Neustadt
Neustadt: Demenz soll raus aus der Tabuzone
Unter der Koordination von Anika Jeffries vom städtischen Sozialamt schließen sich in Pflegedienste, Altenheime, Krankenhaus Hetzelstift, Seniorenbeirat, Sozialstation und Pflegestützpunkt zu einem „Netzwerk Demenz“ zusammen. Ziel ist die Information Angehöriger, der Öffentlichkeit und weiterer sozialer Einrichtungen zur Pflegesituation bei demenzerkrankten Menschen.
Es ist das 43. Netzwerk in Rheinland-Pfalz. Laut Daniela Stanke von der Landeszentrale Gesundheitsförderung in Mainz soll in Neustadt nach einer Bestandsaufnahme der Angebote mit einem Flyer ein „Demenzwegweiser“ gestaltet werden. Jeffries erwartet, dass weitere Anbieter im sozialen Pflegebereich und Pflegeheime dem Netzwerk beitreten. Sozialdezernent Ingo Röthlingshöfer sieht die Kommunen in der Pflicht. „Es ist eine unerträgliche Situation, es gibt keine ausreichenden Angebote in der Tagespflege und kaum Entlastung für die Angehörigen. Die verschiedenen Anbieter machen, was sie können, aber auch sie geraten an ihre Grenzen“, sagte er am Dienstag bei der Bekanntgabe der Gründung.
„Demenztage“ eine Möglichkeit
Es werde immer mehr Menschen mit Unterstützungsbedarf geben, so Röthlingshöfer. Bislang bewege sich kommunal noch zu wenig, aber der Staat habe sich mit der Einführung der Pflegeversicherung auch weit aus der Verantwortung entfernt. Er sieht Veranstaltungen unter dem Motto „Demenztage“ in Neustadt als eine Möglichkeit, das Thema in die Öffentlichkeit zu bringen. In Rheinland-Pfalz seien rund 80.000 Menschen von der Erkrankung betroffen.
Lieselotte Skade vom Pflegestützpunkt stimmte zu: „Demenz soll das Stigma verlieren und aus der Tabuzone geholt werden. Es ist ganz klar: Demenzkranke leben in einer anderen Welt.“ Dabei sei die Erkrankung individuell und äußere sich bei jedem Menschen unterschiedlich, verdeutlichte Angelika Hauck von der Sozialstation. Und Peter Schaub vom Seniorenzentrum Paul-Gerhardt sagte: „80 Prozent unserer Bewohner sind in unterschiedlichen Graden dement.“ Im Marienhaus-Klinikum Hetzelstift zeigt sich die Problematik immer dann, wenn stationär behandelte Personen im Anschluss versorgt werden müssen: „Wir lassen die Angehörige nicht alleine und beraten sie“, sagte Karin Rudolph vom Hetzelstift.
Röthlingshöfer erhofft sich Aufbruchstimmung
Ein großer Bedarf bestehe zudem bei der Kommunikation zwischen den pflegenden Angehörigen und den dementen Personen. „Wir wollen auch zeigen, wie mit der richtigen Ansprache der Alltag entspannter gelebt werden kann“, so Anne Gadinger von der Sozialstation. Für Röthlingshöfer gehört dazu auch jene Aufbruchstimmung, die mit der Bildung des neuen Netzwerks genutzt werden soll. Er möchte die Kooperationspartner bereits im Januar zu konkreten Besprechungen erneut versammeln.
Info
Netzwerk Demenz: Ambulanter Pflegedienst Sozial Aktiv, Gesundheitsamt, Volkshochschule, Caritas-Altenzentrum St. Ulrich, Paul-Gerhardt-Seniorenzentrum, Seniorenbeirat, Hetzelstift, Compass private Pflegeberatung, Pflegestützpunkt Neustadt/Maikammer, Stadtverwaltung.
Einwurf: Entlastung nötig
Ein Netzwerk alleine bringt noch keine Ergebnisse. Angehörige brauchen selten weitere Informationen über die Erkrankung Demenz, sie sind meist bereits vom jeweiligen Sozialdienst gut beraten. Was Angehörige brauchen, sind Freistunden, Entlastung von der Pflege, Erholungsphasen für sich selbst. Hier muss das Netzwerk ansetzen, damit diese einzelnen Unterstützungsmöglichkeiten transparent werden. Ganz wichtig ist aber auch, den Angehörigen sowie der Öffentlichkeit zu verdeutlichen, dass die Erkrankung inzwischen so alltäglich ist, dass sie nicht mehr tabuisiert werden sollte.