Neustadt Michael III. zeigt sich von der besten Seite

Ein großes Publikum erwies am Pfingstsonntag beim Heimatabend im Hof der Grundschule Lambrecht dem einzigartigen Brauchtum der Geißbock-Lieferung seine Reverenz. Bis zur Aufführung des Volksstücks „Eine Geißbocklieferung mit Hindernissen“ hatte der Musikverein Esthal mit Pauken und Trompeten tüchtig eingeheizt. Auch der 613. Tributbock Michael III. trotzte mit seinem Kurzhaarschnitt den Windböen bei der Übergabe an das frisch vermählte Brautpaar Kathrin Weisbrodt/Michael Mansmann.
Das Brautpaar begleitet den rassigen Toggenburger Geißbock zur heutigen Versteigerung nach Deidesheim. Abmarsch ist um 5.30 Uhr vom Friedrich-Ebert-Platz in Lambrecht. Die Versteigerung vor dem historischen Deidesheimer Rathaus mit dem Auktionator Markus Wahl, der den erkrankten Werner Leim vertritt, beginnt um 17.45 Uhr. Pünktlich um 18 Uhr bekommt der Meistbietende den Zuschlag. Mit dem seit 1404 dokumentierten Brauchtum um Weiderechte und Bocklieferung machte Lambrechts Bürgermeister Karl-Günter Müller die Besucher vertraut. Seit 1981 trägt der jeweilige Tributbock den Namen des Bräutigams, der ihn führt. Bock Michael III. zeigte sich am Sonntag von seiner besten Seite, manchmal auch mit dem Hinterteil. Die Deidesheimer Delegation konnte sich augenscheinlich von den Voraussetzungen des Bocks für eine gute Zucht überzeugen. Die erforderlichen Merkmale „gut gehörnt und gut gebeutelt“ waren auch bedeutend in dem amüsanten Volksstück „Eine Geißbocklieferung mit Hindernissen“, das der Autor Luitpold Seelmann erfunden hat. Es spielt am Stammtisch eines Lambrechter Wirtshauses. Bei einem Disput um die von der EU beschlossene Lambrechter Teilung, die künftig von Franzosen und Italienern regiert werden soll, nickt Lambrechts Bürgermeister Sepp Kölsch (alias Verbandsbürgermeister Manfred Kirr) ein. Ihm träumt, dass eine Lambrechter und Deidesheimer Delegation sich aufmacht nach Rom, um gegen die Teilung zu protestieren. Denn die Tributbocklieferung ist gefährdet. Einerseits, weil die Lambrechter einen Bock durch den Zoll nach Deidesheim bringen müssen und andererseits auch kein adäquates Tier haben. Ende gut, alles gut: Eine Szene spielt in der römischen Palastkulisse, die Ute Hinrichs gestaltet hat. Die französische Innenministerin beschafft einen Geißbock aus Korsika und garantiert damit das Brauchtum. Das Publikum war hell begeistert von der neuen, gekürzten Aufführung des Theaterstücks, das der Regisseur Günter Lauer mit deftigen Dialogen inszeniert hat. Wie es neuerdings Brauch ist, gratulierte Müller den Jubelpaaren, unter anderem Hildegard und Robert Sauer sowie Ruth und Heinz Bundenthal, die vor 60 und 50 Jahren einen Tributbock nach Deidesheim brachten. (awk)