Neustadt
Neustadt: Was die Theater-Saison 2019/20 an Stücken in den Saalbau bringt
Klassiker unterschiedlichster Art prägen in der Saison 2019/20 die beiden Theaterreihen im Saalbau. Auch der Trend zu Roman- und Filmadaptionen setzt sich fort. Und in der Vorweihnachtszeit kommt Deutschlands prominentestes Schauspieler-Ehepaar.
Neustadt. Den direkten Lustspiel-Klassiker-Vergleich zwischen Deutschland und Frankreich bietet die städtische Abo-Reihe „Schauspiel“ im ersten Halbjahr 2020: Denn dann stehen kurz hintereinander mit Gotthold Ephraim Lessings „Minna von Barnhelm“ und Molières „Die Streiche des Scapin“ zwei Stücke auf dem Spielplan, die auf der Liste der meistgespielten Komödien des jeweiligen Landes auch heute noch Jahr für Jahr ganz weit vorne landen. Und mit Giuseppe Verdis „La Traviata“ liegt genau dazwischen noch eine Oper, die sich zusammen mit der „Zauberflöte“ und „Carmen“ seit Jahrzehnten ein Kopf-an-Kopf-Rennen um Platz 1 im Bereich Musiktheater liefert.
„Klassisch, aber nicht altbacken“ schreibt die Presse über den Potsdamer „Scapin“
„Minna“ und „Traviata“ sind zwei Inszenierungen des Pfalztheaters, über die man noch nicht viel sagen kann, weil beide Premieren erst im September in Kaiserslautern anstehen. Die „Streiche des Scapin“ bringt das „Neue Globe Theater“ nach Neustadt, eine schauspielergeführte Theatertruppe aus Potsdam, die sich in der Tradition der fahrenden Spieltruppen der Renaissance und des Barock sieht. Auch Molières Paradestück um einen gerissenen Diener, der den Söhnen zweier Geizhälse zum Liebesglück verhilft, wird deshalb ganz in diesem Sinne mit viel Spielfreude und Lust an Schauwerten auf die Bühne gebracht und zudem auch noch von Molières „Stegreifspiel von Versailles“ eingerahmt, das eine Art „Theater im Theater“ bietet. „Klassisch, aber nicht altbacken“, schrieb die „Badische Zeitung“ über die Inszenierung.
Auf ihre Art ebenfalls Klassiker sind die beiden Stücke, mit denen die Reihen „Schauspiel“ und „Leichte Muse“ in der neuen Saison im Oktober an den Start gehen. Allerdings stammt die Vorlagen in einem Fall nicht aus der Welt des Theaters, und im anderen haben sich die Bilder von diversen Verfilmungen so sehr in den Vordergrund geschoben, dass man das ursprüngliche Theaterstück kaum mehr so richtig auf der Rechnung hat: „1984“ ist ein Schauspiel nach George Orwells großem dystopischen Roman, mit dem das Agon-Theater aus München ab September auf die Reise durch die Republik geht. Die Hauptrolle des Regierungsangestellten Winston Smith, der in seinem totalitären Staat den schlimmsten aller Fehler begeht, nämlich sich eigene Gedanken zu erlauben, spielt der bekannte Fernsehschauspieler Jacques Breuer, der als Synchronsprecher Viggo „Aragorn“ Mortensen seine Stimme leiht. Die Travestie-Burleske „Ein Käfig voller Narren“ von Jean Poiret bringt die „Komödie am Altstadtmarkt“ aus Braunschweig, nach eigenen Angaben Niedersachsens größtes privates Boulevard- und Unterhaltungstheater, nach Neustadt. Auch hier hat mit Lilo Wanders ein bekanntes Fernsehgesicht eine der Hauptrollen.
Vom Kino auf die Bühne: „Adams Äpfel“ und „Schtonk!“
In der Reihe „Leichte Muse“ bestimmen auch im weiteren Saisonverlauf bekannte Kino-Stoffe das Bild: „Adams Äpfel“, eine Produktion des Landestheaters Detmold, ist eine Groteske um das Thema Resozialisierung von Straftätern nach dem gleichnamigen Film des Dänen Anders Thomas Jensen von 2005. Mit der Komödie „Schtonk!“, die im Mai 2020 die „Leichte Muse“-Saison abschließt, zweitverwertet das Euro-Studio Landgraf den gleichnamigen Film von Helmut Dietl um die gefälschten Hitler-Tagebücher.
Eine weitere Adaption eines epischen Stoffs bietet die Schauspielreihe eine Woche vor Weihnachten – die unterscheidet sich allerdings nicht nur vom Termin her, einem Sonntag, deutlich vom Rest des Angebots. Denn es handelt sich um eine szenische Lesung, bei der das auch schon mit zahlreichen erfolgreichen Hörspiel-CDs hervorgetretene Schauspieler-Ehepaar Andrea Sawatzki („Tatort“, „Polizeiruf 110“) und Christian Berkel („Der Untergang“, „Der Kriminalist“) die berühmte „Weihnachtsgeschichte“ von Charles Dickens um den kaltherzigen Geizhals Ebenezer Scrooge zu Gehör bringt. Für weitere Adventsgefühle soll an diesem Abend die „Pfälzische Kurrende“ mit weihnachtlichen Chorklassikern sorgen.
„Lehman Brothers“ – eine Parabel auf den Kapitalismus
Das einzige zeitgenössische Originalstück in der neuen Saison bietet im März wiederum das Agon-Theater in der Schauspiel-Reihe: „Lehman Brothers“ des Italieners Stefano Massini behandelt den Aufstieg jener amerikanischen Investmentbank, deren krachende Insolvenz 2008 die Wirtschaft weltweit erschütterte. Hier aber geht es zunächst vor allem um die frühere Firmengeschichte, als es drei jüdische Brüder aus einem Dorf bei Würzburg nach ihrer Emigration in die USA von 1844 an durch Zähigkeit, Spürsinn, Brutalität und die Gründung einer eigenen Bank an die Spitze der New Yorker Finanzwelt schaffen. „Wie ein moderner Brecht“ schrieb die Zeitung „La Stampa“ zur italienischen Erstaufführung 2015. Die erste deutsche Inszenierung folgte noch im gleichen Jahr in Dresden. „Eine eindringliche Parabel aus dem Lehrbuch des amerikanischen Kapitalismus“, urteilte die RHEINPFALZ über die Agon-Produktion, als diese dort bereits 2018 im Congress-Forum zu sehen war.
Voll macht den Zehner-Reigen der beiden städtischen Theaterreihen schließlich ein Musical in der „Leichten Muse“: Der südwestpfälzische Veranstalter Frank Serr, der auch regelmäßig mit freien Musik-Veranstaltungen („The Original USA Gospel Singers“) im Saalbau zu Gast ist, bringt dabei diesmal auf Einladung der städtischen Kulturabteilung im März 2020 die deutsche Fassung einer Broadway-Hommage an die Stummfilm-Ikone Charlie Chaplin mit. Die Premiere „Chaplin – das Musical“ steht erst im Herbst an. Die Titelrolle übernimmt mit dem Niederländer Bas Timmers ein erfahrener Musicaldarsteller.
Die Termine
Abo-Reihe „Schauspiel“
Donnerstag, 17. Oktober: 1984
Sonntag, 15. Dezember, 17 Uhr: Andrea Sawatzki und Christian Berkel lesen Charles Dickens „Eine Weihnachtsgeschichte“
Donnerstag, 23. Januar: Minna von Barnhelm
Dienstag, 4. Februar: La Traviata
Dienstag, 10. März: Lehman Brothers
Donnerstag, 23. April: Die Streiche des Scapin
Abo-Reihe „Leichte Muse“
Dienstag, 22. Oktober: Ein Käfig voller Narren
Dienstag, 3. Dezember: Adams Äpfel
Dienstag, 17. März: Chaplin – das Musical
Donnerstag, 14. Mai: Schtonk!
Noch Fragen?
Alle Aufführungen bis auf die Dickens-Lesung beginnen um 20 Uhr im Neustadter Saalbau. Die Abonnements für die beiden Theater-Reihen sind ab sofort zu buchen über die städtische Kulturabteilung (06321/855404, kultur@neustadt.eu). Der Preis richtet sich nach dem Sitzplatz und beträgt ohne Ermäßigungen zwischen 60 und 118 Euro für das „Schauspiel“ und zwischen 43 und 85 Euro für die „Leichte Muse“. Einzelkarten sind ab 2. September über die Theaterkasse (06321/855404) und unter www.ticket-regional. de erhältlich. Vor den Schauspiel-Abenden gibt es jeweils um 19 Uhr im Beethovensaal eine Einführung.
Zur Sache: Das neue Programmheft
Das auch optisch neu gestaltete Neustadter Saison-Programm 2018/19, das neben den beiden Theater-Reihen auch die Konzerte vorstellt (Bericht folgt), ist in dieser Woche an alle Abonnenten verschickt worden, aber auch bei der Kulturabteilung, in allen Stadthäusern und an anderen öffentlichen Stellen in Neustadt erhältlich. Neu an der Präsentation ist neben den schlankeren Format, dass es auch andere große städtische Veranstaltungen, die nicht Teil der Abo-Reihen sind, mit aufführt. Im Bereich Theater ist dies das weihnachtliche Kindertheater-Gastspiel „Jim Knopf“ am 12. Dezember. Da diese Sonderveranstaltungen sowohl im Inhaltsverzeichnung als auch in der folgenden chronologischen Übersicht gar nicht oder nur kaum von den regulären zu unterscheiden sind, kann dies vielleicht bei flüchtiger Lektüre etwas für Verwirrung sorgen. Ein Plus ist allerdings, dass es viel weniger Werbung gibt als früher und auch Sonderreihen wie die Treppenhaus- oder die Kurpfalzkonzerte im hinteren Teil in recht übersichtlicher Form angerissen werden.