Neustadt Nappa-Slipper und Wildschweinhauer

Da kann kein E-Book mithalten: Minibücher am Stand von Büchbinderin Hedwig Müller aus Landau.
Da kann kein E-Book mithalten: Minibücher am Stand von Büchbinderin Hedwig Müller aus Landau.

Gleich am Eingang der Herrenhof-Kunsthalle blinkt in einer Vitrine der sagenumwobene Koh-i-Noor, mit sensationellen 108 Karat heute als einer der größten Diamanten der Welt Teil der britischen Kronjuwelen. Natürlich ist es nur eine Nachbildung des Edelsteinhändlers Volker Schwarz aus Idar-Oberstein, aber ein gutes Symbol für die Schätze aus Handwerk und Design, die die Ausstellung „Design + Gestaltung“ am Wochenende im Herrenhof versammelte – entstanden oft mit Rückgriff auf altbewährte Techniken, aber mit dem Ehrgeiz, daraus Ungewöhnliches, Neues zu entwickeln.

«Neustadt-Mussbach.»Eine der Besucherinnen schreitet vor den kritischen Augen ihres Partners in knallroten Nappa-Slippern mit an den Fuß angelegten Lederspitzen auf und ab. Das Modell „Pamina“, benannt nach der Tochter der Königin der Nacht aus Mozarts „Zauberflöte“, ist ein Blickfang, entwickelt unter dem Logo „Artshock“ von Bernd Dreßen aus Köln. Der ehemalige Dramaturg und Regisseur ist mit intensiver Kundenberatung beschäftigt. Gesucht werden Käufer, die die Verbindung von Handwerkskunst und Qualität so wertschätzen, dass sie gerne auch etwas tiefer in die Tasche greifen. Modedesignerin Dorothee Droste aus Rheinbreitbach sucht ebenfalls solche Liebhaber(innen). Während Dreßen erstmals im Herrenhof ausstellt, hat sie bereits jahrelange Mußbach-Erfahrung. Sie fertigt ihre Textilien in tagelanger Handarbeit kunstvoll aus mehreren Stoffschichten mit symmetrisch umstickten, verschiedenfarbigen Materialien, beispielsweise feinster, irisierender Seide. Hutmacherin Dietlinde Ambos aus Karlsruhe wiederum kreiert Hüte, Fascinators und Headpieces. Sie habe, nachdem sie per Zufall am Ausräumen einer Hutmacher-Werkstatt beteiligt gewesen sei, Hutformen erstanden. Aus ersten Versuchen sei Begeisterung geworden, und nach zwei intensiven Ausbildungskursen sei sie in das Handwerk eingestiegen. „Ich finde oft Materialien auf Flohmärkten“, meint sie begeistert von ihrem „leider aussterbenden Berufszweig“. Während Ambos ihre Hüte nur durch recycelte Teile ergänzt, geht der Mannheimer Florian Thirolf im malerischen Außengelände des Herrenhofs noch einen Schritt weiter. Er verarbeiten den hölzernen Teil alter Skateboards zu neuen Gegenständen, die einmal mehr, einmal weniger mit dem ersten Leben der Bretter zu tun haben – vom Schlüsselanhänger oder Visitenkartenbehälter bis zum Regal. „Viele Skateboards sind ja, je nach Beanspruchung, oft nur kurz im Einsatz“, meint der begeisterte Skater, der handwerkliches Arbeiten als Ausgleich zur Büroarbeit schätzt. Marcin Wichlinski aus Polen schneidet für seine Objekte dagegen Glas aus, schichtet es auf und lässt es in einer Schamott-Form vier Stunden miteinander bei 800 Grad Celsius verschmelzen, um es schließlich noch zu schleifen. Das Ergebnis sind farbenfrohe Schalen mit Blumendekor, Fensterbilder, leuchtende Vasen, alles sehr individuell, was die Produkte des Handwerkermarktes im Herrenhof generell auszeichnet. „Der Kunsthandwerkermarkt ist mittlerweile 17 Jahre im Herrenhof“, sagt Organisator Bernd Roeter von der „Galerie Forum“ aus Ockenheim und zeigt sich zufrieden mit der großen Anzahl an Handwerkern und Designern aus dem Bundesgebiet und dem angrenzenden Ausland, die von der Handwerkskammer der Pfalz und ihm selbst ausgesucht wurden. Bereits jetzt habe er die Jahre 2018 und 2019 in der Planung, erklärt er. Zu den Neuausstellern und den „alten Hasen“ gesellen sich auch Aussteller, die nach einer längeren Pause wieder kommen, wie diesmal etwa die Neustadter Confiserie Michel. Zahlreich vertreten sind auf der Schau auch Stände mit Unikatschmuck wie der von Annette und Thomas Schleuning aus Landau. Ihre Kreationen haben oft regionalen Bezug, eine große Rolle spielt der Wein. Sie fertigten schon die Ringe der Pfälzischen Weinkönigin und ließen sich für ihren aktuellen Jagdschmuck von Jägern die Wildschweinhauer liefern, die vergoldet, mit Seidenbändern und Silberaufhängungen beispielsweise als Collier dienten, wie Thomas Schleuning erklärt.

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