Neustadt
Neustadt: Second-Hand-Boutique „Stilecht“ trifft auch Nerv der Klimaschutz-Debatte
Schon immer war der Second-Hand-Laden „Stilecht“ in der Kellereistraße inhabergeführt. Im März 2017 hat Anna Stalter das Ruder übernommen. Heute kommen auch viele Männer. Und auch die junge Generation zeigt viel Interesse.
Die großen Schaufenster der Second-Hand-Boutique „Stilecht“ in der Kellereistraße sind liebevoll und detailreich dekoriert. Auf den ersten Blick erkennen manche Kunden gar nicht, dass es sich um Mode aus zweiter Hand handelt. Mode, die schon einmal getragen wurde und jetzt nach Möglichkeit von jemand anderem weitergetragen werden soll.
Seit rund 15 Jahren gibt es die Boutique an diesem Standort, im März 2017 hat Anna Stalter sie übernommen. Zuvor war die Einzelhandelskauffrau bei einem großen Bekleidungsgeschäft tätig – bis sie hörte, dass die damalige Inhaberin Silvia Parow eine Nachfolgerin für „Stilecht“ suchte. „Ich war auch damals schon gerne im Internet unterwegs auf der Suche nach schicker, gebrauchter Kleidung, die zu meinem Stil passt. Deshalb hatte ich beim Verkauf von Second-Hand-Kleidung keine Berührungsängste und wagte mit der Übernahme der Boutique den Schritt in die Selbstständigkeit“, erzählt die gebürtige Mußbacherin.
Familie packt mit an
Unterstützt wird sie von ihrer Familie. Eine ihrer Schwestern ist im Laden als Aushilfe angestellt, zwei weitere Geschwister helfen auch mal sonntags, wenn das Wochenende genutzt werden muss, um im Laden Kleidung zu sortieren. „Es ist schön, dass wir so einen familiären Zusammenhalt haben und uns gegenseitig helfen, ohne dass man darum bitten muss und eine Gegenleistung erwartet wird“, meint die 33-Jährige.
Den Sprung in die Selbstständigkeit hat sie noch keinen Tag bereut: „Der Bedarf an Second-Hand-Mode ist auch in Neustadt da, ich könnte sogar vergrößern, wenn das räumlich möglich wäre. Aber ein Umzug kommt für mich nicht in Frage, die Lage der Boutique ist bekannt und gut eingeführt, ich habe einen Super-Vermieter und eine ganz tolle Nachbarschaft, das würde ich niemals aufgeben.“
Stil ganz klar das Motto
Wichtig sind der jungen Geschäftsfrau ein gewisses, gehobenes Niveau, Ordnung, Sauberkeit und freundliches Benehmen – in einem Wort Stil, wie schon der Name der Boutique aussagt. Anna Stalter sorgt dafür, dass die Kleiderständer nicht überfüllt sind, sodass man noch bequem stöbern kann. Wenn Kleiderständer und Regale voll sind, wird bei „Stilecht“ keine neue Kleidung mehr angenommen, bis sich die Lage wieder entspannt hat.
Die Annahme von Kleidung richtet sich nach den Jahreszeiten. Etwa ab Februar wird Frühjahrskleidung angenommen, im April/Mai Sommermode, ab August Herbst- und Ende Oktober dann die Winterkleidung. „Auf jeden Fall nehmen wir nur Markenartikel an, in denen das Etikett noch vernäht ist. Die Kleidung muss gewaschen oder gereinigt, fleckenfrei, unbeschädigt und jünger als zwei bis drei Jahre sein“, erläutert Stalter. Die Verkaufspreise legt sie anhand von Erfahrungswerten fest. Bei Verkauf eines Artikels erhalten ihre Kunden 40 Prozent. Die nicht verkauften Artikel müssen sie nach drei Monaten wieder abholen. Tun sie das nicht, geht die Ware als Spende an eine Organisation in Rumänien. Doch der Großteil der Kommissionsware, nämlich 65 bis 70 Prozent, geht während der drei Monate in der Boutique weg.
Ausgeklügelte Logistik
Dieses Prinzip des Second-Hand-Verkaufs erfordert ein ausgeklügeltes und aufwendiges Logistik-System, das die detailgenaue Zuordnung zum Einlieferer jedes einzelnen Kleidungsstücks während des gesamten Prozesses möglich macht. Um diesen ständigen Kreislauf aus Annahme, Einsortierung, Verkauf, Aussortierung und Rückgabe am Laufen zu halten, beschäftigt Stalter sechs als Aushilfen angestellte Mitarbeiterinnen und eine feste Kraft.
Im Internetverkauf sieht sie keine Konkurrenz: „Gerade bei Second-Hand-Ware ist es wichtig, zu sehen, wie der Zustand wirklich ist, ob etwas gefällt und passt, denn eine Rückgabe ist da leider nicht möglich.“
Immer mehr Männer
Sie stellt in letzter Zeit fest, dass verstärkt Männer in ihre Boutique kommen. Und auch die Altersstruktur scheint sich nach und nach zu verändern. Kam früher hauptsächlich die Altersgruppe ab 35 aufwärts, sind mittlerweile auch die ganz Jungen ab etwa 16 Jahren im Laden anzutreffen. „Wahrscheinlich entwickeln viele junge Menschen durch die aktuelle Nachhaltigkeitsdebatte ein stärkeres Bewusstsein dafür, wie aufwendig es ist, Kleidung herzustellen, und wie wichtig es daher ist, sie nicht schon nach einem kurzen Lebenszyklus wegzuwerfen“, sagt die Boutique-Inhaberin nachdenklich.