Neustadt Mehr Platz, bessere Technik, neue Nutzer

«Neustadt». Die Neustadter Stadtbücherei will kräftig investieren und verstärkt auf Zielgruppen zugehen, die sie bislang nur schwer erreichen konnte – das sieht das Bibliothekskonzept vor, das am Donnerstag bei der ersten Kulturausschuss-Sitzung des Jahres vorgestellt wurde. Ein weiteres Thema war die künftige Schwerpunktsetzung der Neustadter Kulturpolitik im allgemeinen.
Das Bibliothekskonzept, das von Bücherei-Leiterin Anna Nowosad und dem Bremer Qualitätsmanagement- Auditor Meinhard Motzko erläutert wurde, schreibt das 2009 erarbeitete Vorgängerpapier „2010 plus“ bis ins Jahr 2022 fort und formuliert Ziele, Aufgabenstellungen und Projekte, die in dieser Zeit in Angriff genommen werden sollen. Die für den Nutzer auffälligsten Veränderungen betreffen dabei die Räumlichkeiten der Stadtbücherei selbst und deren technische Ausstattung. So sieht der Plan vor, der Bücherei drei bislang anderweitig genutzte Räume mit einer Gesamtfläche von 240 Quadratmetern zuzuschlagen, damit Veranstaltungen wie Lesungen, Ausstellungen und Kindertheater künftig nicht wie bisher im eng bemessenen Eingangsbereich der Bibliothek durchgeführt werden müssen. Eines der Zimmer soll als Aufenthaltsraum genutzt werden, wo zum Beispiel auch die drei PC- und Internetplätze untergebracht werden könnten, die bislang neben der Besuchertoilette im Foyer stehen, was nach Nowosads Aussage oft zu Beschwerden bezüglich Privatsphäre und Lärmpegel geführt habe. Wie die Bibliotheksleiterin weiter mitteilte, stehen die drei Räume derzeit leer und befinden sich bereits in städtischer Hand – mit der Umsetzung könnte deshalb noch in diesem Jahr begonnen werden. Auch Kulturdezernent und Bürgermeister Ingo Röthlingshöfer (CDU) hob die günstige Gelegenheit hervor. Eine Beteiligung der Klemmhof-Eigentümergemeinschaft sei dazu nicht erforderlich. Außerdem schlägt das Konzept die Einführung eines Selbstverbuchungssystems mit zwei „Gates“, also Durchgängen, und die Modernisierung der Katalog-Software vor. Das bisher für die Mediensuche und die Verwaltung der Ausleihen genutzte „Opac“-System stamme aus den 90er Jahren, so Nowosad, also gleichsam aus der digitalen Frühgeschichte. Das Nachfolge-System „Open“ ermögliche den Nutzern dagegen eine viel schnellere und komfortablere Mediensuche und erlaube, die Bibliothek in attraktivem Design professionell im Web zu präsentieren. Nur durch die Einführung der Selbstverbuchungsmöglichkeit könnten die personellen Ressourcen freigeschaufelt werden, um die zahlreichen neuen Aufgaben, die die Bibliothek sich vorgenommen hat, auch tatsächlich wahrzunehmen. Für die Einführung von „Open“ und der RFID (Radio Frequency Identification)-Selbstverbuchung werden rund 8.200 bzw. 49.500 Euro veranschlagt. Ein Antrag auf Förderung durch das Land wurde bereits gestellt. Als weitere Veränderung soll den Plänen zufolge die Medienrückgabebox, die bislang direkt vor dem Bücherei-Entrée steht, vor den Eingang der Klemmhof-Passage in Richtung Kriegergarten verlegt werden, damit Nutzer ihre Medien auch zurückgeben können, wenn die Passage geschlossen ist. Umfangreiche Überlegungen hat die Bücherei auch zu ihren künftigen Zielgruppen und den daraus resultierenden Aufgabenstellungen angestellt. Wie Meinhard Motzko, der nach eigenen Angaben bereits 460 Kommunen in Deutschland und der Schweiz in Sachen Bibliotheksfortentwicklung beraten hat, ausführte, sei eine Konzentration der Bibliotheksarbeit auf bestimmte Zielgruppen unbedingt notwendig. Er untermauerte dies durch eine Analyse der Neustadter Bevölkerung nach dem sogenannten Sinus-Milieu-Modell, das die Menschen anhand vielfältiger Daten nicht nur nach sozialer Lage, sondern nach ihren Lebensstilen und Wertorientierungen unterscheidet, und verwies dabei auf zwei „Risikogruppen“, die „Prekären“ und die „Hedonisten“, die zusammen rund ein Viertel der Neustadter Bevölkerung ausmachten und verstärkt in den Blick genommen werden müssten, weil sie nach den Erkenntnissen der Pisa-Studie die größten Defizite beim Lesen und Schreiben aufwiesen. Die „Hedonisten“, die in Neustadt besonders im Stadtteil Branchweiler verortet werden, sind als „spaß- und erlebnisorientierte moderne Unterschicht/untere Mitte“ definiert, die „Prekären“ als „um Orientierung und Teilhabe bemühte Unterschicht“. Aus diesen und anderen Überlegungen heraus will die Neustadter Stadtbücherei laut Konzept künftig besonders Kinder (auch schon in den ersten Lebensjahren), Jugendliche und junge Erwachsene, Alleinerziehende sowie Flüchtlinge ansprechen. Auch die Aufgaben leiten sich daraus ab. So geht eine Schätzung, die sich auf Umfragen bei Kitas und Kinderärzten stützt, davon aus, dass bei über 20 Prozent aller Fünfjährigen in Neustadt Sprachförderbedarf besteht, weshalb die Angebote der Bücherei in diesem Bereich signifikant ausgebaut werden sollen. Auch Analphabeten oder Menschen mit nur rudimentärer Lese- und Schreibfähigkeit, deren Anteil innerhalb der Gruppe der 18- bis 64-Jährigen auf zusammen bis zu 40 Prozent (!) geschätzt wird, sowie „Offliner“, also Menschen, an denen die Segnungen der digitalen Moderne bislang völlig spurlos vorbeigehen (17 Prozent), sollen in den Fokus genommen werden. Speziell für die „Hedonisten“, die laut Motzko gewöhnlich einen weiten Bogen um eine Bücherei machen, wird an Virtual-Reality-Wochenenden und Veranstaltungen mit jungen Neustadter You-Tubern als „Lockangebote“ gedacht. Ausgebaut werden soll außerdem der Medienbestand für Flüchtlinge – auch in deren Muttersprachen. Im April seien acht Medienkisten mit Büchern in Dari, Arabisch, Albanisch und Somali in den Flüchtlingsunterkünften installiert worden, die ebenso wie die rund 300 Medien in diesen Sprachen in der Bibliothek selbst eifrig genutzt würden, so Nowosad. Eine Aussprache kam wegen des Zeitdrucks – etliche Ausschussmitglieder wollten ins obige Konzert – nicht zustande. Die soll nun bei einer Sondersitzung des Kulturausschusses am 6. Juni nachgeholt werden, bei der das Konzept dann auch als verbindliche Auftragsgrundlage bis 2022 beschlossen werden soll. Zu Beginn der Sitzung hatten Leni und Philipp Bohrmann von der Theatergruppe „Petunientopf“, die sich seit einiger Zeit verstärkt mit Filmprojekten beschäftigt, den 2016 vollendeten Kurzfilm „Exit“ und den ersten abendfüllenden Spielfilm „Haus der Diebe“ vorgestellt, der bis 2018 abgeschlossen werden soll. Röthlingshöfer bezeichnete dies als gelungenes Beispiel für die Förderung junger Kunst in der Stadt. Der „Exit“-Film war von der Stadt mit 500 Euro unterstützt worden. Die Ausführungen zur künftigen Neustadter Kulturpolitik, zu denen Robert Montoto und Thomas Kraus vom Kulturbüro der Metropolregion Erläuterungen beisteuerten, folgen in einem gesonderten Bericht.