Neustadt
Neustadt: Wie das Marienhaus Klinikum Hetzelstift für Entlastung in der Notaufnahme sorgt
Menschen, die nachts oder an Wochenenden zum Arzt müssen, gehen meist ins Krankenhaus. Auch bei Bagatellproblemen. Das führt dazu, dass die Notaufnahmen überfüllt sind. Im Neustadter Marienhaus Klinikum Hetzelstift wird nach Lösungen gesucht, um für Entlastung zu sorgen. Auch eine bundesweite Kampagne soll Kliniken helfen.
Fernsehzuschauer dürften den Werbespot kennen: Eine Frau sitzt in der Notaufnahme. Das Wartezimmer ist überfüllt. Als sie niest, schweben plötzlich zwei Elfen von der Decke zu ihr herab. Sie sind pink und hellblau angezogen, haben ein pinkfarbenes Telefon in der Hand und jeweils eine Nummer an ihrem Kleidungsstück. Elf 6 und Elf 7, so heißen die Damen, dargestellt von den Schauspielerinnen Monika Anna Wojtyollo und Melanie Stahlkopf. Die eine ruft: „Oje, eine schwere Erkältung.“ Die andere ergänzt: „Aber ins Krankenhaus musst du dafür nicht.“ Die Patientin hört auf die Elfen und winkt ihnen zum Abschied. Neben diesem Fernsehspot gibt es auch Plakate, die auf die bundesweit einheitliche Rufnummer 116117 hinweisen sollen.
Wenn die Praxis nicht zu erreichen ist
Nachts, feiertags und an Wochenenden können Menschen dort anrufen, die ärztliche Hilfe benötigen. Die Mitarbeiter der nächsten regionalen Leitstelle empfehlen dann, je nach Anliegen des Patienten, in die Notaufnahme zu gehen oder die nächstgelegene Bereitschaftspraxis aufzusuchen. In Neustadt befindet sich diese im Marienhaus Klinikum Hetzelstift. Solch einen geregelten Ablauf wünscht sich die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV), die seit Sommer verstärkt für diese Durchwahl wirbt. Dadurch sollen Notaufnahmen, die bundesweit als chronisch überlastet gelten, von Bagatellproblemen verschont bleiben.
Und doch kommen die Menschen, auch bei Kleinigkeiten, lieber gleich ins Krankenhaus. Der Ärztliche Direktor des Hetzelstifts, Dierk Vagts, berichtet: „Es gab Fälle, in denen Menschen seit Tagen über Rückenschmerzen klagten und zu uns kamen, mal ließ der eingewachsene Fußzehennagel sie nicht schlafen, weshalb sie hier waren.“ Die Patienten müssten zwar medizinisch behandelt werden, außerhalb der Praxiszeiten müssten sie jedoch zum Bereitschaftsarzt. Damit soll verhindert werden, dass Bagatellfälle wertvolle Zeit raubten, die die Ärzte und Mediziner für Notfälle benötigten.
An gesetzliche Vorgaben gebunden
So möchte es übrigens auch der Gesetzgeber. Wer in die Notaufnahme kommt, muss mindestens mit einem Arzt gesprochen haben oder auch untersucht worden sein. Ausgenommen bei lebensbedrohlichen Notfällen sind Selbsteinweisungen nicht zulässig. „Bis vor einiger Zeit haben wir Patienten mit Bagatellproblemen behandelt, obwohl wir die Behandlungskosten von der Kassenärztlichen Vereinigung nicht bezahlt bekommen haben“, erklärt Vagts. Bis vor vier Jahren seien es im Schnitt rund 300 Patienten gewesen, die auch vom Bereitschaftsarzt hätten versorgt werden können – und zwar im Quartal. „Heute dürfte sich die Zahl sicherlich verdoppelt haben“, vermutet Vagts. Deswegen würden Patienten weggeschickt, wenn sie mit vergleichsweise harmlosen Beschwerden in die Notfallaufnahme kommen.
Notaufnahmen sollen entlastet werden
Es wird einiges getan, um dem Problem Einhalt zu gebieten. So gibt es die besagte Werbekampagne der KBV. Die Nummer 116117 gibt es zwar seit sieben Jahren, sie scheint aber noch längst nicht so geläufig zu sein wie die 110 für die Polizei oder die 112 für Rettungsdienst und Feuerwehr. Das zeigte eine Umfrage der KBV. Mit der Befürchtung, dass es sich um eine schlimme Verletzung oder Erkrankung handelt, gehen Patienten gleich ins Krankenhaus.
Das bestätigen Vagts und Carla Bernius, die Leiterin der interdisziplinären zentralen Notaufnahme im Hetzelstift: „Heute beschäftigen sich unsere Patienten viel mehr mit ihren Symptomen und lesen im Internet über die potenzielle Gefährdung einer vermuteten Krankheit nach. Dies schürt auch die Angst, an einer lebensbedrohlichen Erkrankung zu leiden.“ Manche Patienten glaubten auch, im Krankenhaus schneller untersucht zu werden. Im Hetzelstift wird seit diesem Jahr auf eine spezielle Ersteinschätzung gesetzt, um sicherzustellen, dass die Behandlungsreihenfolge der medizinischen Dringlichkeit entspricht.
„Wir verwenden dabei ein validiertes Sichtungskonzept namens Manchester-Triage-System“, erklärt Vagts. Neu ist, dass Pflegekräfte die Patienten innerhalb der ersten zehn Minuten anhand der geschilderten Beschwerden in eine von fünf Dringlichkeitsstufen einordnen. Für jede davon ist festgelegt, wann der sogenannte ärztliche Erstkontakt erfolgen muss.
Ein gemeinsamer Empfang die Lösung?
Vagts erzählt noch von einer weiteren Idee, um dem Problem Herr zu werden: ein gemeinsamer Empfang der Bereitschaftsärzte und Notaufnahme. Wer in die Notaufnahme möchte, müsste sich dort anmelden. Dabei sollen medizinische Fachangestellte die Beschwerden der Patienten feststellen. Je nach Ergebnis sollen sie weiter in die Notaufnahme oder zu den Bereitschaftsärzten geleitet werden.
Nach Angaben der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Rheinland-Pfalz wird dieses Modell in Mainz getestet. An der Uniklinik habe die Notaufnahme einen gemeinsamen Tresen mit einer allgemeinmedizinischen Praxis. Mindestens zwei Drittel der Patienten wurden seither davon abgehalten, in die Notaufnahme zu gehen. Auch im Hetzelstift gibt es laut Vagts die Überlegung, solch ein System einzuführen.