Neustadt
Lieber ROLPH, ich mache Schluss
unsere Freundschaft war kurz und intensiv, aber ich wende mich nach drei Monaten endgültig von dir ab. Verzeih: Du hast mich krank gemacht! – ich liege auf dem Sofa mit grippalem Infekt und scrolle nach Gebrauchtwagen. Schnell wieder ein Auto kaufen, das ist die Quintessenz aus einer kurzen und heftigen Beziehung mit dir!
Ich verlasse dich, will dich aber nicht darüber im Unklaren lassen, was du in meinen Augen falsch gemacht hast, so dass es überhaupt zu dieser Trennung kommen konnte.
Du warst eben doch eine Mogelpackung auf der Dating-Plattform, all die hübschen Plakate mit Menschen, die mit dir „entspannt bewegende Momente in der Region“ erlebt haben und dein Versprechen: „Ich bringe dich einfach hin!“ Oder verwechsle ich das doch mit den Plakaten von Parship am Bahnhof?
Lieber ROLPH, ich für meinen Teil bin Kompromisse in unserer Beziehung eingegangen: Mein Weg zur Arbeit, von Neustadt-Hambach zur Kurpfalz-Kaserne in Speyer, dauert mit dem Auto 40 Minuten, die Reise mit dir und Fahrrad 75 Minuten, einfacher Weg! Auch die kalte und regnerische Zeit hielt mich nicht davon ab, dir nicht untreu zu werden. Aber warum lässt du mich beim Date fünf Minuten länger am Bahnhof stehen, bis du kommst, und entschuldigst dich nicht mal dafür?
Wenn es nur einmal passiert wäre, Schwamm drüber! Ich will dir auch nicht aufrechnen, dass bei unseren gemeinsamen Unternehmungen die Hälfte der Fahrten so schief gegangen ist, wie eben beschrieben.
Es hat mich schon nachdenklich gemacht, dass ich mich dir morgens –wegen Schifferstadt! – eine halbe Stunde früher anvertraut habe, um nach einer Stunde 45 Minuten an meinem Arbeitsplatz zu sein. Wenn andere fragten: „Wie geht es dir so mit ROLPH, man hört ja so einiges!“, traute ich mich gar nicht, über unsere Beziehung zu sprechen, sie hätten denken können, ich bin dir hörig.
Aber schon beim dritten Mal hast du deine Fürsorge vergessen! In Freinsheim lässt du mich stehen, über Lautsprecher lässt du mir verkünden, du wärest 25 Minuten verspätet. Das hätte ich ja noch akzeptiert, aber als du mich zehn Minuten später auf 60 Minuten vertröstet hast, riss mir der Geduldsfaden! Wutentbrannt – „Es geht auch ohne ROLPH!“ – bin ich von Freinsheim mit dem Fahrrad über die Felder nach Lambsheim gefahren. Und das Gott sei Dank, denn so kannte ich den Weg schon, als ich nachts in der Dunkelheit zurückfuhr, weil du keine Lust hattest, mich in Lambsheim mit der letzten Fahrgelegenheit des Tages abzuholen.
Auch in Freinsheim wagte ich nicht, auf dich zu warten, kannte ich doch deine Unzuverlässigkeit zu Genüge und so bin ich im Dunkeln gleich weiter gefahren nach Bad Dürkheim. Dort standest du bereit, und als wir losfuhren, merkte ich, wie recht ich hatte: Aus Freinsheim war kein Zug gekommen! Über die anderen Male will ich nicht mehr reden. Dass ich mich einmal in Lambsheim abholen lassen musste – mit dem Auto! –, das ist völlig enttäuschend und höchst peinlich für dich!
ROLPH, wenn du überhaupt so weit gelesen hast, ohne meinen Brief zu zerknüllen und achtlos in den Mülleimer zu werfen, höre zu! Ich sitze am Bahnhof auf dem Stahlgitterstuhl, hol mir den Wolf am Arsch, und du bist schon wieder sechs Minuten verspätet. Du weißt schon, was jetzt kommt! Schämst du dich nicht: Die fünf Minuten sind die, aus denen dann in Schifferstadt eine halbe Stunde wird, in der Kälte, nass, durchgefroren!
Ach übrigens: Die Erkältung schlug erst zwei Tage später durch. Den Abend nach diesem Desaster spaziere ich zum Bahnhof in Neustadt, 18.16 Uhr-Zug Richtung Karlsruhe, in Edenkoben will ich aussteigen. Auf deiner Tafel steht, unser Date um 18.16 Uhr entfällt, aber vorher – zum Glück bin ich überpünktlich! – um 18.09 Uhr geht es in die gleiche Richtung. Wie wir losfahren, höre ich „Nächster Halt, Landau!“ Also kein Stopp in Edenkoben, das heißt, nachher von Landau wieder den halben Weg zurück? Da spricht dein netter Kollege aus dem Cockpit: „Gleich kommt unser Personal und kontrolliert die Fahrkarten. Bitte halten Sie doch ihre Fahrscheine bereit oder 60 Euro, falls Sie keinen haben! Wir wünschen eine gute Fahrt!“ Allgemeine frohe Stimmung im Zug, die mich aber nicht ansteckt. Mein Ticket gilt nur bis Edenkoben, nicht bis Landau. Deine Kontrolleurin kommt, sie scannt meine Karte, ich bete insgeheim im Stillen: „Gnädige Frau, nur ein falsches Wort, dann werde ich Ihnen den Frust, den ich mit meinem ROLPH habe, dermaßen ins Gesicht brüllen!“ Sie blickt von Ihrem Scanner hoch, schaut mir in die Augen, will etwas sagen, dann eine kleine stumme Pause, gezwungenes Lächeln, „Gute Fahrt!“
In den drei Monaten hatten wir zwei einigen Verkehr, aber für die Weichenstellung einer Verkehrswende scheint bei dir genau diese Weiche eingerostet zu sein.
Lieber Rolph: zumindest einer deiner Sprüche hat gestimmt: „Ich bringe dich hin!“ Ja, du hast mich hin gebracht: auf die Palme!
Der Autor
Bernhard Weller, geboren 1959 in Stuttgart, verheiratet, zwei Kinder, Ausbildung zum Dreher, Abitur am Speyer Kolleg, Studium Geschichte, Philosophie, Germanistik in Mannheim, Lehrer in der Erwachsenenbildung, seit 1990 Trekking-Reiseleiter und von 1995 an zusammen mit Götz Valter professionell auf der Bühne als Duo „Spitz & Stumpf“. Der Wahl-Hambacher gab seit 2021 bereits zweimal in Gastbeiträgen Einblicke in sein Leben und abstruse Erfahrungen des Alltags.