Neustadt RHEINPFALZ Plus Artikel Meisterkurs für Gesang: Das große Aufatmen

Probenarbeit im Salon der Parkvilla im Herrenhof mit Claudia Eder, Pianistin Seung-Jo Cha, Luzie Franke und Hanna Kim Koo.
Probenarbeit im Salon der Parkvilla im Herrenhof mit Claudia Eder, Pianistin Seung-Jo Cha, Luzie Franke und Hanna Kim Koo.

Befreites Aufatmen nach zweijähriger Coronapause: Endlich darf im Herrenhof Mußbach unter den Fittichen von Claudia Eder wieder fleißig geübt und geprobt werden. Anfang der Woche sind die Teilnehmer des Meisterkurses für Gesang in Neustadt eingetroffen und fiebern nun dem großen Wettbewerbskonzert am Freitag, 26. August, um 19 Uhr im Saalbau Neustadt entgegen.

„Lippen schweigen, flüstern Geigen, hab mich lieb“, ertönt es ganz romantisch aus dem Salon des Herrenhofs Mußbach, dem Hauptprobenort der Meisterkurses. Claudia Eder aus Mainz gibt Tipps, wie’s richtig klingen soll. Die Hälfte der diesjährigen Kursteilnehmerinnen und Teilnehmer kommt aus Südkorea, darunter der Tenor Kim Mingeun. Mit ihm arbeitet sie ganz besonders akribisch an Aussprache, Artikulation und Akzentuierung. Dabei wird sehr viel gelacht. „Was heißt Übertreibung auf koreanisch?“, will sie wissen und zwingt ihm zur steten Wiederholung, bis jeder Buchstabe und jeder Ton an der richtigen Stelle sitzt. Als Belohnung darf er seine Duett-Partnerin Hanna Kim Koo zum Tanz auffordern und mit ihr übers Parkett wirbeln.

Die Altersgrenze zur Teilnahme liegt bei 32 Jahren. So zählt die 31-jährige temperamentvolle Südkoreanerin Hanna Kim Koo eher zu den älteren Sängerinnen. Gerade hat sie in Frankfurt ihr Masterstudium absolviert und macht nun in Mainz ihr Konzertexamen. Die gute Ausbildung hat sich offensichtlich bezahlt gemacht: Groß und klangschön präsentiert sie ihren strahlenden, sich mühelos in die Höhe schraubenden Sopran während des Unterrichts – nicht nur im besagten Evergreen aus der Lehár-Operette „Die lustige Witwe“, sondern ebenso im berühmten Blumenduett von Leo Delibes aus der Oper „Lakmé“. Auf die Frage, warum es so viele südkoreanische Sänger nach Deutschland zieht, findet sie eine klare Antwort: Im Gegensatz zu Südkorea, wo klassische Musik nur zu ausgewählten festlichen Anlässen erklingt, sei sie in Deutschland allgegenwärtig.

Ohrwurm der Königin der Nacht

„Und ihr wollt das wirklich für das Wettbewerbskonzert singen“, fragt Eder mit skeptischer Stimme die beiden jungen Damen hinsichtlich des technisch und musikalisch nicht ganz einfach zu meisternden Blumenduetts. Aber Hanna Kim Koo und ihre Partnerin Luzie Franke aus Stuttgart sind wild entschlossen, handelt es sich doch dabei immerhin um das Lieblingsstück des ehemaligen, inzwischen verstorbenen Vorsitzenden des Förderkreises Hans Morawietz – ein Ohrwurm, der in all den Jahren fast zu einer Erkennungsmelodie des seinerzeit von dem deutschen „Königin der Nacht“-Star Erika Köth gegründeten Meisterkurs avanciert ist.

Also, an die Arbeit: „Nicht den Hals zu machen und die Körperspannung verzichten, nur weil man leise singen will“, fordert sie von den beiden hohen Frauenstimmen und wünscht sich dabei gleichzeitig ein kleines Crescendo, also ein leichtes Forcieren der Lautstärke. Hanna Kim Koo und Kim Mingeun schwärmen im Pausengespräch von ihrer unendlichen Geduld und rühmen beide ihre Fähigkeit, auf dem Weg zur Perfektion nicht locker zu lassen. Auch Luzie Franke schätzt die intensive Probenarbeit im Herrenhof: „Bei ihr lernt man jeden Tag etwas Neues und erzielt rasch Fortschritte“, schwärmt die Stuttgarterin. Übers Internet sei sie auf den Neustadter Meisterkurskurs gestoßen und habe sich spontan zu einer Bewerbung entschlossen. Auch sie hat bereits einen Bachelor- und Master-Studiengang absolviert. Am Herrenhof schätzt sie die wunderbare Kulisse, „wo in allen Ecken die Kunst atmet und man ständig zum Betrachten und Staunen animiert wird“.

Glücksgriff für Neustadt

Als ein „Qualitätssiegel“ und als „Glücksgriff für Neustadt“ bezeichnete Hans-Georg Hoffmann, der aktuelle Vorsitzende des Förderkreises, beim offiziellen Meisterkursempfang in der Villa Böhm die seit nunmehr über 20 Jahren als vielbewunderte Meisterkurs-Leiterin wirkende Claudia Eder. Unter ihrer Ära sei der Neustadter Meisterkurs längst zu einem kulturellen Aushängeschild von Neustadt geworden, betonte Oberbürgermeister Marc Weigel.

Einmal mehr gerät die 36. Auflage des beliebten Klassik-Events zum Aufmarsch der hohen Stimmen, darunter sechs Soprane und ein Mezzo-Sopran. „Der große Zuspruch, den der Meistersingerkurs in den Jahren vor Corona verzeichnen durfte, muss erst wieder mühsam erkämpft werden“, betont Weigel mit Blick auf das vergleichsweise kleine Teilnehmerfeld. Als zwar klein, aber qualitativ sehr hochwertig bezeichnet Eder ihre diesjährige Meisterklasse. „Es gibt keine Schwachstellen“, sagt sie – man darf also schon jetzt auf ein vielversprechendes Wettbewerbskonzert hoffen. Zu den Hoffnungsträgerinnen zählt sicherlich die Sopranistin Dina Levit aus Russland, die bereits zum zweiten Mal am Kurs teilnimmt. Sie ist wie die meisten ihrer Mitstreiter Preisträgerin zahlreicher Wettbewerbe und studierte von 2019 bis 2021 an der Hochschule für Musik in Mainz das Fach Oper in der Klasse von Claudia Eder.

Sängerin aus der Ukraine an Bord

Mit der Koloratursopranisten Daria Tymoshenko befindet sich nicht zuletzt aufgrund der Unterstützung durch die Familie Morawietz eine Sängerin aus der Ukraine in der Meisterkursklasse – so setzen die Veranstalter in schweren Zeiten ein schönes Signal über alle politischen und kulturellen Grenzen hinweg. Das Schicksal von Daria ist typisch für die derzeitige Situation junger Künstler aus der Ukraine: Zu Beginn des Krieges musste sie ihr Land verlassen und landete Ende März in Frankfurt, wo sie als Gaststudentin aufgenommen wurde. Mittlerweile hat sie die Aufnahmeprüfung für ein Masterstudium bestanden.

Als Korrepetitoren am Klavier konnten wieder Seung-Jo Cha und Hedayet Djerdikar gewonnen werden. Zusammen mit Claudia Eder bilden sie seit vielen Jahren ein harmonisches Team, das nicht nur die Meisterschüler am Klavier begleitet, sondern auch in der musikalischen Arbeit viele hilfreiche Tipps zu geben vermag.

Auch wieder ein Publikumspreis

Wie in den vergangenen Auflagen werden nach dem von Markus Hofmann vom RNF-Fernsehen moderierten Konzert wieder mehrere Geldpreise in den verschiedenen Kategorien verliehen. Die Entscheidung für die schönste Stimme des Abends fällen übrigens nicht nur die Musikexperten der hochkarätigen fünfköpfigen Jury, sondern auch die Konzertbesucher, die per Stimmzettel den begehrten Publikumspreis ausloben.

Karten

Karten gibt es im Vorverkauf bei der TKS Neustadt (Telefon 06321 92680), beim Media-Markt, der RHEINPFALZ und bei den Mitgliedern des Förderkreises, außerdem an der Abendkasse.

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