Neustadt
Mit Pfiff: Das „Limes Quintett“ beim Hambacher Musikfest 2026
Mit seinem Bekenntnis zur (gemäßigten) Moderne brachte das Programm viel frischen Wind. Als Genre ist das Bläserquintett deutlich jünger als das Streichquartett und hat sich erst mit der technischen Entwicklung seiner Instrumente verselbstständigt. Bestätigt wird dies durch den Schwerpunkt seines Repertoires auf dem frühen 20. Jahrhundert, das die Formation in ihren heutigen Möglichkeiten etabliert hat.
Der mitteldeutsche Kapellmeister August Klughardt (1847-1902), heute nahezu vergessen, hat hierzu einen der beliebtesten Beiträge gestiftet: sein Quintett C-Dur op. 79, wenige Jahre vor seinem Tod vollendet und reich an Anspielungen auf seine Tätigkeiten als Operndirigent – Allusionen an Richard Wagner und Engelbert Humperdinck, an ein gebildetes Publikum gerichtet. Mit seinem nachdenklichen Beginn erinnert das Werk an die pastoralen Züge im Schaffen Hans Pfitzners. Darin liegt auch seine Schwäche, nämlich, dass es sich einerseits „bürgerlich-klassizistisch“ gibt und seine Energie andererseits in einem „Hühnerhof“ aus stilistischen Allgemeinplätzen und ziseliertem Kontrapunkt verausgabt.
Voller Eleganz und Spielfreude
Dem Limes Quintett bot diese Rarität jedoch den perfekten Introitus in eine Welt voller Eleganz und Spielfreude. Die jungen Musiker sind sich zum ersten Mal bei einem Meisterkurs des Ensemble Modern in Frankfurt begegnet. Der Hornist Thomas Adrian Mittler, der intelligent und humorvoll durch das Programm führte, ist dort seit 2024 sogar fest engagiert, während die anderen Mitglieder in führenden deutschen Orchestern arbeiten. Das zauberhafte Niveau des Limes Quintetts manifestierte sich sofort in lupenreiner Balance und einer erschöpfenden dynamischen Palette, die Klughardts relativ schmucklose Texturen mit Blut und atmender Dichte füllte, bis sich das Finale zu orchestraler Wucht steigerte. Die Resonanz des Ensembles war sowohl im Detail als auch im Gesamtklang sorgfältigst abgewogen – einprägsam etwa in der hochsensiblen Artikulation der Oboistin Luise Pfundstein, deren Instrument auch in den Tiefen gleichsam zart wie Butter mit dem Tutti verschmolz, anderorts mit brillanten Schwellern dominierte.
Für den erkrankten Klarinettisten Thomas Prem war kurzfristig Nemorino Scheliga vom Monet Quintett eingesprungen, ein Virtuose mit makellos nuancierten Registern. Ohne den ausdrücklichen Hinweis hätte man dies „überhört“ – schließlich musizierte die Gruppe vertraut, reif und entfesselt in ihrer Eloquenz wie alte Bekannte.
Der Reiz der Mixturen
Es folgten zwei „Miniaturen“ zur Ergänzung der Bandbreite. Die erste davon brachte die einzige Bearbeitung des Abends, Wolfgang Amadeus Mozarts Andante in F-Dur für eine Orgelwalze KV 616 – eine Liedform, eingerichtet als prächtiger Bläsersatz unter der sanften Führung von Marvin Moch an der Flöte. Den Reiz der Mixturen entfaltete im Anschluss auch Alexander Zemlinskys „Humoreske“ von 1941 – in seiner Heiterkeit ein zwiespältiges Stück Musik – wahrscheinlich war dem in New York exilierten Komponisten, knapp vor seinem Tod, im äußeren Leben weniger zum Scherzen zumute. Eingeleitet durch komplexe „Soggetti“, spricht aus diesen Strukturen ein Maß an Ausweglosigkeit. Ihr nervöses Temperament verwirklichte das Quintett gleichsam wie ein Leib, in organischer Beweglichkeit.
Den Höhepunkt vor der Pause lieferte mit Samuel Barbers „Summer Music“ op. 31 ein Klassiker des Repertoires, eingeleitet durch Duos, in denen die expressiven Höhen des Fagottisten Adrian Hörner das Motto der Hitze wie ein Treibhaus verstärkten. Barber hat den nächsten Schritt in der hohen Schule der Orchestration – ein Echo Igor Strawinskys – an diesem Punkt verdaut. Als Ergebnis wachsen die in ihrer Tonerzeugung an sich heterogenen Timbres zu bis dahin ungenutzten Kombinationen zusammen – etwa in der nahe liegenden Fusion von Flöte und Fagott oder durch Umklappen der Register, indem plötzlich das Horn den Diskant übernimmt und über die Oboe tritt.
Auch Humor im Programm
Den Teil nach der Pause eroberte endgültig der Humor. Als Entdeckung enthüllten sich Jacques Iberts „Trois pièces brèves“ – ausgelassene, vor Fantasie sprühende Aphorismen, die das Tutti zu bunten Emulsionen verdichteten und in polyphonen Faxen zerstreuten. Eins obendrauf setzte zum Abschluss noch das Quintett No. 1 des ausgewiesenen Komikers Jean Françaix – eine Farce wie ein Äquivalent zu jenem Fischblick aus Filmen von Jean-Pierre Jeunet. In diesem tönenden Slapstick durfte nicht zuletzt das Horn kräftig aufs „Gas“ drücken, mit gestopften Trötenklängen und abrupten Farbwechseln.
Auf die eingeschobenen elegischen Bögen des Andantes exponierte das Finale dann noch einmal zahlreiche unbegleitete Soli – beeindruckend in allen Instrumenten, besonders nachhaltig in einem Moment, wo die Flöte aus dem Nachhall des Horns in fast identischer Klangfarbe übernimmt. Auf anhaltenden Applaus endete das Spektakel mit einem Arrangement des Volkslieds „La Cucaracha“ voller Gags, als Zugabe.