Neustadt Mit innerer Ruhe das Ziel im Blick

Die OB-Kandidaten im Wahlkampf (1): Gut die Hälfte seines Lebens hat Marc Weigel Kommunalpolitik gemacht. Jetzt will er in die erste Reihe. Erstmals in der Geschichte von Rheinland-Pfalz hat ein Freier Wähler die reelle Chance, Oberbürgermeister einer kreisfreien Stadt zu werden.
sitzt seit 18 Jahren im Stadtrat von Neustadt. Dass er am 1. Januar 2017 neuer Oberbürgermeister werden will, hängt aber viel mehr mit seinen fünf Jahren als ehrenamtlicher Kulturbeigeordneter zusammen. „Da habe ich gemerkt, wie viel mehr man bewegen kann, wenn man an der anderen Seite der Tische im Ratssaal sitzt“, sagt der Freie Wähler. Im Innenhof des Weingutes Müller-Catoir erzählt Weigel von seinem Einstieg in die Politik. Der 15-jährige Duttweilerer kämpfte damals für den Erhalt des Schwimmbades in dem Weindorf. Schon damals sei es ihm um die Sache gegangen, nicht um Ideologien. Deshalb habe er sich bei den Freien Wählern gleich wohlgefühlt. Gastgeber Philipp Müller-Catoir, ebenfalls ein Freier Wähler, nickt zustimmend. „Uff’n Schoppe mit Marc“ nennt sich die Wahlkampfserie, bei der Weigel eigene Anhänger bittet, ihre Nachbarn zu sich einzuladen. Über 30 Haardter sind der Einladung von Müller-Catoir gefolgt. Weigel schätzt, vielleicht ein Drittel davon zu kennen. Mit der Rundreise durch Neustadt und seine Weindörfer will er Menschen erreichen, die ihn vielleicht auf Anhieb nicht wählen würden, „weil sie mich nicht kennen oder weil sie eher einer Partei als einem Wählerverein wie dem unseren nahe stehen oder weil sie sich nicht für Politik interessieren“. Letzteres will der Sozialkunde-Lehrer, der nicht oberlehrhaft rüberkommt, ändern. Die Zuhörer kommen aus dem Bürgertum, eigentlich klassisches CDU-Wählerpotenzial. Weigel spricht über seine Ideen zur Wirtschaftsförderung, wie er mit einer Stadtentwicklungsgesellschaft das Heft bei der Stadtplanung selbst in die Hand nehmen will, „um nicht von Grundstücksinvestoren vor vollendete Tatsachen gestellt zu werden“. Dass er auf die Bürger zugehen wolle, wenn Kritik an der Stadtverwaltung aufkomme. Den Umgang mit der Umfrage der Industrie- und Handelskammer, bei der Neustadt seit Jahren schlechte Noten für seine Wirtschaftsförderung bekommt, findet er fatal: „Anstatt sich selbst zu hinterfragen, ist auf die Unternehmer geschimpft worden.“ Eines der wenigen Beispiele, in denen Weigel den amtierenden Oberbürgermeister Hans Georg Löffler kritisiert. Über Bürgermeister Ingo Röthlingshöfer, seinen Konkurrenten im Wahlkampf, spricht er nur sehr selten in seinen Ansprachen, meist nur, wenn er direkt darauf angesprochen wird. Nach einer Fragerunde geht der Kandidat von Tisch zu Tisch. Die Bandbreite ist groß: Smalltalk, Diskussionen über Visionen zur Stadtpolitik bis hin zu individuellen Problemen des Bürgers. „Ich will Gespräche mit mir anbieten, mich aber nicht anbiedern“, erklärt Weigel, warum ihm diese Form lieber ist als ein klassischer Haustürwahlkampf. Ortswechsel. Die Freien Wähler haben einen Wahlkampfstand im Sandfeldfeldweg in Branchweiler aufgebaut. Rund 20 Anwohner schauen vorbei, gruppieren sich an zwei Bierbänken um Weigel herum und löchern ihn mit Fragen. Für viele ist es der erste Kontakt mit dem Kandidaten. Die Themen unter anderem: der Zustand des Klemmhofs, der Dreck in der Stadt, verwahrloste Spielplätze, die vielen Baustellen in der Stadt. Der Kandidat kündigt an, einen Verkehrsplaner einzustellen, dessen Aufgabe es auch sei, die Baustellen im Hinblick auf die vereinbarten Bauzeiten besser zu überwachen. Weigel drückt sich vor keiner Antwort, macht Lösungsvorschläge, bezieht aber auch Position. Als ein Bürger ihm vorwirft, die Verwaltungsmitarbeiter nicht mitzunehmen, von Widerständen gegen ihn im Rathaus berichtet, schüttelt er den Kopf und bittet den Bürger, ihm Ross und Reiter zu nennen. Als der Mann dann sogar Namen und Abteilung seiner Quelle nennt, sagt Weigel, dass ihn die Aussage nicht überrasche. Es gebe eben auch Bereiche im Rathaus, in denen er Veränderungen offensiv angehen werde, weil es dort dringend erforderlich sei. Noch ein Ortswechsel. Rund 1600 Jungwähler dürfen das erste Mal ihr Kreuz machen. Weigel hat sie an einem Samstagabend in die Open-Air-Diskothek Suite eingeladen. Ein langer Abend. In den fünf Stunden kommen rund 300 neugierige Jugendliche vorbei. Das ist kein Ambiente für große Reden. In Gruppen stehen die Jugendlichen zusammen. Weigel stellt sich vor und kommt sofort ins Gespräch. Die Themen sind andere. Schnelles Internet, selbstfahrende Autos und die Busverbindungen in den Abend- und Nachtstunden werden diskutiert. Als Lehrer hat Weigel gegenüber seinen Konkurrenten eine Art Wettbewerbsvorteil. Er ist aus dem Schulalltag nah dran an den Sorgen der Jugend. Er findet den richtigen Ton. Und es ist zu spüren, dass er seinen Beruf gerne macht. Warum will er ihn aufgeben? „Beides übt einen großen Reiz auf mich aus“, sagt er gelassen. Diese Einstellung scheint ihm eine innere Ruhe im Wahlkampf zu geben: „Wenn es nicht klappt, werde ich am 25. September auch mit Freude in die Schule gehen.“ Wenn es klappt, gibt es kein Zurück. Im Gegensatz zu Landtags- oder Bundestagsabgeordneten kann ein Kommunalbeamter sich nicht für die Amtszeit von acht Jahren beurlauben lassen. Planstelle und Lebenszeitbeamtung wären weg. Wobei Weigel betont: „Ich bin 38 und möchte mindestens zwei Wahlperioden Oberbürgermeister sein.“ Ihm sei es wichtig, nach acht Jahren die Rückmeldung zu bekommen, ob der Bürger mit ihm zufrieden sei. Eine Frage, die viele Bürger Weigel stellen: Wie will er eigentlich als Oberbürgermeister gegen die Mehrheit von CDU, FDP und Grünen im Stadtrat Politik machen? „In dem ich auf die Menschen zugehe“, sagt er entspannt. SPD-Landrätin Theresia Riedmaier im Kreis Südliche Weinstraße sei 16 Jahre erfolgreich gewesen, ohne eine Mehrheit ihrer Partei hinter sich zu haben. Und außerdem seien ja bereits im Frühjahr 2019 Kommunalwahlen. Da steht einer, der sich keinen Druck macht. Mit wenig Ehrgeiz hat das nichts zu. Als 2014 der damalige Koalitionspartner CDU die Freien Wähler aufforderte, keinen Kandidaten für die OB-Wahl zu nominieren, war das für Weigel inakzeptabel. Zielstrebig hat er nach seinem Ausscheiden aus dem Stadtvorstand auf die Kandidatur hingearbeitet. Und Weigel denkt schon an den Tag nach der Wahl. Als vor zwei Wochen Markus Penn von der FDP in den Stadtvorstand gewählt wurde, bekam er auch die Stimmen der FWG-Fraktion. „Wir haben uns mit Markus Penn getroffen und waren anschließend der Meinung, ihm eine Chance geben zu wollen“, begründet Weigel. Politik sei für ihn viel zu sehr von Ritualen geprägt. Inhalte seien aber doch wichtiger als Posten, Personen und Ideologien. „Denn es geht um Neustadt“, zitiert er sein eigenes Wahlplakat. So wie es vor 23 Jahren um das Schwimmbad in Duttweiler ging.