Neustadt Luther ins 21. Jahrhundert holen

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«DEIDESHEIM». Anlässlich des 500. Geburtstags der Reformation setzt sich auch der „Freundeskreis ehemalige Synagoge“ in Deidesheim mit dem Wirken Martin Luthers auseinander, das ja bekanntlich gerade im Bezug auf die Juden eine ausgesprochen hässliche Seite aufweist: „Luthersprüche“ ist die Veranstaltung überschrieben, die am kommenden Montag im Bürgerhospital auf dem Programm steht.

Protagonist des Abends ist Oberkirchenrat Helmut Aßmann aus Hannover, der von 2005 bis 2015 das Amt des Superintendenten für den Kirchenkreis Hildesheim-Sarstedt inne hatte. Seit damals kennen und schätzen ihn Birgit Franz und Georg Maybaum, beides in Deidesheim lebende Professoren der Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst Hildesheim/Holzminden/Göttingen und Vorstandsmitglieder des Synagogen-Fördervereins. Aßmann wird in seiner selbst erdachten und vorgetragnen Inszenierung den kirchlichen Erneuerungsgedanken Luthers anhand seiner Schriften vorstellen, dabei aber auch jene Äußerungen nicht aussparen, die das Bild des Reformators aus heutiger Sicht ganz erheblich trüben, das heißt, seine diskriminierenden Streitschriften zur Bauernschaft , den Juden und den Türken, aber auch Abhandlungen zu verschiedenen religiösen Minderheiten sowie der Rolle der Frau im frühen 16. Jahrhundert. Aßmann bemüht sich dabei um eine Kontextualisierung: So entstanden die antitürkischen Schriften im Zusammenhang mit der Belagerung Wiens durch die Osmanen im Jahre 1529 und sind erkennbar von der Sorge um den Fortbestand des christlichen Europas geprägt. Die Bauern erregten Luthers Missfallen, weil sie sich im Bauernkrieg des lutherischen Freiheitsbegriffs zur Rechtfertigung ihre Erhebung bedienten. Dagegen waren Luthers „Judenschriften“ in Erwartung der erhofften Mission zunächst noch relativ freundlich formuliert. Als sich aber abzeichnete, dass dies eine Illusion bleiben würde, schlug der bekanntermaßen cholerische Luther mit einem Mal einen radikal antisemitischen Ton an, der heute nur noch verstören kann. Ein Miteinander von Juden und Christen war für ihn schlicht nicht vorstellbar. Ähnlich erschütternd sind bestimmte Aussagen zu protestantischen Minderheiten wie den Täufern. Anders war Luthers Haltung, so Aßmanns Erkenntnis, bei der Rolle der Frau. So trat er für eine Förderung der Bildung von Mädchen und Frauen ein. Dennoch zeigten etwa die Tischsprüche, dass Luthers Frauenbild letztlich widersprüchlich und in vielem überlieferten Vorstellungen verhaftet blieb. Aber auch wenn viele seiner Aussagen heute eine schwere Hypothek bilden, bleibt doch zu vermerken, dass Luther in vielen Bereichen Tore aufstieß, ohne die die moderne Welt, wie wir sie kennen, nicht denkbar wäre. Die nicht kleine Aufgabe, den mittelalterlichen Luther im 21. Jahrhundert differenziert und neu zu lesen, will Aßmann an diesem Abend angehen und darüber im Anschluss mit den Besuchern auch diskutieren. Termin Die Inszenierung „Luthersprüche“ von und mit Helmut Aßmann ist am Montag, 29. Mai, um 19 Uhr in der Spitalkapelle des Bürgerhospitals in Deidesheim zu erleben. Der Eintritt ist frei.

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