Neustadt
Meistersinger: Die Entscheidung ist spannend bis zum Schluss
Quirliges Treiben und Gute-Laune-Musik zum Auftakt: Mit einem Schlag lernt das Publikum mit einer Ensemble-Szene aus Mozarts Oper „Don Giovanni“ sämtliche Meistersinger kennen, insgesamt zehn an der Zahl, acht Damen und zwei Herren. Die aus Hamburg stammende Mezzosopranistin Gwendolyn Döring und der südkoreanische Bariton Younjjn Ko wagen den Sprung in kalte Wasser und erproben sich, begleitet von allen anderen Teilnehmern, im Duett.
Was für ein wunderschöner Anblick: Lauter junge Menschen, die ihre Leidenschaft für die Musik teilen und dafür tapfer bei brütender Hitze den zehntägigen Probenmarathon im Mußbacher Herrenhof absolvierten, um die Anweisungen von Claudia Eder in wunderbaren Klang zu verwandeln. Eine Mozartiana war es, die den ersten Programmteil des Abends mit Auszügen auch aus „Die Hochzeit des Figaro“, „Die Entführung aus dem Serail“, „Così fan tutte“ und „Die Zauberflöte“ definierte.
Der Jahrgang 2022 überzeugte fast durchgängig
Mit der Arie der Zerlina „Vedrai Carino“ durfte Gwendolyn Döring als erste Interpretin solistische Qualitäten unter Beweis stellen, bevor Yuuki Tamai den Aufmarsch der Koloratursoprane einleitete. Um eine grundsätzliche Beobachtung vorwegzunehmen: Bereits im Vorfeld hatte Claudia Eder im persönlichen Gespräch erklärt, dass in diesem Jahr gegenüber dem in früheren Auflagen deutlich kleineren Teilnehmerfeld keinerlei Schwachstellen festzustellen seien. Und sie sollte recht behalten: Zumindest unter den sieben Koloratursopranen, die als traditionell wichtigste Stimmlage die Geschichte des Neustadter Meistersingerkurses seit jeher dominieren, waren kaum Unterschiede bezüglich der Qualität feststellbar. Und so entwickelte sich das gesamte Wettbewerbskonzert zu einem spannenden Kopf-an-Kopf-Rennen, bei dem das ganze Mitleid der Jury und dem Publikum galt, die am Ende die Qual der Wahl hatten.
So setzte die Japanerin Yuuki Tamai mit der Arie der Donna Anna aus „Don Giovanni“ mit ihrem klangschönen und in allen Registern herrlich ausgewogenen Sopran die Messlatte gleich zu Beginn unglaublich hoch, bevor Hanna Kim Koo mit der Bravourarie „Come scoglio“ aus „Così fan tutte“ der Konkurrenz das Fürchten lehrte. Auch wenn sich die von Anfang an als Favoritin gehandelte Südkoreanerin am Ende mit dem zweiten Platz begnügen musste, darf man ihr eine große Zukunft vorhersagen. Wie sie mit schlafwandlerischer Sicherheit die höchsten Töne kristallklar glitzernd vom Himmel holt und gleichzeitig mit ihrem schönen Timbre an der genialen Mozart-Arie demonstriert, dass sich Koloraturen nicht immer nur im Spitzentonbereich abspielen müssen – das alles gerät zu einer meisterlichen Lehrstunde in Sachen Stimmkultur.
„Oh zittre nicht, mein lieber Sohn“ heißt es in der berühmten Arie der „Königin der Nacht“. Zitterfrei und absolut höhensicher bewältigte Luzie Franke die berühmteste Koloraturarie der Musikgeschichte. Erika Köth, die Gründerin und langjährige Leiterin des Meistersingerkurses, hat sie in ihrer Karriere 270 Mal gesungen. Hut ab vor dem Mut der jungen Stuttgarterin, die nicht als einzige im Kurs bereits ein abgeschlossenes Bachelor- und Masterstudium in der Tasche hat. Noch nicht ansatzweise der deutschen Sprache mächtig ist der erst vor wenigen Wochen in Deutschland eingetroffene einzige Tenor des Kurses, der Südkoreaner Mingeun Kim. Kaum versteht man den Text seiner vorgetragenen Arie „Frisch zum Kampfe“ aus der „Entführung aus dem Serail“ und doch spürt man, dass da stimmlich noch ganz viel Luft nach oben ist. Wir drücken dem sympathischen jungen Tenor, der sich momentan auf die Aufnahmeprüfung für ein Musikstudium in Deutschland vorbereitet, jedenfalls ganz fest die Daumen.
Das große Rätsel des Abends
Ihre Wut auf Don Giovanni, dem vermeintlichen Mörder ihres Vater, lässt die südkoreanische Sopranistin Hwakyung Lee in der Rolle der Donna Anna stimmgewaltig aus. Das intensive Studium bei Eder in Mainz hat offensichtlich Spuren hinterlassen: Es ist die Begegnung mit einem stimmlichen Vulkan mit einer geradezu explosiven Strahlkraft in der Höhe.
Bereits im Verlauf der Mozart-Runde durfte sich die Siegerin des Abends vorstellen, zunächst nicht als Solistin, sondern im Duett mit der deutschen Sopranistin Sonja Doniat. Den Namen Daria Tymoshenko wird man sich merken müssen. Im März ist sie von der Ukraine nach Deutschland geflüchtet und hat jüngst die Aufnahmeprüfung für ihr Masterstudium bestanden. Im Duett „Canzonetta sull’Aria“ aus der „Hochzeit des Figaro“ vermittelt sie einen ersten Eindruck von ihrem umwerfenden Charme und ihrer faszinierenden Bühnenpräsenz, bevor sie später solistisch glänzen wird und während der Beratungspause der Jury mit Moderator Markus Hofmann ein Interview auf Deutsch führt, ungeachtet dessen sie vor wenigen Monaten noch kein Wort konnte.
Blitzsauberen Hörgenuss bereitete ihre russische Konkurrentin Dina Livat zusammen mit dem Bariton Younjin Ko. Zusammen mit Bariton Younjin Ko servierte sie dahinschmelzend schön mit „Reich mir die Hand“ aus „Don Giovanni“ das berühmteste Liebesduett der Operngeschichte. Dass der Südkoreaner mit der sonoren Stimme am Ende überraschenderweise nicht weiter oben landete, bleibt das große Rätsel des Abends. Er, der zunächst mit der Champagnerarie aus „Don Giovanni“, später mit der achtminütigen Szene des Marquis von Posa aus Verdis „Don Carlos“ mit riesigem Atem die größten Kraftakte des Abends meisterte und das Publikum beide Male zu lautstarken Begeisterungsstürmen hinriss, musste sich am Ende mit Platz fünf begnügen.
Aber, wie gesagt, die Hauptaufmerksamkeit galt auch diesmal wieder den hohen Stimmen und daran änderte sich auch in der zweiten Programmhälfte, die sich ganz der schönen Welt des Belcanto widmete, nichts. Deren Schöpfer stammen ja bekanntermaßen hauptsächlich aus Italien. Aber Ausnahmen bestätigen die Regel, und so waren es Auszüge aus Opern von Léo Delibes und Antonin Dvorak, die den bunten Opernreigen eröffneten. Ein wunderschöner Einstieg gelang Luzie Franke und Hanna Kim Koo mit dem legendären „Blumenduett“ aus „Lakmé“ von Delibes – zwei Nachtigallstimmen, die sich gesucht und gefunden haben und die Mutter aller Neustadter Meistersinger-Duette ungemein klangschön zum Erblühen brachten. Ganz romantisch-gefühlvoll und stimmgewaltig in der Höhe agierte Sonja Doniat als Rusalka in der Arie „Lied an den Mond“ aus der gleichnamigen Oper von Dvorak.
Den Ausflug in die Welt der italienischen Oper mit ihren großen Matadoren Rossini, Verdi, Donizetti und Puccini eröffnete Daria Tymoshenko mit der hochvirtuosen Wiedergabe der Cavatine der Ninetta aus „Die diebische Elster“ von Rossini. Im Duell mit Dina Levit, die in der Arie „Di piacer mi balza il cor“ aus „Don Pasquale“ von Donizetti sich als herrlich kokette Norita präsentierte, behielt sie am Ende die Oberhand und landete ganz oben auf dem Siegertreppchen. Aber wer möchte denn angesichts dieser wunderbaren Veranstaltung im Zeichen der Völkerverständigung von Sieg oder Niederlage sprechen?
Bei der Siegerin sind sich Publikum und Jury einig
Mehr Operette bitte! Während sich die Jury zur Beratung zurückzog, ging’s weiter mit einem Ausflug in die Leichte Muse mit den beliebtesten Schlagern von Franz Lehár und Johann Strauss. Für die Meistersinger eine schöne Gelegenheit, sich nach den anstrengenden Auftritten solistisch, im Duett oder im großen Ensemble zu entspannen, während sich die Jury zur Beratung zurückzog und das Publikum noch mal per Video im Schnelldurchlauf die einzelnen Interpreten an sich vorbeiziehen ließ.
Und wieder war sich das Publikum mit der Jury einig und kürte Daria Tymoshenko zur Siegerin. Über den zweiten Platz freute sich Hanna Kim Koo, während Hwankyung Lee auf dem dritten landete. Ein passendes Geschenk an die Gastgeber und das Publikum von der Weinstraße überreichten die Meistersinger mit dem Ensemble-Evergreen „Im Feuersturm der Reben“ aus der Operette die „Fledermaus“. Last but not least: großes Lob an die beiden Korrepetitoren am Klavier Seung-Jo Cha und Hedayet Djeddikar, die mit ihrer einfühlsamen Begleitung erheblich zum hohen Niveau des Konzerts beitrugen.