Neustadt
Mit Sonnenkraft Felder bewässern
Der Feldweg zieht sich. Ein Schlagloch folgt dem nächsten. Links und rechts liegen Weinreben und wild wuchernde Spargelfelder. Gegenüber einem riesigen Erdbeerbeet biegt ein Pfad ein, der zu einem weiteren Acker führt. Ein Blühstreifen versperrt den direkten Blick auf den dahinterliegenden Gemüsegarten. Es sind die Felder der Solidarischen Landwirtschaft Neustadt, kurz SoLaWi.
Die SoLaWi Akazienhof Neustadt wurde 2015 als Verein gegründet. Das Prinzip ist einfach. Menschen betreiben zusammen landwirtschaftlichen Anbau und teilen sich die Ernte. Und das tun sie im Einklang mit der Natur. Alles ist Bio. „Wir sind solidarisch zur Landwirtschaft, zur Natur und zur Gemeinschaft“, sagt Gründungsmitglied Tina Herbring. Momentan zählt der Verein 160 Mitglieder.
Variable Beiträge
Die Anbaufläche gibt 80 sogenannte Ernteanteile her. Ein Anteil reicht für die Versorgung eines Haushalts mit ein bis drei Personen. Die Entscheidung, dabei mitzumachen, treffen die Mitglieder jeweils für ein Jahr. Ein Zyklus startet im März mit Beginn des Anbaus und endet mit der letzten Ernte Ende Februar. Der Durchschnittsbeitrag pro Monat beläuft sich aktuell auf circa 113 Euro. Das variiert von Jahr zu Jahr. „Wir wenden unser solidarisches Prinzip auch auf die Beiträge an und veranstalten ein Bieterverfahren“, erklärt Herbring.
Wer kann, gibt mehr, damit auch Personen mit geringerem Einkommen die Möglichkeit haben, an der SoLaWi teilzunehmen. Das funktioniere bisher ganz gut, so die gelernte Sozialarbeiterin. Zwar habe der Verein zwei Gärtner angestellt, aber viele Tätigkeiten übernehmen die Mitglieder. Jede Woche werden die anfallenden Aufgaben veröffentlich und wer möchte, trägt sich dafür ein. Laut Herbring helfen ungefähr ein Drittel der Mitglieder aktiv mit. Die Ernte werde jeden Donnerstag und Freitag gemeinschaftlich eingefahren.
Um viele verschiedene Gemüsesorten zu ernten, hat der Verein den Acker in kleine Felder aufgeteilt. Zwischendrin verlaufen Blühstreifen für Insekten. „Damit sich der Boden regenerieren kann, wechseln wir ab, was wir wo anpflanzen“, erklärt die Mitgründerin. So werde verhindert, dass immergleiche Pflanzen die immergleichen Nährstoffe aus dem Boden ziehen. Die Blühstreifen hat der Verein bewusst gepflanzt. Zum einen für die Artenvielfalt und zum anderen verlangt es die Stadt als Ausgleich für die mit Gewächstunneln zugestellten Flächen. „Wo biologisch angebaut wird, dort siedeln sich Tiere an“, sagt Uwe Holzer.
Alles Bio
Der studierte Elektroingenieur ist seit drei Jahren Vereinsmitglied. Die Erfahrung, dass das nicht immer ohne Probleme geht, habe die SoLaWi schon gemacht. In den letzten heißen und trockenen Sommern haben Mäuse die Bewässerungsschläuche angebissen. „Mit solchen Zwischenfällen muss man einfach leben“, erklärt Holzer. Das sei eben auch Bio.
Landwirtschaft braucht viel Wasser. Auf dem Acker der SoLaWi befand sich bereits ein 20 Meter tiefer Brunnen. Was anfangs noch per Hand mit der Gießkanne verteilt wurde, übernahm bald eine dieselbetriebene Pumpe. „Ganz traditionell betrieben wir mit Hilfe eines laufenden Traktors die Pumpe, um Wasser aus dem Brunnen entweder direkt auf die Felder zu pumpen oder mittels Beregnungssystem auf die Anbaufläche zu verteilen“, erklärt Holzer. Dabei sei zum einen zu viel Wasser auf die kleinteiligen Flächen gepumpt worden, zum anderen habe der Verein viel Dieseltreibstoff verbraucht.
800 Meter Rohre
Im Frühjahr 2020 habe ein Mitglied die Idee gehabt, die Pumpe mit Solarenergie zu betreiben. Ende 2020 war es soweit. Nach vielen Stunden ehrenamtlichem Engagements, dem Kauf einer Solarpumpe, dem Aufstellen von Solarzellen, der Verkabelung und dem Verlegen von 800 Meter Rohre war die Idee umgesetzt. Über Mitgliedsbeiträge und eine Soziallotterie, die gemeinnützige Projekte unterstützt, habe man das Projekt finanzieren können. Die Solarpumpe kann bis zu 15.000 Liter Wasser pro Stunde transportieren. Insgesamt verfügt die Pumpe über eine Leistung von fünf Kilowatt. Die Solaranlage schafft es auf acht Kilowatt. Dass die Bewässerung jetzt von den Sonnenstunden abhängig ist, macht Holzer wenig Kopfzerbrechen. „Wenn viel Sonne scheint, braucht der Boden viel Wasser, wenn wenig Sonne scheint, braucht der Boden weniger Wasser“, so der Elektroingenieur.
Nicht nur auf die Solarpumpenanlage, sondern auch auf die sparsame Bewässerung sind Holzer und Herbring stolz. In Beeten mit Kürbissen, Gurken und Tomaten verlaufen an den Pflanzen Schläuche, die kleine Löcher haben. So gelangt das Wasser gezielt an die Saat. Im Gegensatz zu der Beregnungsmethode, bei der Wasser zerstäubt und das Gemüse von oben betröpfelt wird, kann beim Tropfschlauch kein Wasser durch Verdunstung verloren gehen. „Wir können diese Art der Bewässerung anwenden, weil wir kleinteiligen Anbau betreiben“, so Herbring. Für Bauern, die großflächige Landwirtschaft betreiben, sei das nicht zu bewerkstelligen. Allerdings sei diese Bewässerung nicht jeder Pflanze Sache. „Karotten, Kohlrabi und anderes Wurzelgemüse mögen lieber beregnet werden“, sagt die Sozialarbeiterin.
Viele Anfragen
Das neue Projekt ist das Erdlager für die Ernte. „Wir haben ein großes Loch im Boden ausgehoben, die Seitenwände gemauert und ein Holzflachdach errichtet“, erklärt Holzer. Der Boden ist die natürliche Erde. So habe der Raum ein optimales Klima zur Aufbewahrung. „Gerade haben wir das Dach mit Erde aufgeschüttet und bepflanzen es“, ergänzt Herbring.
Diese Projekte konnten nur umgesetzt worden, weil sich so viele Mitglieder ehrenamtlich engagieren. „Insgesamt sind wir im letzten Jahr auf rund 5000 ehrenamtliche Helferstunden gekommen“, so Holzer. Es sei eben nicht nur einfach das Einpflanzen und Warten. Bewässerung, Unkraut jäten, die Anlage instandhalten, Lagerungsmöglichkeiten wie den Erdkeller schaffen und und und. Trotzdem gebe es jede Woche Anfragen für Mitgliedschaften. Aber aktuell will die SoLaWi nicht wachsen.
Info
https://solawi.info/