Neustadt
Meckenheimerin erklärt, warum die Landwirte auf die Straße gehen
Die Proteste der Landwirte gegen das geplante Agrarpaket der Bundesregierung reißen nicht ab. Mit dabei ist stets auch Silke Hoos vom Grundhof in Meckenheim. Was würde die geplante Verschärfung der Düngemittelverordnung für den Betrieb konkret bedeuten?
Sie fühlt sich verschaukelt und zu Unrecht an den Pranger gestellt: Silke Hoos. Die Meckenheimer Landwirtin hat deshalb beschlossen, sich an den Protesten der Landwirte so lange zu beteiligen, „bis wir gehört werden“. Dass der Widerstand gegen die Agrarpolitik der Bundesregierung die Landwirte zusammenschweißt, macht ihr Mut. „So kann es einfach nicht weitergehen.“
Hoos ist gelernte Winzermeisterin und Landwirtin aus Leidenschaft. „Das ist eine Berufung, kein Beruf“, verdeutlicht sie. Nie hätte sie irgendetwas Anderes machen wollen. Und doch hofft die zweifache Mutter inzwischen, dass ihre Kinder einmal andere berufliche Wege einschlagen. „Wir kriegen einfach zu viele Steine in den Weg gelegt.“
Mit 87 noch täglich im Hofladen
Der Grundhof in Meckenheim ist ein Gemischtbetrieb und ein echter Familienbetrieb. Vier Generationen leben und arbeiten hier zusammen, der Jüngste geht noch in den Kindergarten, die Ältesten, Silke Hoos’ Großeltern, stehen mit über 85 und 87 Jahren noch immer jeden Tag im Hofladen. Sie selbst arbeite etwa zehn Stunden täglich, erzählt Hoos – im Winter. Im Sommer reiche das nicht. Und dennoch nähmen die Erträge stetig ab. „Die Kosten steigen, der Aufwand wird größer, und die Preise bleiben gleich – oder sinken sogar.“
Schon ohne die geplanten Verschärfungen der Vorschriften beim Einsatz von Düngemitteln und Pflanzenschutzmitteln sei die Lage schwierig genug. Hoos nennt Beispiele: „Wenn die Erdbeeren reif sind, heißt das nicht automatisch, dass wir sie an die Lebensmittelmärkte liefern können“, sagt sie. Da passiere es, dass es heißt: „Die Pfalz ist noch nicht gelistet.“ Die großen Handelsketten hätten feste Verträge, und wenn diese die Lieferung von Erdbeeren aus Spanien vorsehen, dann stünden eben spanische Erdbeeren im Supermarkt in den Regalen. Auch wenn die Früchte vor der Haustür ebenfalls reif seien.
Empfehlung contra Vorschrift
Ein anderes Problem: Das Dienstleistungszentrum Ländlicher Raum empfehle beim Pflanzenschutz einen Wechsel verschiedener Wirkstoffe, um Resistenzen zu vermeiden. Die Lebensmittelketten dagegen schrieben vor, dass Produkte nur Spuren von höchstens zwei Wirkstoffen aufweisen dürfen. „Das ist doch alles widersprüchlich“, ärgert sich Hoos.
Eine Verschärfung der Düngemittelverordnung – in der Diskussion ist eine Reduktion um 20 Prozent – würde laut Hoos dazu führen, dass der Grundhof Frühkartoffeln und Qualitätsweizen nicht mehr rentabel anbauen könnte. „Wenn in Deutschland immer mehr Betriebe zumachen müssen, weil sie nicht mehr rentabel produzieren können, was passiert dann? Importieren wir dann alles aus dem Ausland, wo es all die Vorschriften nicht gibt?“ Der Düngemitteleinsatz gehe bereits heute auf regelmäßige Analysen zurück und sei dadurch auf das Notwendige beschränkt. Etwas Anderes läge gar nicht im wirtschaftlichen Interesse der Landwirte, betont Hoos. „Mineraldünger ist teuer.“
Verordnung schon 2017 verschärft
Horst Frei, Leiter des Pflanzenbauteams beim Dienstleistungszentrum Ländlicher Raum, kann den Ärger der Landwirte ein Stück weit verstehen. Tatsächlich sei die Düngemittelverordnung 2017 bereits verschärft worden, Landwirte müssten den Nährmittelbedarf ihrer Felder berechnen und den Einsatz genau dokumentieren. Und was den Anbau von Frühkartoffeln und Qualitätsweizen angehe, sei es in der Tat so, dass bei diesen Kulturen eine Reduzierung der Düngung um 20 Prozent, wie derzeit geplant, nicht möglich sei.
Und was ist dann die Folge? Frei könnte sich vorstellen, dass es beim Weizen zu einer Änderung der Preisstruktur bei den Abnehmern kommt. „Derzeit werden die Landwirte nach dem Proteingehalt bezahlt, und ein hoher Proteingehalt ist nur mit einer späten Düngung zu erreichen“, erklärte er. Doch die Regeln würden schließlich EU-weit gelten. Und für den Geschmack der Backwaren sei der Proteingehalt nicht relevant. „Das Brot wird dann nur nicht so locker“, erklärt er.
Düngung kurz vor der Ernte
Anders sieht es bei den Frühkartoffeln aus. Da könne es durchaus zu einem Verdrängungsprozess kommen, bestätigt Frei. Denn die einheimischen Kartoffeln kämen dann später auf den Markt, und ausländische Anbieter, beispielsweise aus Ägypten, profitierten davon. Oder die deutschen Verbraucher kaufen weiterhin die Knollen aus dem Vorjahr.
Überhaupt: Der Verbraucher trage durchaus zur Erhöhung der Düngung bei, erklärt Frei. Feldsalat, der bis auf die untersten Blätter grün sei, sei nur mit einer Düngung kurz vor der Ernte zu bekommen. „Da bleibt natürlich auch etwas auf den Blättern drauf.“ Doch wer kauft Feldsalat mit gelben Blättchen, wenn daneben ganz grüner liegt? „Die Sache ist wirklich sehr komplex“, kommentiet Frei.
„Unfairer Wettbewerb“
Genau deshalb ärgert es Silke Hoos, dass die Landwirte derzeit „am Pranger“ stünden. „Wir liefern die Lebensmittel mit der niedrigsten Belastung, die die Kunden bekommen können, aber man hat den Eindruck, als wollten wir die Menschheit vergiften.“ Es sei unfair, dass in Deutschland Lebensmittel im Angebot seien, die mit deutlich weniger Auflagen produziert würden, und nicht selten eine höhere Belastung mit Pflanzenschutzmitteln aufwiesen.
Was die Belastung der Böden mit Nitrat angeht, widerspricht Silke Hoos außerdem vehement der Struktur- und Genehmigungsbehörde, die den Nitrat-Eintrag in der Vorderpfalz auf Landwirtschaft und Weinbau zurückführt. Hoos ist, wie andere Landwirte, der Meinung, dass beispielsweise beim Messpunkt in Meckenheim die Abwässer der stillgelegten Kläranlage in Königsbach zu den hohen Nitrat-Werten beigetragen haben. Laut SGD ist zwar nicht auszuschließen, dass über das Bachbett Nitrat ins Oberflächenwasser und ins Grundwasser sickert. „Mengenmäßig fällt das aber im Vergleich zur Landwirtschaft nicht ins Gewicht“, heißt es in einer Antwort der Behörde auf eine RHEINPFALZ-Anfrage.
Zur Sache: Nitratbelastung und Düngemittelverordnung
Die Düngemittelverordnung ist zuletzt am 1. Juni 2017 geändert worden. Die Bundesregierung reagierte damit auf die Forderungen der EU-Kommission zur Umsetzung der Nitratrichtlinie. Deutschland konnte die Stickstoffüberschüsse aus der Landwirtschaft nicht hinreichend reduzieren, deshalb hat die EU gegen Deutschland ein Vertragsverletzungsverfahren eingeleitet.
Die Maßnahmen reichten der EU-Kommission aber nicht aus, deshalb klagte sie vor dem Europäische Gerichtshof und bekam Recht.
In der Vorderpfalz ist es vor allem die Grundwassermessstelle 1451 bei Meckenheim, deren hohe Nitratmesswerte schon seit Längerem bekannt sind. Nach Auskunft der Struktur- und Genehmigungsbehörde (SGD) Süd lagen die Werte in den vergangenen Jahren um die 300 Milligramm pro Liter (mg/l). Sie schwanken aber von Jahr zu Jahr, teils auch erheblich. Nach den Vorgaben der europäischen Wasserrahmenrichtlinie sind Grundwasserkörper mit einem Nitratgehalt von mehr als 50 mg/l als „at risk“ eingestuft, also gefährdet. Deshalb muss die Nitratkonzentration in solchen Bereichen verringert werden.
Wie Horst Frei vom DLR erklärt, sehen die nachgebesserten Maßnahmen der Bundesregierung zur Nitratminderung in bestimmten Gebieten Deutschlands, die als „rote Gebiete“ definiert wurden und zu denen auch die Vorderpfalz gehört, eine Reduzierung des Düngemitteleinsatzes um 20 Prozent des errechneten Bedarfs vor. Die neue Düngemittelverordnung soll im Mai in Kraft treten.
Kommentar: Entscheidung im Einkaufsmarkt
In unserer globalisierten Welt hängt alles mit allem zusammen. Deutschland muss die Düngevorschriften verschärfen, weil die EU-Kommission das für alle EU-Länder fordert, und es ja auch richtig ist, den Nitrateintrag einzudämmen. Global betrachtet können dadurch jedoch auch Verdrängungsprozesse ausgelöst werden, die zu einer Steigerung von umweltbelasteten Anbaumethoden in anderen Ländern führen.
Doch so verzwickt die Zusammenhänge auch sein mögen: Auch der Einzelne hat ein kleines Gewicht, dass er in die Waagschale werfen kann. Einfach dadurch, dass er beim Einkauf auf die Herkunft der Produkte achtet. Denn was nicht nachgefragt wird, verschwindet irgendwann aus den Regalen.