Neustadt
„Manfred Mann´s Earth Band“ überzeugen beim Konzert im Saalbau – trotz der üblichen Eskapaden ihres Frontmanns
Zwar sind von Tag eins an nur noch Gitarrist Mick Rogers und Keyboarder Manfred Mann mit von der Partie, aber auch die anderen Musiker haben sich längst so in das Bandgefüge integriert, dass dem Publikum im Vergleich mit der Urbesetzung kein Verlust auffällig wird. Bassist Steve Kinch hat inzwischen auch schon drei Jahrzehnte „Earth Band“-Erfahrung auf dem Buckel, der von „Bad Company“ dazugestoßene Sänger Robert Hart steht im zwölften Jahr für die Combo am Mikrofon. Schlagzeuger John Lingwood kam für den 2017 an Leukämie verstorbenen Jimmy Copley, kann sich aber rühmen, bereits in den Jahren 1979 bis 1986 für die „Earth Band“ hinter der Schießbude gesessen zu haben. Aufmerksamen Beobachtern in Neustadt fiel auf, dass er, der 1972 erstmals durch Deutschland getourt ist, damals noch als Drummer von „Steamhammer“, sich optisch immer mehr in einen Doppelgänger von Ritchie Blackmore verwandelt.
Zusammen mit Steve Kinch bildet er das stabile Rückgrat der „Earth Band“. Im Fokus des Geschehens aber stehen Rogers und Mann, die sich immer wieder virtuos improvisierte Duelle auf Gitarre und Orgel liefern. Rogers gibt dabei gerne den Sympathikus und hält sich öfters am vorderen Rand der Bühne auf, wo er sich des Beifalls seiner Anhängerschaft sicher sein kann. Mann dagegen zeigt sich eher verschlossen, erledigt konzentriert und gleichzeitig herausragend seinen Job auf den um ihn herum gestapelten Tasteninstrumenten.
Miesepeter Manfred Mann wird sich wohl nicht mehr ändern
Er scheint sich nur wenig für das Geschehen außerhalb seines Arbeitsplatzes zu interessieren. Mann gilt in der Branche als unberechenbarer Einzelgänger, der stets nur das tut, wonach ihm im Moment gerade zumute ist. Auch im Saalbau gab er eine kleine Kostprobe dieses nicht von allen gern gesehenen Verhaltens. Während des Bob-Dylan-Covers „Father Of Day, Father Of Night“ setzt Mann normalerweise in der Mitte des Stücks eine Keytar, eine Mischung aus Keyboard und Gitarre, ein, die es ihm ermöglicht seinen angestammten Platz zu verlassen und in der Bühnenmitte zusammen mit Mick Rogers eine kleine Showeinlage zum Besten zu geben. Mann beginnt das Stück üblicherweise an Synthesizer und Orgel, lässt sich dann von einem Roadie die Keytar reichen und tänzelt damit ins Rampenlicht, wo ihn Rogers bereits wild rockend erwartet. So auch diesmal wieder. Mann hängte sich also die Keytar um, machte sich auf den Weg ins Rampenlicht, entschloss sich aber auf dem Weg dorthin, doch keine Lust für irgendwelche unnötige Mätzchen zu haben und ging, ohne auch nur einen Ton gespielt zu haben, wieder an sein Stamminstrumentarium zurück, einen völlig verblüfften Mick Rogers und ein erstauntes Publikum zurückzulassend.
Aber so kennt man den 81-Jährigen. Ändern wird er sich wohl nicht mehr. Mit solchen Spielchen demonstriert er seinen Bandkollegen regelmäßig, wer in der „Earth Band“ das Sagen hat. Der Applaus seiner Fans ist ihm trotzdem gewiss, denn Songs wie „Martha´s Madmen“ oder „I Came For You“ sind zeitlos und lassen sich auch von einem Miesepeter wie Manfred Mann nicht kaputtmachen. Großen Anteil daran, dass Stücke wie die genannten oder auch tausendmal gehörte Hits wie „Davy´s On The Road Again“ und „Blinded By The Light“ auch heute noch eine gewisse Frische in sich tragen, hat Sänger Robert Hart. Er fügt der Mischung aus Progrock und Pop, für die die „Earth Band“ bekannt ist, mit seiner markanten Stimme eine gehörige Portion Bluesrock bei. „You Angel You“ macht er fast zu einer Robert-Hart-Solonummer, greift dazu selber zur Akustikgitarre und präsentiert das Lied in einem völlig veränderten Arrangement.
Bei „Doo Wah Diddy Diddy“ zieht sich der Frontmann zurück
Bei „Father Of Day, Father Of Night“ hat Mick Rogers den Leadgesang inne. Stimmlich ist er zwar nicht (mehr?) auf der Höhe, lässt sich aber hier auf keine Kompromisse ein. Er hat den Song schon 1973 auf der LP „Solar Fire“ gesungen und das bis heute so beibehalten. Es wäre sicher interessant, zur Abwechslung einmal Robert Harts Interpretation des Titels, der einer der bekanntesten der „Earth Band“ überhaupt ist, zu hören – aber Original bleibt eben Original, und Änderungen im Ablauf sind ohne Manfred Manns Einwilligung sowieso nicht gestattet.
Einen Blick auf dessen ebenso erfolgreiche R´n´B-Zeit vor der „Earth Band“ gab Mick Rogers. Er sang und spielte für die begeistert mitsingenden Konzertbesucher den Oldie-Hit „Doo Wah Diddy Diddy“ aus dem Jahr 1964, der sich damals über drei Millionen Mal verkaufte und Platz 1 der US- und UK-Charts erklomm. Manfred Mann ist (nicht nur) durch diesen Song reich und berühmt geworden, will ihn aber heute nicht mehr spielen müssen. Im Saalbau zog er sich deshalb für die Dauer der Mick-Rogers-Einlage von der Bühne zurück und stieg erst wieder zur letzten Zugabe des Abends ein, die natürlich nur „Mighty Quinn“ heißen konnte.