Neustadt Lombardische Gelassenheit

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Neustadt. Hochzufrieden war am Sonntag das Publikum mit dem zweiten Konzert des Neustadter Orgelsommers, der Organisten aus verschiedenen Ländern Europas an den Spieltisch der wunderschönen neuen Edskes-Orgel in der Stiftskirche bringt. Lorenzo Ghielmi brachte aus Mailand Musik von Frescobaldi und Scarlatti mit, wusste aber fast noch mehr als vorzüglicher Bach-Interpret zu gefallen.

Ghielmi – einer der Lehrer des Stifts-organisten Simon Reichert – überzeugte durch ausgewogen schönes, klares, überlegtes und stets überlegen sicheres Spiel. Die Gegensätze, welche die vergangenen Jahrzehnte prägten – erst die Forderung „Siempre legato“, dann die abgehackte Spielweise, welche die historisch Informierten zunächst haben wollten – sind ausgeglichen: Es bestimmt eine mäßige, im Detail meist lebendig bewegte Gebundenheit Ghielmis durch geschickte Registerwahl stets durchsichtig leuchtenden Vortrag, dem es erkennbar um abwechslungsreiche Klangfarbenwahl zu tun ist. Der Italiener startet mit einem Italiener: mit Girolamo Frescobaldi, dem wahrscheinlich bedeutendsten italienischen Orgelkomponisten, nicht nur des 17. Jahrhunderts. Er hat wesentlich die Gattung der Toccata geprägt, eine Form, in der knappe Fugen von ganz freien, noch nicht einmal an ein durchgehendes Tempo gebundenen Passagen gerahmt werden. Wie muss man das spielen? So, wie ein Italiener Auto fährt, impulsiv und ruckhaft, hat einmal ein hiesiger Organist dazu gesagt. Nun fährt man, zumindest von Rom aus gesehen, wo Frescobaldi seinerzeit Organist am Petersdom war, in Mailand schon fast so ruhig wie in Deutschland – Ghielmis Vortrag der „Toccata con il contrabasso ovvero pedale“ war ebenso wie der eines Stücks zur Epistel und zweier Gagliarden demgemäß von Eruptionen frei und doch lebendig, in eher verhaltener Registrierung. Starker Pedalgebrauch, wie man ihn damals im Süden kaum kannte, kennzeichnet Präludium und Fuge in g-Moll des norddeutschen Orgelmeisters Arnold Matthias Brunckhorst, 15 Jahre älter als Bach. Lorenzo Ghielmi präsentiert dies gravitätisch und kraftvoll im Klang, völlig klar und schlackenlos. Es folgen zwei Choralbearbeitungen von Dietrich Buxtehude in der typischen Form für zwei kontrastreich registrierte Manuale und Pedal, „Der Tag der ist so freudenreich“ warm-leuchtend registriert, in schönem, flüssigem, transparentem Legato, und „Nun bitten wir den Heiligen Geist“. Das kommt dem Hörer ungemein plastisch in großer meditativer Ruhe und Gelassenheit intensiv entgegen. In Georg Friedrich Händels „Adagio e Fuga“ in d-Moll kündigt das Adagio schon den neuen, empfindsamen Stil an. Dass nach kaum 25 Minuten Musik schon eine viertelstündige Pause mit Ausschank und CD-Verkauf eingelegt wird, wirkt eher störend. Vielleicht sollte man bei einer – durchaus typischen - Orgelkonzertdauer von 60 Minuten reiner Musik, was mit Zugabe und Honneurs fünfviertel Stunden ergibt, den Umtrunk nach dem Vorbild einer ähnlichen Orgelreihe in Bad Dürkheim doch lieber vor oder meinetwegen auch nach dem Konzert abhalten, statt es in so kurze Hälften zu reißen. Weiter geht`s mit der Sonata in a-Moll K 61 von Domenico Scarlatti, im gleichen Jahr 1685 wie Bach und Händel geboren: ein schneller Satz, elegant und leichtfließend gespielt, in durchscheinenden Flötenstimmen endend. Schließlich Bach: ein Präludium mit Fuge in d-Moll. Die Fuge ist Bachs Bearbeitung einer eigenen Violinsonate, das Präludium hat Ghielmi auf gleichem Weg selbst arrangiert. Interessant sein Spiel: die Fuge leistet sich einige agogische Akzente, die das Tempo fast sprengen und aus einem regelmäßig abspulbaren Ablauf ein spannendes Abenteuer machen. Die Choralbearbeitung „Nun komm, der Heiden Heiland“ BWV 659 ist klanglich wunderbar: Herrlich strahlt der Diskant über den mild registrierten, vom Tremulanten in zarte Schwingung versetzten Unterstimmen. Der Höhepunkt des Konzerts, allein schon durch die Komplexität des musikalischen Textes: Bachs Toccata, Adagio und Fuge in C-Dur BWV 564. Faszinierende Virtuosität, rasche, dabei völlig klare und ebenmäßige Läufe über die Tasten – wobei das folgende große Pedalsolo, so beeindruckend Ghielmi es ausführt, dieses Tempo nicht halten kann. Umso freudiger setzen dann die Hände die Musik ungemein geläufig fort, sehr farbenreich, geradezu französisch registriert. Hier ist vor allem die Leichtigkeit und Selbstverständlichkeit bemerkenswert, mit der Ghielmi diese schwer zu spielende Musik leuchten lässt. Das Adagio: nachdenklich, aber nicht zu sehr. Es hat einen warmen, langsam schwingenden Grundrhythmus. Die Fuge: ganz klar, sie gewinnt bei aller Gravität auch etwas tänzerische Begeisterung. Der Organist zeigt die Architektur dieser Musik mit aller Deutlichkeit und gewinnt ihr zugleich schöne Kantabilität ab. Und so ist der Beifall anhaltend, zustimmend und herzlich. Die Zugabe bringt Nächstliegendes für einen italienischen Bachinterpreten: Das Allegro aus Bachs Orgelkonzert in a-Moll, die Bearbeitung eines Konzerts von Antonio Vivaldi. Das spielt Ghielmi so frisch, so federnd, so herrlich agogisch frei, wie man es gewiss noch selten gehört hat.

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