Neustadt Mit Philosophie und Puschelmikro
Deidesheim. In manchen Geschichten liegen Wahrheit und Märchenzauber eng zusammen. So auch bei Alfons und seinem ganz persönlichen Bühnenprogramm „Wiedersehen macht Freunde“. Am Mittwochabend begeisterte der TV-Kultreporter als Gast des „Boulevardtheaters“ über 400 Zuschauer in der Deidesheimer Stadthalle.
Wie er da mit pfiffiger Miene auf die Bühne kommt, so kennt man ihn: erfrischend chaotisch, in unverwüstlicher, orangefarbener Trainingsjacke, die Haartracht zerzaust, der Blick schelmisch-zerstreut, der Zungenschlag exquisit französisch. Große und auch weniger bekannte Städtenamen reihen sich als Stationen seiner Bühnenauftritte aneinander, an diesem Abend also ist es das ihm bislang unbekannte Städtchen Deidesheim. Doch niemand im vollbesetzten Saal bekommt während der folgenden Stunden auch nur einen Moment das Gefühl, dass der Künstler mit dem bürgerlichen Namen Emmanuel Peterfalvi sein Programm in eingefahrener Routine abspulen würde. Im Gegenteil dürfen die Gäste sogleich eine Einmaligkeit für sich verbuchen, stimmen sie doch wegen einer kleinen technischen Bühnenpanne zunächst den vierstimmigen Kanon „Frère Jacques“ an. Musikalische Leitung: Alfons. Wie so vieles an diesem Abend hätte die spontane Musikeinlage noch eine Weile so weitergehen können. Sein Kommentar zum klangvollen Auftakt: „So einen Anfang hatten wir noch nie.“ Sogleich erweist sich der untypische Kabarettist als Meister der Zwischentöne. Über die Bühne schlurfend, wechselt er von ganz Persönlichem hin zu den Abgründen der Weltpolitik. Ob er nun das Land der unbeschränkten Waffenliebe anvisiert oder Frankreichs Atomtestserie auf Mururoa: Seine legere, unverkrampfte Art, die Dinge zu schildern, nimmt ihnen nichts von ihrem dringlichen Ernst, meidet aber jede aufdringliche Belehrung. Das Reißerische, Laute oder Anmaßende ist nicht Alfons’ Sache. Auf scheinbar harmlos-schusselige Art besticht er stattdessen mit subtilem Humor. Dabei agiert er immer wieder spontan im Kontakt mit seinem Publikum. Dessen (Nicht)Reaktionen weiß er gewitzt zu parieren. Bleibt etwa mal eine Antwort aus oder verzögert sich das Gelächter, notiert er vernehmlich: „für Deidesheim zu raffiniert.“ Nach mehrfachen Versicherungen, bald zum eigentlichen Programm zu kommen, beginnt dann seine „wahre“ Geschichte. Wobei man in seinen hin und her springenden Erinnerungen an die Pariser Kindheitsfreunde nie so recht weiß, wo die Grenze zwischen Wahrheit und Phantasie verläuft. Da träumt einer seinem Bubenglück als Fan eines Fußballspielers nach. Dann wieder schildert er so herzergreifend Streit und Trennung der Eltern, dass das ganze Leid einer betroffenen Kinderseele spürbar wird. Manches von dem, was Alfons aus Kinder- und Jugendtagen erzählt, berührt das Publikum mit unmittelbarer Lebensnähe, anderes wiederum klingt nach traumhaftem Märchenzauber. Und immer wieder stellt der Zuschauer fest: Manchmal genügt dem Mann auf der Bühne eine Mimik, ein lautmalerisches Geräusch oder ein nachsinnender Blick, um ohne ein einziges Wort alles auszudrücken. Das gilt natürlich auch für die wunderlichen Fernseh-Interviews mit dem sagenhaften Puschelwindschutz-Mikrofon, dessen Geschichte in „Wiedersehen macht Freunde“ übrigens auch erzählt wird. Filmisch eingeblendete Befragungen, eingeleitet mit „Heute mein Thema...“, sorgen für herzhaftes Gelächter. Mit argloser Miene stellt Straßenreporter Alfons seinen Gesprächspartnern absurde Fragen, die er umständlich von zerfledderten Zetteln abliest. Dann überlässt er die Befragten scheinbar unbeteiligt ihren Äußerungen. Manch bizarre Denkweisen und Standpunkte werden so zutage befördert. Voilà, könnte man Anstoß nehmen, da gibt einer Menschen der Lächerlichkeit preis. Oder so werden Zeitgenossen wie die durch Feld und Flur laufenden Nacktwanderer wortwörtlich bloßgestellt. Aber das wird Alfons’ respektvollem Ansatz nicht gerecht. Dazu besitzt sein Witz zu viel feinen Esprit und zu viel mitmenschliche Freundlichkeit. Vielleicht hat er das in seiner Jugend bei dem Clochard-Philosophen Archimedes gelernt, von dem er so anschaulich erzählt: Man kann mit ernsten Dingen spielen, ohne ihren Ernst zu schmälern. Dazu darf das innere Kind allerdings nicht zu leise werden.