Neustadt RHEINPFALZ Plus Artikel Neustadt: 1400 Menschen marschieren für besseren Klimaschutz durch die Innenstadt

Nach Angaben der Polizei waren geschätzt 1200 Menschen bei der Kundgebung in Neustadt dabei.
Nach Angaben der Polizei waren geschätzt 1200 Menschen bei der Kundgebung in Neustadt dabei. Foto: Linzmeier-Mehn

„Fridays for Future“ ist eine Jugendbewegung. Eigentlich. Zur jüngsten Kundgebung wurden aber weltweit ausdrücklich auch Erwachsene eingeladen. Unter dem Motto „Alle fürs Klima“ ziehen Hunderte durch die Neustadter Innenstadt. Sie möchten die Umweltpolitiker zum Handeln bewegen. Manche Aktivisten sind dabei besonders einfallsreich.

Georg Albert wäre am Freitagvormittag gewöhnlich an seinem Arbeitsplatz in Landau. Er ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Uni. Heute hat er sich jedoch Urlaub genommen, um in seinem Wohnort Neustadt mit Hunderten von Menschen auf die Straße zu gehen: „Die Teilnahme von Erwachsenen an der heutigen Fridays-for-Future-Kundgebung ist ausdrücklich erwünscht, deshalb bin ich hier.“ Er selbst verzichte seit langem auf Plastiktüten, setzte auf Car-Sharing und weniger Fleischkonsum. Der Umwelt zuliebe, wie er sagt. Es müssten jedoch alle an einem Strang ziehen, weshalb er nun bei der Demonstration dabei sei.

Bei der Veranstaltung bekommt Albert von der Initiative „Klimaaktion Neustadt“ ein Schild in die Hand gedrückt. Darauf steht „Klimawandel? Klimakrise! Zeit für Widerstand“. Unzählige weitere selbst gebastelte Banner werden in die Luft gehalten. Botschaften wie „Es gibt keinen Planet B“ oder „Die Erde hat Fieber“ sind zu lesen. Bevor der Demozug durch die Stadt zieht, stimmt Farina Becker von der Ortsgruppe der Fridays for Future (FFF) die Aktivisten am Rathaus auf die Kundgebung ein. Schwere Unwetter und Überschwemmungen, die weltweit zunehmen würden, seien ein Zeichen dafür, dass es in der Umweltpolitik so nicht weitergehen könne. Anschließend studiert sie mit den Teilnehmern Gesänge ein. Becker und ihre Mitstreiter haben das Stück „Oh Adele“ umgedichtet. Sie fordern, den Kohleabbau zu stoppen und auf erneuerbare Energien zu setzen.

Jugendliche schwänzen die Schule

Während der Kundgebung sind immer wieder Schlachtrufe zu hören. Als „Wir sind hier, wir sind laut, weil ihr unsere Zukunft klaut“ skandiert wird, schreit der 15-jährige Julian ganz laut mit. Er schwänzt die Schule, um Teil der FFF-Bewegung zu sein. „Es geht schließlich um meine Zukunft“, sagt er. Oberstufenschülerin Theresa Wachs hat zu dieser Zeit ohnehin keinen Unterricht. „Ich finde es gut, dass so viele Menschen hier hergekommen sind. Die Stimmung ist toll“, sagt die 18-Jährige. Sie wünscht sich jedoch auch Reaktionen. Dass beispielsweise auf den Energieverbrauch geachtet wird. So könne im Winter weniger geheizt werden. „In der Schule kommt es zudem häufig vor, dass Lehrer vergessen, dass Licht auszumachen.“ Das sei ärgerlich.

20 Menschen haben sich bereit erklärt, als Ordner während der Kundgebung nach dem Rechten zu schauen und bei Fragen weiterzuhelfen. Zudem sind sicherheitshalber Schulsanitäter des Leibniz- und Käthe-Kollwitz-Gymnasiums (KKG) dabei, um im Notfall zu helfen. Doch die Veranstaltung verläuft friedlich, bei der zweistündigen Kundgebung gibt es keine besonderen Vorkommnisse, wie die Polizei auf Anfrage der RHEINPFALZ im Anschluss mitteilen wird.

Kein Wunder: Gut gelaunt schreiten die Demonstranten durch die Stadt. Sie ziehen zahlreiche Bollerwagen mit Musikanlagen hinter sich her. Aus den Boxen ertönen Titel wie „Don’t stop me now“ von Queen, zu der mitgesungen und getanzt wird. Einen Stopp fordern hingegen Caroline Wilking und Heidi Corbi aus Lachen-Speyerdorf. Sie möchten die Bäume, insbesondere die Linden erhalten, die bei ihnen am Jahnplatz gefällt werden sollen. Die Teilnehmer der Kundgebung haben offensichtlich unterschiedliche Motivationen, für die sie einstehen. Der Klimaschutz eint sie.

Straßensperrungen wegen der Protestaktion

In der Karl-Helfferich-Straße beobachten Radfahrer, die offensichtlich nicht zu den Demonstranten dazugehören, das Geschehen. Sie stehen an der Ampel, obwohl sie Grün zeigt. Selbst bei Rot könnten sie ohne schlechtes Gewissen die Straßenseite wechseln. Während der Kundgebung sind Teile der Innenstadt für den Autoverkehr gesperrt. Die Radler müssen allerdings warten, bis sich eine Lücke ergibt, um durchzukommen. Das dauert ein wenig, so lange wie der Demozug ist. Sie sehen das jedoch gelassen. Im Gegensatz zu einer Hochzeitsgesellschaft, die durch das abgesperrte Gebiet fahren möchte. Familie und Freunde der frisch Vermählten sind so sehr darüber verärgert, von der Polizei am Weiterfahren gehindert zu werden, dass sie die Beamten beleidigen.

Nachdem sich die geschätzt 1200 Teilnehmer der Kundgebung wieder auf dem Marktplatz eingefunden haben, halten verschiedene Gruppierungen auf der Bühne ihre Reden. Sie kritisieren politische Entscheidungen, etwa den Ausbau der A61 zwischen Frankenthal und Speyer. Pfarrerin Annette Leppla von der protestantischen Kirchengemeinde Haardt erinnert hingegen daran, dass symbolisch um fünf vor Zwölf die Glocken der Stiftskirche läuten.

Andacht unter freiem Himmel

Ein Blickfang bei der Kundgebung ist der Stand von Thomas Hahn, Lehrer am KKG. Er nutzt seinen freien Tag, um zu verdeutlichen, was mit Sonnenenergie alles möglich ist. Aufgebaut hat er dabei einen Hohlspiegel, der hilft, die Sonnenenergie in Wärme umzuwandeln. Diese wird einem Topf zugeführt, das Wasser darin wird so zum Kochen gebracht. Ebenfalls einfallsreich sind die Workshops, zu denen die FFF-Gruppe einlädt. So wird in einer Gruppe erörtert, welche natürliche Ressourcen es wo genau in der Welt gibt. Dadurch soll das Bewusstsein für die Umwelt gestärkt werden. Ein paar Meter weiter, an der Marienkirche, haben sich zahlreiche Menschen eingefunden. Sie sind der Einladung der Pfarrei Heilige Theresia von Avila gefolgt, an der Andacht teilzunehmen. Umso schöner ist es, dass sie wegen des schönen Wetters unter freiem Himmel gehalten werden kann.

Info

Die Initiative „Klimaaktion Neustadt“ lädt für Dienstag, 24. September, 20 Uhr, zu einem Info-Abend in die Kantine 16, am Bahnhofsvorplatz links, ein. „Wie weiter nach dem Streik? Systemwandel statt Klimawandel“ lautet der Titel der Veranstaltung, an der Vertreter der Gruppen Fridays for Future, Extinction Rebellion und Climate Reality Project teilnehmen. Interessierte erhalten an diesem Abend unter anderem einen Überblick zu verschiedenen lokalen Aktionen. Weitere Infos gibt es per E-Mail an klimaaktion-nw@posteo.de.

Einwurf: Bemerkenswert

Es ist beeindruckend, dass eine Schülerin den Anstoß gab, dass weltweit Menschen Woche für Woche auf die Straße gehen und einen besseren Klimaschutz fordern. Wer in Neustadt das erste Mal bei der Fridays-for-Future-Kundgebung mitgelaufen ist, wird sich verwundert die Augen gerieben haben, mit welcher Inbrunst und Freude Jung und Alt gemeinsam für dieses Ziel einstehen. Die Schlachrufe und die Musik animierten dazu, sich der Gruppe anzuschließen. Passend dazu riefen die Veranstalter den Neustadtern zu: „Lass’ das Glotzen sein, reih’ dich in die Demo ein.“ Dass sich so viele Arbeitnehmer für die Aktion freigenommen haben, wie das in Neustadt der Fall war, war auch nicht zu erwarten. Frage ist nur, ob die Bewegung die Massen so lange mobilisieren kann, dass die Rufe von den Politikern erhört werden.

Thomas Hahn kocht Wasser. Erstaunlich ist, wie ihm das gelingt.
Thomas Hahn kocht Wasser. Erstaunlich ist, wie ihm das gelingt. Foto: Linzmeier-Mehn
Der Mußbacher Diakon Bernd Wolf hielt im Anschluss an die Demo eine Andacht an der Marienkirche.
Der Mußbacher Diakon Bernd Wolf hielt im Anschluss an die Demo eine Andacht an der Marienkirche. Foto: Linzmeier-Mehn
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