Neustadt
Martin Kordic liest in der Stadtbücherei aus „Jahre mit Martha“
Immerhin: Dass er die Ich-Erzählung um den jungen Željko im Bezug auf dessen schon im Titel benanntes Verhältnis mit der deutlich älteren Heidelberger Professorin Martha Gruber eher als Beziehungs- denn als Liebesgeschichte bezeichnen würde und dass ihm zudem die Aufstiegsgeschichte des Ludwigshafener Jungen mit bosnisch-kroatischen Wurzeln beim Schreiben viel wichtiger gewesen sei als diese, das ließ der Autor sich entlocken. Denn er habe vor allem davon erzählen wollen, was der Preis des Aufstiegs – in Željkos Fall ein literaturwissenschaftliches Studium in München – ist: Einsamkeit, weil niemand mehr da ist, der einen auf dem Weg begleiten kann.
Ludwigshafen und Heidelberg: Zwei Welten
Die Verhältnisse, aus denen sich sein Protagonist herausarbeitet, schildert Kordic gleich zu Beginn sehr anschaulich, aber auch mit einer ordentlichen Prise Humor. Nicht zuletzt wegen des regionalen Bezugs konzentrierte er sich bei den Auszügen, die er an diesem Abend vor dem ungewöhnlich zahlreich erschienenen Publikum dieser Veranstaltung des „Literarischen Forums“ vortrug, auf diese entweder in Ludwigshafen oder Heidelberg spielenden Kapitel, wobei die beiden Städte gleichzeitig quasi für soziale Sphären stehen.
Den Einstieg macht die erste Begegnung Željkos mit Martha bei der Geburtstagsfeier seiner Mutter. Die Deutsche, bei der die Mutter putzt, ist der exotische Ehrengast, dessen Anwesenheit zugleich für Verunsicherung sorgt: „Meine Mutter backte tagelang mit meiner kleinen Schwester komplizierte Kekse und andere Süßigkeiten, fürchtete aber, Frau Gruber aus Heidelberg könnte unser Essen für minderwertig halten, und kaufte deshalb eine Tiefkühltorte aus dem Supermarkt.“ Wunderbar beiläufig geschildert werden aber auch die beengten Wohnverhältnisse, wo Željkos Bett so nah an der Toilettentür steht, dass den Gast eine psychologische Blockade beim Wasserlassen ereilt.
„Versöhnliches Grundtemperament“
Später in Heidelberg, wo der 15-Jährige einen Ferienjob bei der Professorin annimmt, werden die prekären Verhältnisse gleichsam gespiegelt, als Marthas Tochter mit einer Freundin „arme Kinder“ spielt und Željko die Darbietung korrigiert: mit Cola und Chips vor dem Fernseher. Auch die wunderbare Schilderung der vibrierenden Sommernacht, in der es zum ersten Kuss kommt, enthält Kordic dem Neustadter Auditorium nicht vor – genauso wenig wie die gemeinsame Fahrt einige Jahre später in die Herzegowina, wo die Folgen des Bürgerkriegs noch allgegenwärtig sind, was Martha stellvertretend für alle verwöhnten Biodeutschen wortwörtlich zum Kotzen findet.
Ob sein Buch denn als Abrechnung mit diesem Land zu verstehen sei, das Migranten keine Chance gebe, war eine der Fragen bei der munteren Diskussion im Anschluss. Kordic relativierte dies und sprach von einem „versöhnlichen Grundtemperament“, obwohl Željkos Leben in bestimmten Phasen durchaus von Enttäuschung und Wut geprägt sei. Schon zu Beginn hatte er erklärt, dass dies die erste Lesung für ihn überhaupt in einer Stadtbücherei sei, was Reminiszenzen in ihm wecke, weil er als Kind in Mannheim regelmäßig in einer solchen „geparkt“ worden war, während die quasi alleinerziehende Mutter ihre Einkäufe erledigte. Denn der Vater war genau wie der seines Helden unter der Woche auf Montage. Womit auch geklärt worden wäre, dass „Jahre mit Martha“ durchaus autobiografisch grundiert ist, auch wenn es deutliche Unterschiede gebe und Kordics Aufstieg zum Schriftsteller und Lektor des renommierten Hanser-Verlags vermutlich etwas geradliniger verlief als der seiner Romanfigur.
Lesezeichen
Martin Kordic: Jahre mit Martha. S. Fischer, gebunden, 288 Seiten, 24 Euro. Die Taschenbuchausgabe ist für September angekündigt.