Neustadt RHEINPFALZ Plus Artikel Neustadt: Mobilität in Stadt und Land – Auf dem Weg zur Arbeit

Zollamtmann Hans Fick  Foto: Back
Zollamtmann Hans Fick

Täglich pendeln mehrere Tausend Menschen in und um Neustadt herum zu ihrer Arbeitsstelle außerhalb ihres Wohnorts. Die einen finden sich in Fahrgemeinschaften zusammen, die anderen setzen auf den Öffentlichen Personennahverkehr. Und dann gibt es die, die virtuell „pendeln“, also von zu Hause aus arbeiten. Über Vor- und Nachteile der Modelle.

Donnerstag, 6.52 Uhr: Es ist noch stockfinster, die Temperaturanzeige im Auto zeigt vier Grad Celsius an. Auf dem Mitfahrerparkplatz am Neustadter Friedhof ist es ruhig. 18 Autos auf dem linken und neun Autos auf dem rechten Teil des Parkplatzes zeugen davon, dass dort heute schon mehr los war.

7.10 Uhr: Auf dem Mitfahrerparkplatz an der B 39 Richtung Diedesfeld ist mehr Trubel: Dort wird gerade der Mercedes eines Mannes aus dem Kreis Bad Dürkheim abgeschleppt. Eine Panne am frühen Morgen. 21 Autos mit Kennzeichen aus Neustadt, Pirmasens, Landau und Karlsruhe sowie aus den Landkreisen Bad Dürkheim, Südliche Weinstraße, Germersheim, aber auch „Exoten“ mit Hamburger, Bremerhavener und französischem Kennzeichen stehen dort geparkt.

Vor einem weißen Wagen warten zwei Männer auf ihren Kollegen. Alle drei arbeiten in der BASF und fahren gleich gemeinsam zur Meisterschule in Limburgerhof. „Wir wechseln uns ab, es fährt immer einer drei Tage, dann ein anderer zwei Tage in der Woche“, berichtet der Fahrer Markus Mayer. Seit März 2018 pendeln die drei immer wieder gemeinsam. Der Mitfahrerparkplatz bietet sich als Treffpunkt an: Jan Wageck kommt aus Maikammer, Markus Mayer aus Venningen und Klaus Filbrich aus Frankeneck. Letzterer trudelt wenig später ein. Viel mehr Zeit für einen Plausch bleibt nicht, die Drei steigen ein und fahren los.

Autoverzicht der Umwelt zuliebe

Die beiden Mitfahrerparkplätze sind nach Angaben der Stadt stets „relativ schnell voll ausgelastet“. Wobei zahlreiche Fahrgemeinschaften auch anders organisiert sind. Gerade wenn Pendler sich zusammenschließen, die nicht weit entfernt voneinander wohnen, werden die Mitfahrer oft direkt abgeholt. Erika Ziegler aus Hambach beispielsweise nimmt gelegentlich einen Kollegen mit, der in Diedesfeld wohnt. Beide arbeiten im Agrarzentrum der BASF in Limburgerhof. Ziegler erklärt aber auch, warum es häufig nicht klappt mit der Fahrgemeinschaft: „Es gibt so viele individuelle Arbeitszeitmodelle, da passt es oft nicht.“

Auch Markus Stuck, der in Mußbach wohnt und jeden Tag zur BASF nach Ludwigshafen fährt, hat seine Fahrgemeinschaft aufgegeben. Allerdings aus einem anderen Grund. „Wir waren zum Schluss nur noch zu zweit, da lohnt es sich nicht mehr“, sagt er. Stuck hat daraufhin beschlossen, ganz aufs Auto zu verzichten und auf Zug, Straßenbahn, Bus und Rad umzusteigen. Es sei eine Entscheidung aus ökologischen Gründen gewesen, betont er. „Ich brauche jetzt schon mehr Zeit.“ Mit dem Auto sei er, wenn alles gut läuft, in etwa 25 Minuten am Arbeitsplatz. Mit öffentlichen Verkehrsmitteln in einer Stunde. Er gewinnt dem Wechsel aber auch positive Aspekte ab: „Da kann ich auch mal ein paar Minuten die Augen zumachen.“

„Die Leute lieben ihre Freiheit“

Stuck ist schließlich ziemlich früh unterwegs. Ab Mußbach fährt sein Zug um 5.37 Uhr, ab Neustadt Hauptbahnhof um 5.51 Uhr. Am schnellsten sei er mit dem Regionalexpress am Arbeitsplatz, erzählt er. Vom Ludwigshafener Hauptbahnhof nimmt er dann Bus, Straßenbahn oder S-Bahn, um zur BASF zu gelangen. Dass durch die Brückenprobleme in Ludwigshafen der ÖPNV inzwischen stärker gefragt ist, kann er bisher nicht beobachten. „Die Leute lieben ihre Freiheit“, erklärt der Mußbacher.

Nicht auszuschließen sei allerdings, dass das Brückendesaster sich weiter verschärfe und den Pendlern irgendwann nichts anderes übrig bleibe, als auf den ÖPNV umzusteigen. Dafür sei die Infrastruktur der Bahn allerdings nicht ausgelegt. „Der Takt müsste verbessert werden“, so Stuck. Das große Problem derzeit sei, dass zu lange Wartezeiten entstünden, wenn man aufgrund von Verspätungen seinen Anschluss verpasst. Dann könne man von Ludwigshafen nach Mußbach auch mal locker eineinhalb Stunden unterwegs sein.

Zu Fuß kaum zu bewältigen

Was müsste passieren, damit auch andere auf den Zug umsteigen? Frank Sobirey, Professor an der Dualen Hochschule in Mannheim, bräuchte für eine autofreie Fahrt zum Arbeitsplatz neben dem Zug ein Transportmittel, um von Haardt aus zum Bahnhof zu kommen, ein weiteres, um in Mannheim vom Hauptbahnhof zur Hochschule zu kommen. Beides sind Strecken, die zu Fuß kaum zu bewältigen sind. Radfahren kann Sobirey sich bei schönem Wetter im Sommer vorstellen, nicht aber bei Regen oder im Winter. Busse und Bahnen würden ihn in der Summe viel zu viel Zeit kosten. Darüber hinaus habe er mit der Bahn in puncto Zuverlässigkeit eher schlechte Erfahrungen gemacht. Notwendig wären also Lösungen für die „letzte Meile“ und eine Verbesserung der Bahn. Dazu gehört nach Meinung vieler Pendler auch mehr Komfort in der Bahn.

Baustelle bremst in Stoßzeiten

Wer es sich von den Arbeitszeiten her leisten kann, versucht, die Stoßzeiten zu vermeiden. Morgens sei das zwischen 7 und 9 Uhr, am Nachmittag zwischen 16 und 18.30 Uhr, erzählt Heiner Weisbrodt aus Ruppertsberg, der als Architekt in Mannheim arbeitet. Besonders heftig war die Situation auf dem Weg Richtung Ludwigshafen/Mannheim, solange die Autobahn stadteinwärts wegen einer Baustelle einspurig war. Diese ist inzwischen aufgehoben, die Lage etwas entspannter. Den Zeitverlust aufgrund der Sperrung der Hochstraße Süd beziffern einige Pendler auf etwa zehn bis 15 Minuten. Viele hatten Schlimmeres befürchtet. Weshalb das Auto für viele noch immer die erste Wahl ist.

Stichwort: Coworking

Coworking heißt auf Deutsch soviel wie zusammenarbeiten und fällt unter die Kategorie der sogenannten neuen Arbeitsformen. Der weiterführende Begriff lautet Coworking-Spaces – also Räume, in denen Coworking möglich ist. Solche existieren bereits in zahlreichen Großstädten, halten aber auch immer öfter Einzug in Klein- und Mittelstädten oder sogar in ländliche Gebiete wie in Elmstein.

Meist sind Coworking-Spaces große und offen gestaltete Räume. Die Betreiber der Büros sorgen für die Infrastruktur – also für einen schnellen Internetanschluss, Telefone, Drucker, Scanner, Beamer und so weiter. Häufig gibt es auch Ruheräume oder sogar Fitnessgeräte. Freiberufler, Selbstständige und zunehmend auch Angestellte verschiedener Unternehmen mieten dann einen Arbeitsplatz und dürfen auch den Rest der Einrichtung benutzen. Dafür gibt es verschiedene Modelle, zum Beispiel zwei Tage pro Woche oder zehn Tage pro Monat.

Alle zusammen bilden eine Gemeinschaft, die sogenannte Coworking-Community. Sie arbeiten zwar an ihren eigenen Projekten und Aufgaben, können und sollen aber auch durch regen Austausch oder gemeinsame Veranstaltungen voneinander profitieren. Eine solche Community und einen Coworking-Space mit rund 80 Arbeitsplätzen will das Start-up-Unternehmen „1000 Satellites“, eine BASF-Ausgründung, in Neustadt etablieren.

Ein weiterer Coworking-Space entsteht in der ehemaligen Papierfabrik Hoffmann & Engelmann im Schöntal. Diese sogenannte Cofactory ist allerdings weniger auf Pendler ausgerichtet, sondern mehr auf Menschen, die im kreativen und/oder wissenschaftlichen Bereich tätig sind und gemeinsam unter einem Dach arbeiten wollen. ffg

Zur Sache: Auspendlerziel Ludwigshafen

Verkehrsströme haben viel mit den Pendlerbewegungen zu tun. Täglich verlassen über 12.500 Menschen für die Arbeit die Stadtgrenze von Neustadt. Von außerhalb kommen 9750 Einpendler. Der Landkreis Bad Dürkheim meldet rund 33.500 Auspendler und 13.720 Einpendler.

Auf Platz eins der Neustadter Auspendlerstädte steht Ludwigshafen (2203 Auspendler), gefolgt vom Landkreis Bad Dürkheim (1964), dem Kreis Südliche Weinstraße (1480), Mannheim (1126), Landau (833) und Speyer (678).

Die meisten Einpendler nach Neustadt kommen aus den drei Landkreisen Bad Dürkheim (3211), Südliche Weinstraße (1793), Rhein-Pfalz (785), gefolgt von Landau (473), dem Kreis Germersheim (394), Ludwigshafen (280) und dem Kreis Kaiserslautern (231).

Ein Strom von der Größe einer kleinen Stadt macht sich täglich vom Landkreis Bad Dürkheim nach Ludwigshafen auf – 9279 Auspendler sind in der Statistik aufgeführt. Die BASF spielt da sicherlich eine große Rolle. Auf den weiteren Rängen: Mannheim (4424), Neustadt (3211), Rhein-Pfalz-Kreis (2300), Frankenthal (1773), Speyer (1183) und Donnersbergkreis (1135).

Die Einpendler in den Kreis Bad Dürkheim werden angeführt aus dem Rhein-Pfalz-Kreis (2105), dem Donnersbergkreis (1973), Neustadt (1964), Ludwigshafen (994) und der Südlichen Weinstraße (610).

Die Statistik führt die Agentur für Arbeit. Stichtag der Erhebung war im Juni 2018. Erfasst sind allerdings nur die Beitragszahler der Sozialversicherungen, also in der Regel keine Selbstständigen und Beamten. wkr

Zur Sache: Homeoffice

Früh am Morgen steht Hans Fick auf, macht sich fertig für die Arbeit und setzt sich an den Schreibtisch – im Obergeschoss seines Hauses in Insheim. Dreimal die Woche arbeitet der 60-jährige Zollamtmann bei der Generalzolldirektion in Neustadt von zu Hause aus. „An meinem ersten Tag Homeoffice vor gut drei Jahren dachte ich mir, dass ich ja nun bequem in Jogginghose arbeiten kann“, berichtet Hans Fick. Für Telefonkonferenzen müsse er sich ja nicht herausputzen. „Nach dem zweiten Tag habe ich allerdings gemerkt, dass sich das nicht wie Arbeiten anfühlt.“ Seither bleibt die Jogginghose tagsüber im Schrank. „Der einzige Unterschied zu den Präsenztagen in Neustadt ist, dass ich keine Straßenschuhe anziehe“, so Fick.

Seit 1985 arbeitet er beim Zoll, davon viele Jahre im Außen- und Vollzugsdienst. Bis es ihn vor drei Jahren in den Innendienst zog. Auf seinem neuen Posten arbeitete er von Beginn an auch im Homeoffice. Sein Arbeitgeber hat ihm dafür die gleiche Ausstattung inklusive Schreibtisch, Stuhl und Computer gestellt wie in seinem Neustadter Büro.

Mittwochs und donnerstags pendelt Fick nach Neustadt, wenn es klappt, im Wechsel mit einer Kollegin, die ein paar Häuser weiter wohnt. „Die Mischung macht’s“, sagt der Zollbeamte, der sich ein reines Homeoffice nicht vorstellen kann. Zu Hause sei er ohne Ablenkung oft konzentrierter. Genauso wichtig sei ihm aber, sich mit den Kollegen „auf kurzem Weg“ austauschen zu können.

„Die flexible Arbeitszeiteinteilung ist sehr arbeitnehmer- und familienfreundlich“, betont der Familienvater und Großvater. Zwischen sechs und 20 Uhr könne er seine Arbeitszeit legen. Viele Kollegen mit schulpflichtigen Kindern seien vormittags in der Generalzolldirektion und danach von daheim aus tätig. bje

Zur Sache: Zu Fuß unterwegs

In 20 Minuten muss ich im Büro sein – und jetzt klingelt doch tatsächlich das Telefon. Aber da ich bereits geschniegelt und gestriegelt bin, kann ich noch rangehen. Denn wenn ich etwa 15 Minuten vor Arbeitsbeginn loskomme, reicht das: Ich bin einer der aus meiner Sicht Glücklichen, die zu Fuß zur Arbeit können.

Kein Stau, keine Parkplatzsuche, kein verspäteter Zug, kein überfüllter Bus. Das nenne ich Luxus. Vor allem, weil ich es auch anders kenne: zwei Jahre Pendeln zwischen Neustadt und Bad Dürkheim, dann elf Jahre zwischen Neustadt und Kaiserslautern. Wechselweise mit Zug und Auto. Da geht ganz schön viel Lebenszeit drauf. Klar: Ein gutes Buch im Zug und Musik oder ein Hörbuch im Auto können die Fahrten versüßen. Dennoch: Der Zeitfaktor schlägt für mich alle anderen Dinge um Längen.

Darüber hinaus ist der tägliche Fußweg auch gut für Leib und Seele. An der frischen Luft schweifen die Gedanken – nicht selten kommt mir dabei eine gute Idee für die Arbeit. Am Abend hingegen wirkt der Heimweg reinigend: Bis ich zu Hause ankomme, habe ich gedanklich alles abgeschüttelt, was mich im Büro vielleicht genervt hat. Zumal ich mich dann etwas mehr anstrengen muss als auf dem Weg ins Büro – Stichwort Viehberg. Wer ihn kennt, wird wissen, was ich meine.

Regen oder Schnee stören mich eigentlich wenig. Die richtige Kleidung macht’s. Wenn ich etwas zügiger marschiere, brauche ich sogar nur zehn Minuten – das ist bei fast jedem Wetter auszuhalten. Und: Ich muss keine Autoscheibe freikratzen, ehe es losgeht. Nicht selten steht mein Auto eine ganze Woche vor der Haustür – kein Spritverbrauch, kein CO2-Ausstoß, kein Fahrstress. Wie gesagt: Das nenne ich Luxus. ffg

Klaus Filbrich, Jan Wageck und Markus Mayer (von links) treffen sich am Mitfahrerparkplatz an der B 39, um gemeinsam zur Meister
Klaus Filbrich, Jan Wageck und Markus Mayer (von links) treffen sich am Mitfahrerparkplatz an der B 39, um gemeinsam zur Meisterschule in Limburgerhof zu fahren. Foto: Mehn
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