Fallschirmspringen
Mit Video: Von der Euphorie auf einem Flugzeugflügel
Stellen Sie sich mal vor, liebe Leserinnen und Leser, Sie sitzen in einem Flugzeug ohne Motor, steigen während des Flugs auf einen Flügel, setzen sich dort hin. Und lassen sich dann nach vorne in die Tiefe fallen. Unvorstellbar? Keineswegs.
„Das war der Hammer, in dieses Loch zu springen“, schwärmt Franz Aschoff, der Hesse lebt in Bern, noch Minuten nach seiner Landung auf dem Flugplatz in Lachen-Speyerdorf von seinem ungewöhnlichen Sprung. Der FSC Neustadt hat am vergangenen Wochenende zwei Tage lang erfahrenen Fallschirmspringern angeboten, aus einem Segelflugzeug zu springen. In ein Loch zu springen, damit meint Aschoff die kaum vorhandene Luftanströmung. „Wenn ich aus einem Motorflieger springe, habe ich vom Propeller eine Luftanströmung“, erklärt er das Besondere an dem Sprung aus dem Segelflieger. „Und es war sehr ruhig“, hat ein Segelflugzeug schließlich keinen Motor und verursacht somit auch keine Motorengeräusche.
Im Flieger „oben ohne“
Die Ruhe hat auch Christian Muhl imponiert. Er und Ralf Grieser haben das besondere Angebot organisiert. Bemerkenswert findet Muhl ebenfalls den Steigflug: „Man sitzt in einem Cabriosegelflugzeug – es ist oben offen und ein bisschen kühl.“ Er steige vom Beifahrersitz, also dem Sitz hinter Pilot Oliver Kohler, auf, klettere auf den linken Flügel, setze sich hin. „Man winkt dem Piloten kurz zu und lässt sich nach vorne fallen.“ Das Besondere sei, bei Stille auf dem Flügel zu sitzen. Muhl: „Ein bisschen seltsam, aber sehr schön.“ Für ihn ist es bereits der zweite Sprung aus einem Segelflieger. Er hatte seine Premiere 2023. Und im vergangenen Jahr sei extra ein Freund aus Hamburg angereist, um aus einem Segelflieger zu springen.
Denn es gibt nicht viele Segelflugzeuge in Deutschland, mit denen dies möglich ist. „Ich meine, es sind drei Stück zugelassen zum Absetzen von Fallschirmspringern“, überlegt Oliver Kohler. Er könne diese Zahl aber nicht bestätigen. Der Segelflugpilot ist extra mit dem Bergfalken III, Jahrgang 1965, einem Vereinsflugzeug des Flugsportvereins Imsweiler, nach Lachen-Speyerdorf geflogen. „In 20 Minuten“, verrät er. Das doppelsitzige Segelflugzeug könne „mit offener Haube“ als Cabrio fliegen. Es sei ein Schulflugzeug, um darin Flugschüler zu lehren.
Traum in Erfüllung gegangen
Währenddessen ist Franz Aschoff „noch immer geflasht“: „Mein Puls ist nach wie vor hoch.“ Für den Wahl-Berner ist mit dem Sprung aus einem Segelflieger ein Traum in Erfüllung gegangen. Er habe in der Frankfurter Gegend in den 1990er-Jahren sein Abitur gemacht und sei danach selbst als Segelflugpilot aktiv gewesen. „Damals habe ich gedacht, die Kuppe weg und springen“, verrät er lachend. Kürzlich habe ihn ein Freund angerufen und vom speziellen Angebot in Lachen-Speyerdorf erzählt. „Ich habe jetzt gemacht, von was ich in den 199ern geträumt habe“, sagt der Fallschirmspringer noch immer mit einem breiten Grinsen im Gesicht. Insgesamt 320 Sprünge hat er bereits hinter sich. Seine andere Leidenschaft ist nicht weniger spektakulär: Wingsuitflüge. Aber diesmal werde er in der Nacht vom Sprung aus dem Segelflieger träumen, ist er sich sicher.
Markus Schwall hat diesen Sprung nun vor sich. Es ist bereits sein zweiter aus einem Segelflieger. Der Landauer ist auch schon aus einem Hubschrauber und einem Ballon gesprungen, nennt sich „einen Gelegenheitsspringer“. Aber eben einer für besondere Sprünge. Schwall erhält seine Einweisung, was er im Flugzeug zu beachten hat, dass er sich zum Beispiel anschnallen muss. „Ich muss den Springern auch sagen, dass sie das Ruder nicht blockieren sollen, indem sie sorgfältig ihre Gurte zur Seite ablegen“, betont Pilot Oliver Kohler.
Wenn der Flieger vibriert
Dass er bald einen Springer auf dem linken Flügel sitzen hat, spürt er kaum. „Diese Seite am Flügel ist verstärkt“, sagt er. „Wo er sitzt, merkt man es nicht.“ Der Springer sitze nur einen Meter vom Flugzeugrumpf entfernt. „Theoretisch könnte der Springer drei, vier Meter weit auf den Flügel klettern“, sagt Kohler, der seit 2014 Segelflug-, seit 2016 Motorflugpilot ist. „Dann spürt der Pilot, dass da einer auf dem Flügel sitzt.“ Er merke es aber, wenn sich der Springer hinter ihm im Flugzeug aufrichte, aufstehe und aus seinem Sitz krabbele. „Dann wird der Luftstrom verwirbelt, der hinten aufs Seiten- und Höhenruder wirkt“, erklärt der Pilot dies. Dann spüre er, dass der ganze Flieger vibriere. „Wenn der Springer dann auf dem Flügel sitzt, ist das weg, weil die Luftströme um den Rumpf wieder laminar verlaufen. Es sind keine Verwirbelungen mehr da.“
Bei 14 Sprüngen pro Tag ist der Zeitplan eng getaktet. „Christian, Du musst immer gucken, dass zwei, drei Leute da sind, um das Flugzeug umzudrehen“, ruft Kohler Christian Muhl zu. Kaum ist der Bergfalke wieder am Boden, wird er umgedreht, damit die Nase wieder in Richtung Start zeigt. Das Motorflugzeug rollt vor, das Schleppseil wird eingehängt. Muhl hält derweil den linken Bergfalke-Flügel hoch, sprintet sogar noch ein Paar Meter mit, als der Segelflieger schon vom Motorflugzeug gezogen wird.
Wie auf einem Thron
Später, am Ende des Steigflugs bis 1200 Meter Höhe, „merkt man das ruckartige Gefühl, wenn das Schleppseil ausklingt“, beschreibt Franz Aschoff, was er oben in der Luft empfindet. „Die Nase vom Segelflugzeug neigt sich nach unten.“ Zeit zum Aussteigen. Als er auf dem Flügel gesessen habe, sei es ein Gefühl gewesen, als habe er auf einem Thron gesessen. Schoff nennt es „ein Gefühl der Euphorie“.
Doch bei allem Schwärmen und aller Euphorie der Fallschirmspringer: „Ich werde nie aus einem intakten Flugzeug springen“, betont derweil Pilot Oliver Kohler und lacht.
Im Netz
Franz Aschoff hat seinen Sprung aus dem Segelflugzeug gefilmt: https://shorturl.at/HToXA