Neustadt „Mann über Bord – Frau überglücklich …“

Placeholder-Image

«Neustadt». „Heute ist morgen schon retro“ hat Martin Zingsheim sein Musikkabarett-Programm genannt, mit dem er am Samstagabend beim Kleinkunstverein Reblaus für volles Haus sorgte: Unterstützt von einer kleinen Band – Martin Weber an der Geige, Klarinettist Nils Wittmann und Claus Schulte am Schlagzeug – präsentierte er ein „Best of“ seiner mittlerweile sechs Jahre währenden Kabarettistenkarriere, die ihm schon jede Menge Preise und Auszeichnungen beschert hat.

Dabei beschränkte sich der Kölner allerdings keineswegs auf die Musik, ließ ganz im Gegenteil immer wieder den blitzgescheiten Beobachter des alltäglichen Wahnsinns aufblitzen, für den man ihn in der Neustadter Katakombe so sehr schätzt – seit seinem Debüt 2013 war dies sein vierter Auftritt bei der „Reblaus“. Nicht verhehlen mochte er dabei seine Freude darüber, an einem schicksalhaften Tag für Horst Seehofer an die Weinstraße gekommen zu sein, verkündete der doch endlich seinen Rücktritt als CSU-Vorsitzender, aber ganz Deutschland spreche über das Lindenstraßen-Aus in der ARD. Und so erzählte Zingsheim – gerade mal 34 Jahre jung – nebenbei aus dem Alltag als Vater von vier Kindern in Köln, wo man unter anderem die Vorteile eines Lastenrades schätzen lerne: Mit einer Knautschzone von vier Lebewesen vor dem Lenker fahre man doch viel entspannter durch die Straßen als mit den Kindern im Anhänger. Er habe sich überlegt, die Lieder mit Zitaten von Cristiano Ronaldo anzumoderieren, sich dann aber doch für Weisheiten von Robert Lembke entschieden, auch weil es doch einer ganze Reihe von Beiträgen für ein abendfüllendes Programm bedürfe. Dass retro unmodern sei, widerlegte er anhand der Tatsache, per Globus nach Neustadt navigiert zu sein, und dass man als Kind der 90er Jahre inmitten von allerhand Grausamkeiten aufgewachsen sei, erkläre sehr schön, warum der Weltuntergang für die „Millenials“ durchaus eine Option gewesen sei. „Wie wäre die deutsche Geschichte verlaufen, wenn ab 1931 konsequent von Kevin Hitler die Rede gewesen wäre“, fragt Zingsheim angesichts der Macht der Satire, die sich auch daran manifestiere, dass der AfD-Vorsitzende Björn Höcke seit einem „Heute Show“-Beitrag Bernd genannt werde. Um gleich danach die Anschlussfrage zu stellen, ob nicht Donald Trump die Rolle des Lebens für Hape Kerkeling sei. „Zivilisation ist eine feine Sache. Man sollte darüber nachdenken, sie wieder einzuführen“, zitiert Zingsheim den Moderator und Showmaster Robert Lembke, um gleich darauf seine Jugendliebe Erika zu besingen, mit der er einst Eichen im Stadtpark umarmt hat. Und so erklärt er dann auch das Phänomen der Liebe, die mit einer Art Entführung des Partners beginnt und sich in der Hoffnung auf ein baldiges Einsetzen des Stockholm-Syndroms fortsetzt: „Mann über Bord – Frau überglücklich …“, oder wie der deutsche Nationalphilosoph Richard David Precht es formulieren würde „Wen liebe ich, und warum weiß ich nichts davon?“ Es sei schade, dass aus der Jamaika-Koalition nichts geworden sei, meint Zingsheim dann gleich im nächsten Atemzug angesichts der spannenden Vorstellung, wie es wohl sei, wenn Wolfgang Kubicki und Markus Söder vier Jahre lang Einigkeit mit Claudia Roth demonstrieren müssten. Deshalb wirbt er auch für den Eintritt in eine Partei, denn „damit rechnen die nicht mehr“. „Ich bin ein großer Fan von ihm“, meint er vor einer wunderbar verschwurbelten Herman-van-Veen-Parodie, outet sich dann auch noch als Fan von Mittelalter-Märkten („Da achte ich selbst bei einem Stück Gouda drauf“), um zu dem Schluss zu kommen, dass früher zwar nicht alles besser, aber eben früher war. Fazit: Zingsheim und seine Band bereiteten ihrem Publikum einen unterhaltsamen, bisweilen sehr hintersinnigen und vor allem sympathischen Abend, der darauf hoffen lässt, dass er bald mal wieder von der „Reblaus“ nach Neustadt eingeladen wird.

x