Neustadt RHEINPFALZ Plus Artikel Mit 49 Jahren wird ein Traum war: Endlich Erzieherin!

Projektarbeit im Kinderhort Wallgasse: Azubi Inge Kohlmaier.
Projektarbeit im Kinderhort Wallgasse: Azubi Inge Kohlmaier.

Spät, aber nicht zu spät hat sich Inge Kohlmaier einen Traum erfüllt: 2022 schließt die 49-Jährige ihre Ausbildung zur Erzieherin ab. Von ihrer Lebenserfahrung profitieren auch die Kinder, mit denen sie in Projekten arbeitet.

„Jetzt oder nie“, sagte sich Inge Kohlmaier, als ihre beiden Töchter aus dem Gröbsten raus waren. Weil diese bald ganz auf eigenen Beinen stehen werden, hat sich ihre Mutter vor zwei Jahren einen alten Traum erfüllt und eine Ausbildung zur Erzieherin begonnen. Ihr Arbeitsplatz ist derzeit im städtischen Kinderhort in der Wallgasse. Im Juli wird sie ihre Ausbildung abgeschlossen haben.

Zunächst Kinderpflegerin

Mit Kindern umzugehen, dafür hatte die Maikammerin schon immer ein Faible. Als Jugendliche war sie eine gefragte Babysitterin, Mitte der 1990er-Jahre ließ sie sich zur Kinderpflegerin ausbilden, was der heutigen Sozialassistentin entspricht. Seit 25 Jahren ist sie als solche für die Stadtverwaltung Neustadt im Einsatz.

Ein Beruf, „der mir viel Spaß gemacht hat“, bei der ihr aber der erzieherische Aspekt gefehlt habe. Als die Zeit reif war, informierte sich Inge Kohlmaier deshalb über Ausbildungsmöglichkeiten. Die ideale Lösung: eine Ausbildung mit drei Praxistagen in Neustadter Einrichtungen und zwei Schultagen an der Berufsbildenden Schule (BBS) Südliche Weinstraße am Standort Edenkoben. Die Stadtverwaltung unterstützte ihren Plan, sich auf der Grundlage ihres bisherigen Berufs neu zu orientieren. Hemmungen hatte sie nur wegen ihres Alters. Die damals 47-Jährige befürchtete, die weitaus Älteste in der Klasse zu sein. Eine Angst, die sich als unbegründet erwies, war sie doch nicht die einzige Späteinsteigerin.

Nur der Mensch zählt

Die Ausbildung mitten in der Pandemie sei nicht immer einfach gewesen, sagt Inge Kohlmaier. Homeschooling habe den direkten Austausch mit Ausbildern und Kolleginnen stark eingeschränkt. Alleine zu lernen, sei zeitintensiv gewesen.

Leitspruch ihrer Arbeit war und ist: „Es zählt nur der Mensch.“ Sie sei fasziniert von der Entwicklung jedes Kindes, das sich auf seine eigene Weise, in seinem eigenen Tempo zu einer einzigartigen Persönlichkeit entwickle. „Ich nehme jedes Kind, wie es ist, und versuche, es weiter voranzubringen.“ Die erste Station ihrer Ausbildung war die Kindertagesstätte in der Landwehrstraße, dann die dort angesiedelte Kinderkrippe. Aktuell arbeitet sie im Hort in der Wallgasse. Sie kennt den Kinderhort, weil sie dort schon als Sozialassistentin ausgeholfen hatte.

Vorfahrt für Kreativität

„Es ist eine sehr schöne Einrichtung, denn die Kinder fordern einen immer wieder heraus, gemeinsam Lösungen zu finden“, sagt Kohlmaier. Darauf basiert ihr aktuelles Projekt, das sich auf Beobachtung und Kreativität stützt. Kohlmaier sprach Kinder der ersten und zweiten Klasse an, ob sie über längere Zeit einmal wöchentlich an einem Kunstprojekt teilnehmen möchten. Vier Mädchen und zwei Jungen wollten das.

Kohlmaier entwarf Eintrittskarten, die bei jedem Treffen vorgezeigt und abgestempelt werden. Die Gruppe diskutierte und klärte zunächst, welche Themen mit welchen künstlerischen Formen bearbeitet werden sollen. Demokratisch festgelegt wurde auch die Reihenfolge der Themen, alles unter Moderation der angehenden Erzieherin. So entstanden Fensterbilder mit den Themen Natur, Jahreszeiten, Traumfänger, Taschen, Wichtelfiguren und anderes mehr.

Mit echten Hufeisen

Mit den Traumfängern startete die Gruppe in ihr erstes Projekt. Dabei wurden Hufeisen verwendet, die der Reitclub dem Kinderhort überlassen hatte – für die Kinder eine Besonderheit, waren es doch echte Hufeisen und keine nachgemachten aus dem Bastelladen. „Ich habe natürlich eine Vorstellung, wie Traumfänger auszusehen haben“, sagt Kohlmaier. Die Kunst sei es jedoch zuzulassen, dass die Kinder ihre eigenen Vorstellungen umsetzen, ohne korrigierend, wertend oder kritisierend einzugreifen. Diese zum Teil ungewohnte Freiheit habe sich auch positiv auf die Gruppengemeinschaft ausgewirkt.

Das Kohlmaiersche Kreativitätsprojekt wurde zur Erfolgsgeschichte: Jetzt wollen auch andere Kinder aus dem Hort mitmachen, weshalb es erweitert und fortgesetzt wird. Wo es nach der Ausbildung für die 49-Jährige weitergeht, weiß sie noch nicht. Aber Inge Kohlmaier ist zuversichtlich, eine gute Stelle zu bekommen. Nicht nur, weil die Nachfrage an Erzieherinnen groß ist, sondern weil sie jetzt endlich in dem Beruf ankommt, den sie sich seit vielen Jahren erträumt hat.

Zur Sache: Kita-Personal

Dass Frauen vom Fach wie Inge Kohlmaier eine Ausbildung zur Erzieherin starten, ist ganz im Sinn der Neustadter Stadtverwaltung. Auch sie ist dauerhaft auf der Suche nach Kita-Personal, wie in der jüngsten Stadtratssitzung dargelegt wurde. Anlass war eine Anfrage der CDU, weil in der Kita Pestalozzistraße in Lachen-Speyerdorf drei Stellen nicht besetzt waren.

In den 16 städtischen Kitas waren Anfang April zwölf Vollzeitstellen von 168,25 offen, was einer Quote von sieben Prozent entsprach. Um aufgrund der Fluktuation Stellen besetzen zu können, läuft eine Dauerausschreibung für Erzieherinnen und Sozialassistenzen. Von den Sozialassistenzen, früher Kinderpflegerinnen, lassen sich aktuell 17 zur Erzieherin ausbilden. Zudem gibt es laut Verwaltung einen Pool für Nichtfachkräfte, die bei Bedarf einspringen können. Dieser zählt derzeit acht Kräfte, von denen Anfang April fünf im Einsatz waren.

Um der landesweiten Mangelverwaltung beim Kita-Personal beizukommen, sollten Land und Kommunen gemeinsam handeln, hieß es. Eine Möglichkeit: die Attraktivität des kommunalen Arbeitgebers zu erhöhen.

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