Neustadt Mit dem Rucksack unterwegs in Hitlers Deutschland

Neustadt. In seiner britischen Heimat ist Patrick Leigh Fermor ein Großer; hierzulande jedoch entdeckte man ihn erst nach der Jahrtausendwende, als seine Werke, darunter 2005 „Zeit der Gaben“, endlich auf Deutsch erschienen. Und natürlich weckt jedes seiner Bücher den „Nichts wie weg“-Impuls.
Patrick Leigh Fermor war 18 Jahre alt, als er sich entschloss, „wie ein Landstreicher“ aus England wegzugehen. Wir schreiben das Jahr 1933, es ist Dezember, und in Deutschland schickt sich ein kreischender kleiner Mann gerade dazu an, das alte Europa unwiederbringlich zu zerstören. „Die Zeit der Gaben“, der erste Teil von Leigh Fermors Bericht über seinen großen Trip, gewährt einen Blick zurück auf ein untergegangenes Deutschland. Der 18-Jährige wusste nur, was er nicht wollte, als er sich mit Horaz, Notizbüchern und ein paar Empfehlungsbriefen im Rucksack auf den Weg machte. Zuvor war der wissbegierige, aber rebellische Teenager von allen Schulen geflogen und hatte eine Offizierslaufbahn abgebrochen. Von dieser ersten Wanderkur ist er eigentlich nie zurückgekehrt. Leigh Fermor entwickelte sich nicht nur zum berühmtesten Reiseschriftsteller seiner Zeit, sondern wurde zur epischen Figur, zu einer, so britische Journalisten, Mischung aus „Indiana Jones, James Bond und Graham Greene“. Er war bereits ein hochgeehrter Autor und Kriegsheld, als er 1977 in seiner Wahlheimat Griechenland den ersten Teil seiner Wanderung niederschrieb. Sie endet in der Slowakei an der Grenze zu Ungarn. Seins Schreibstil ist eine hinreißende Mischung aus jugendlicher Sensibilität und Begeisterung und nie nachlassender Neugier, die von klassischer Bildung gespeist wird. Auf seinen Wanderungen durch den Schwarzwald singt er lauthals, doch niemand nimmt Anstoß, denn „Gesang ist in Deutschland allgegenwärtig“. Wenn er dagegen Gedichte deklamiert, erntet er peinlich berührte Blicke. Viele Orte erscheinen ihm wie Inseln der Glückseligen; er entdeckt das Deutschland der Butzenscheiben, des Händedrucks, der Bratkartoffeln mit Speck, der Maggi-Flaschen auf dem Tisch. Moselwein ist ihm lieber als Bier, und er scheint die Donau dem Rhein vorzuziehen. Silvester erlebt er in Heidelberg, und bei Sonnenuntergang erstrecken sich in der Ferne „wie Wellen die Hügel der Haardt und des Pfälzerwaldes“. Doch er registriert im ersten Jahr von Hitlers Reichskanzlerschaft auch überall SA-Männer, die ihm ebenso bedrohlich wie grotesk erscheinen; den Hitlergruß bezeichnet er als „tic douloureux“. Seine Gastgeber betrachten die Nazis meist halb ängstlich, halb abschätzig. In Österreich erlebt er blutige Unruhen, doch das interessiert den politisch unbeleckten Wandervogel weniger als die Frage, wie er etwas zu essen findet, nachdem die erwarteten Pfundnoten aus der Heimat nicht eingetroffen ist. Das Fernweh hat Patrick Leigh Fermor nie losgelassen; später bereiste er etwa auch die Karibik und die Anden. Die ersten beiden Bände seines Trips durch Mitteleuropa und den Balkan, „Die Zeit der Gaben“ und „Zwischen Wasser und Wäldern“ veröffentlichte er 1977 und 1986. Erst kurz vor seinem Tod vollendete er den dritten Teil „Die unterbrochene Reise. Zu Fuß nach Konstantinopel. Vom Eisernen Tor zum Berg Athos“. Lesezeichen Patrick Leigh Fermor: Die Zeit der Gaben. Fischer Taschenbuch, Frankfurt am Main, 5. Auflage 2016, 416 Seiten, 19,90 Euro.