Neustadt
Nach dem Brand: Bewohner beschreiben die kritischen Minuten
Wolfgang Herrmann (70) und seine Frau Doris (66) haben sich in der Nacht auf Donnerstag noch selbst aus ihrer Wohnung retten können. „Und zwar keine Minute zu früh“, erzählt der Vorsitzende des Kleintierzuchtvereins Lachen-Speyerdorf. Brandmelder hatten das Ehepaar aus dem Schlaf gerissen, ebenso den vierjährigen Enkel, der zum ersten Mal bei den Großeltern übernachten durfte. Er habe alles gut verkraftet, „im Kindergarten wird er was zu erzählen haben“, meint Herrmann, der seinen Humor noch nicht ganz verloren hat.
Gegen 2 Uhr in der Nacht auf Donnerstag war die Neustadter Feuerwehr wegen eines massiven Feuers in dem Wohnkomplex in der Lilienthalstraße alarmiert worden. Am Ende waren 120 Rettungskräfte im Einsatz, Bewohner des Vorderhauses wurden über Leitern herausgeholt. Insgesamt sieben Wohnungen zählte das verwinkelte Anwesen, im hinteren Bereich war das Feuer laut Feuerwehr ausgebrochen. Dort stand eine Scheune, die mit zwei Wohnungen überbaut war, in eine davon waren die Herrmanns vor 46 Jahren eingezogen.
Bademantel geliehen
„Meine Frau war im Schlafanzug und bekam von Nachbarn einen Bademantel, ich selbst hatte zumindest Jogginghosen an“, beschreibt Wolfgang Herrmann, wie sie von einer Minute auf die andere plötzlich auf der Straße standen. Alles, was in Scheune und Keller gelagert war, ist auf jeden Fall verloren. Die 150 Gläser Marmelade, die Herrmann selbst eingekocht hat, verschmerzt er locker. Schlimmer sei der Verlust vieler Familienerinnerungsstücke, sagt Ehefrau Doris. „Man kann jetzt besser verstehen, wie es den Menschen im Ahrtal ergangen ist“, ergänzt ihr Mann. Aber natürlich sind beide, wie alle Bewohner, froh, den Brand unverletzt überstanden zu haben.
Das Ehepaar konnte kurzfristig in einer Ferienwohnung unterkommen. Nun hofft es darauf, demnächst zurück zu dürfen, um das Wichtigste aus der Wohnung holen zu können. Ihre Nachbarin Eva Köhler hat hingegen alles verloren, laut Feuerwehr sei die Decke ihrer Wohnung heruntergebrochen, berichtet sie. Die 72-Jährige hat erst im vergangenen Jahr ihren Mann begraben müssen. Die Wohnung in der Lilienthalstraße war ihre erste eigene als frisch verheiratetes Paar, dort sind die beiden Töchter groß geworden. Bei einer von ihnen wohnt Eva Köhler nun.
Wo künftig wohnen?
Die ältere Frau war in der Brandnacht wegen „merkwürdiger Geräusche“ wach geworden. Zunächst dachte sie an Einbrecher in der unter ihrer Wohnung liegenden Scheune. „Ich hätte nie geglaubt, dass ein Feuer solche Geräusche verursacht“, sagt sie. Ein Nachbar hatte es wie „Knallen beim Feuerwerk“ beschrieben.
Neben dem Verlust ihrer persönlichen Dinge beschäftigt Eva Köhler – und auch die Herrmanns – vor allem ein Gedanke: Wo werden sie künftig wohnen? „Niemals dachte ich, hier noch einmal raus zu müssen“, beschreibt es die 72-Jährige, „wir hatten es so schön hier.“ Noch eine weitere Mietpartei sei schon über 40 Jahre dabei –„länger, als unser Vermieter alt ist.“
Eigentümer: Noch alles unklar
Vermieter ist Joachim Hahn. Sein Großvater mütterlicherseits, Franz Heil, habe das Anwesen in den 1950er-Jahren gekauft und sowohl Landwirtschaft als auch eine Gaststätte betrieben, erzählt er. Er selbst habe nie dort gewohnt, die Eltern hätten neu gebaut. Seither sei es seiner Familie wichtig gewesen, in dem Gebäudekomplex bezahlbare Wohnungen anzubieten: „Ich hätte mir wirklich für alle Mieter gewünscht, dass sie dort so lange wohnen können wie möglich.“
Wie es nun weitergeht, ist offen. Von Abriss bis Wiederaufbau – was möglich sei, könne nur ein Gutachter beurteilen, so Hahn. Derzeit habe die Polizei alles abgesperrt wegen Einsturzgefahr. Auch Hahn ist froh, dass seine Mieter in Sicherheit gebracht werden konnten. Und im Gegensatz zu ihnen habe er in seinem eigenen Bett schlafen können, auch wenn er keinen Schlaf gefunden habe.
Brandbegehung angesetzt
Derweil hat die Neustadter Polizei für nächste Woche eine Brandbegehung angekündigt. Noch steht nicht fest, warum es gebrannt hat. Die Feuerwehr Neustadt hatte noch bis kurz nach Mitternacht Brandwache gehalten.
Weil Bürger sich bei ihm gemeldet haben, die helfen wollen, hat Ortsvorsteher Claus Schick sich mit der Stadtverwaltung besprochen. Da Geldspenden am besten seien, könne jeder, der das will, auf das städtische Spendenkonto einzahlen, teilte er mit. Wolfgang Herrmann und seine Frau haben diese Hilfsbereitschaft bereits am eigenen Leib erfahren. „Sie ist überwältigend“, sagt der 70-Jährige.
Info
Spendenkonto der Stadt Neustadt bei der Sparkasse Rhein-Haardt, IBAN DE58 5465 1240 0000 0015 03, Verwendungszweck „Brandopfer Lilienthalstraße“