegen das Vermischen von Themenbereichen wie „Schutzsuchende in Deutschland“ und „weltweite Christenverfolgung“. Wie der Gemeinschaftsverband sieht sich auch die Evangelische Kirche der Pfalz nicht zum ersten Mal Kritik wegen Äußerungen Wagners ausgesetzt. Es sei bedauerlich, wenn durch das öffentliche Auftreten und durch öffentliche Äußerungen von Repräsentanten einer der Kirche nahe stehenden Organisation der Eindruck erweckt werde, die ihr anvertrauten Menschen würden indoktriniert beziehungsweise negativ beeinflusst, so Sprecher Wolfgang Schumacher. Was einige Äußerungen Wagners angehe, „haben wir als Landeskirche ihm gegenüber durchaus unsere Missbilligung ausgesprochen“. Die Stadtmission Neustadt und insbesondere deren Jugendarbeit aber mit der Position eines Einzelnen gleichzusetzen, „ist ebenso vereinfachend wie manche Position von Herrn Wagner“. (ahb)

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